„Wir sind die Roboter“, „Sie ist ein Model“? Vorhang auf für Kubankes Kraftwerk Kolumne samt Interview mit Karl Bartos:
Die Rudimente Kraftwerks sind 2026 wieder live unterwegs, ihre bewusst konsequente Musealität chic in Szene zu setzen. Ich liebe sie.
Und dennoch:
Neuen Stoff gibt es seit verdammten 23 Jahren nicht. Wer hilft gegen den Phantomschmerz?
Karl der Große!
1. Die These:
Karl Bartos ist mehr als ein Kraftwerk Ersatz. In ihm schlägt ihr wahres, pochendes Herz.
2. Die Beweisführung:
Warum ist das so?
Ganz einfach.
Der Ex-Roboter liefert bereits 2013 mit „Off The Record “ die beste Kraftwerk-Platte seit 1981.
Sicher, auf den ersten Blick handelt es sich formal lediglich um Karl Bartos‘ Soloprojekt. Doch dem ewigen Dritten in der Menschmaschine ist hier materiell betrachtet weit mehr gelungen: Eine echte Bestandsaufnahme der Kraftwerk-Ära von 1977 – 1993. Etwas nostalgisch, zaghaft gegenwärtig, dabei voll melodischer Substanz. Ein kraftstrotzendes Werk.
Nicht umsonst führt man den Wahlberliner seit 1978 mit „Die Mensch-Maschine“ berechtigt als Co-Autor etlicher Klassiker. Sein verspielter und bei aller Rhythmik sehr melodischer Beitrag spielt dort eine ähnliche Rolle wie etwa George Harrison bei den Beatles: Talentiert und essentiell, aber in der Öffentlichkeit nicht ganz so wahrgenommen etwa wie Bandgründer Hütter und V2-Schneider bzw die Teilzeitkraftwerker Michael Rother/Klaus Dinger alias Neu!.
Deshalb: Wird echt Zeit!
Schon das Coverartwork mit der Variation des legendären Roboterpuppenkonterfeis räumt mit jeglicher Zurückhaltung auf. Selbstsicher und doch unübersehbar skeptisch blickt der Gummibartos in unsere musikalisch gelegentlich etwas beliebige Gegenwart.
Sein Dutzend Lieder gibt zu derlei Skepsis zum Glück keinen Anlass. Schon der Einstieg „Atomium“ schlägt die drei durchschnittlicheren Tracks des 1986er Opus „Electric Cafe“ um Längen. Wuchtig und auf den sterilen Punkt.
Elegant widersteht Bartos der lockenden Versuchung, seine akustischen Tagebücher aus ferner Roboterzeit mit trendy Modernismen zu überfrachten. Die Statements bleiben zeitlos. Alle Gegenwart existiert nur als Fußnote wie etwa beim frankophonen, dezent an die Enkel von Air gemahnenden „International Velvet“. Keine „Moon Safari“ ohne den Taufpaten Onkel Karl, nicht wahr?
Folglich:
Alles darf hier endlich unangestrengt Pop sein. Ein unterhaltender Gute-Laune-Ohrwurm wie „Nachtfahrt“ etwa zeigt den ehemaligen Androiden gar als echten Romantiker, dem kein Weg zu weit ist, die Geliebte zu erreichen. „Ohne Sinn und Verstand. Das bringt mich noch mal um“ verbindet die Bestandsaufnahme jeglicher Gegenwart so nonchalant mit einer humorig-menschlichen Angepisstheit, wie es in der keimfreien Mutterband nicht eine Sekunde lang möglich gewesen wäre. Nicht nur hier verzichtet er (endlich) auf den Einsatz der Robovoice. Der Hörer erhält nunmehr eine Idee vom Klang Bartos‘ natürlicher Stimmlage.
Extrem souverän.
Und diese Souveränität erschafft folgerichtig Wärme durch Entblößung, etwa in „Without A Trace Of Emotion“. Das Experiment gelingt. Das mit über fünf Minuten längste Stück „Musica Ex Machina“ macht hernach den prähistorischen Technosack so richtig zu. Der fette Dancefloorkracher nagelt sich regelrecht durch einen bleependen und klonkenden Maschinenpark. Disjo für Fritz Lang-Fans galore. So hoffnungslos neben der Spur jeglichen Zeitgeistes; eine diebische Freude.
Das m.E. nach außergewöhnlichste, faszinierendste Lied ist dennoch das weniger dynamische „The Tuning Of The World“ mit ebenso simpler wie bärenstarker Melodielinie. Berührend, wie das lyrische Ich in melancholischer Selbsterkenntnis um Spiritualität und Glauben ringt, ohne sich als der Ratio verschriebener Mensch am Ende zum Glaubensakt durchringen zu können.
Was folgt, ist die in Würde zu ertragende Trostlosigkeit im Angesicht der Vergänglichkeit allen Seins. Woody Allen galore.
„I wish I could believe in God. Life would be just safe and sound … I hope I die gracefully.“
Auch hier gilt: Mit solch philosophischer Emotionalität wäre er als Milarepa of Music bei den alten Kollegen nie und nimmer durchgekommen. Großartiger Song, perfekter Solomoment.
Fazit:
Wenn es mithin tatsächlich so etwas wie die totale Emanzipation von der übermächtig anmutenden Mutterband geben kann, ist Karl Bartos dies eindrucksvoll gelungen.
Cut
Bremen/Berlin im August 2013:
Am Telefon entpuppt sich Karl Bartos als zugänglicher, sympathischer und humorvoller Gesprächspartner. Neben den alten Weggefährten erläutert er uns das Wesen sowie den Zugang zur Musik, die Mechanismen des Showbiz und viele persönliche Hintergründe.
UlfLegt man die eigene Musik traditionell an, meckern die einen. Macht man was Trendiges, heißt es, das sei Anbiederung an die Moderne. Wie hast Du Dich von solchem Druck befreit?
KarlGar nicht, ich muss den Druck halt aushalten. Aber wenn ich zum Beispiel die ganzen Kraftwerk-Titel, an denen ich mitgewirkt habe, live aufführe, dann sind die eben original. Dann ist es das Originalarrangement. Zum Beispiel ein Song auf „Mensch-Maschine“ – „die Roboter“ – oder so. Das führe ich original so auf. Und sehr oft höre ich hinterher in der Berichterstattung, die neuen Arrangements von Karl Bartos klängen sehr, als hätten sie sich an Two-Step angelehnt. Dabei mache ich seit 32 Jahren immer dasselbe, nur die Leute die darüber schreiben ändern sich. Two-Step? Ich kenn das gar nicht.
Auch mit der letzten Platte ist es im Grunde genommen genau das gleiche. Man referiert natürlich auf die Sachen, die man selber früher gemacht hat. Bei „Off The Record“ hab ich das mal zum Thema gemacht und hab darüber geschrieben: das ist der Titel, der kommt daher. Aber im Grunde genommen mache ich das immer so. Das passiert dann im Unterbewusstsein. Aber man erzählt es niemandem. So arbeitet eigentlich jeder, der Musik komponiert. Es gibt Sachen, die auf die jetzigen Platte nicht drauf kommen. Die kommen dann auf die nächste. Eigentlich ist es ein permanenter Prozess der sogenannten Klangbiografie. Die Platte ist jetzt auch erfolgreich. Eigentlich meine erfolgreichste bisher, weil die Leute das gesagt bekommen was sie hören. Bei der weniger gut verkauften vorletzten Platte „Communication“ wars eigentlich genau der gleiche Prozess. Nur hab ich das nicht so beschrieben.
UlfVielleicht ist es auch einfach der falsche Zeitpunkt zur VÖ, damals?
KarlJa, das war doof! Weil eben auch „Tour De France Soundtracks“ von Kraftwerk gleichzeitig veröffentlicht wurde.
UlfDamals gab es auch ein paar Vorwürfe in der Presse nach dem Motto: „Ach, das haben die doch extra gegeneinander gemacht“.
KarlNein, um Himmels Willen! Keinerlei Absicht! Das kam damals durch Sony. Heutzutage würde ich das Release aus meiner Sicht einfach noch ein halbes Jahr verschieben. Aber das ging damals nicht mehr. Es wär geradezu Selbstmord gewesen, weil die ganzen redaktionellen Plätze bereits voll waren. Da müsste man ja schön blöd sein, wenn man das wissentlich zeitlich so einrichtet. Ganz im Gegenteil: Das war ein totales Unglück!
Aber dieses Mal wars eigentlich sehr, sehr gut und den Druck hab ich nicht so. Ich habe leider so das Gefühl, dass es bei mir und bei Kraftwerk aus Fansicht so ist wie im Fußball. Wer jetzt für Dortmund ist, der kann nicht für München sein.
UlfIch denke, ihr seid im Grunde ein wenig wie ungleiche Brüder. Aber wenn man den einen mag schließt das ja nicht aus, dass man den anderen auch mögen kann.
KarlGrößtenteils ist es dennoch leider so. Es gibt heutzutage die Möglichkeit für Leute, die mir nicht so sehr gewogen sind – z.B. bei der Zeit oder beim Spiegel Online – so ’nen kleinen Shitstorm oder ähnliches anzustoßen. Aber das ist eigentlich recht unwesentlich. Im Grunde genommen bin ich relativ zufrieden mit der Resonanz von der letzten Platte.
UlfEin Lied heißt „Instant Bayreuth“. Das passt gut zum 200. Wagner Geburtstag. Muss man das Werk des jeweiligen Künstlers Deiner Ansicht nach getrennt und unabhängig von dessen Biografie behandeln und auch betrachten oder nicht? Oder ist das von Fall zu Fall verschieden?KarlBeides! Es ist ja im Leben nicht alles Schwarz oder Weiß. Je älter man wird, desto mehr Grautöne kennt man. Eigentlich ist der Richard Wagner ja unglaublich belastet. Gleichzeitig hat er so tolle Musik gemacht. Und das gilt eben für ganz, ganz viele Künstler. Für mich wird immer interessanter zu wissen, wie so ein Künstlerleben denn abgelaufen ist. Und deshalb hab ich auch diesen Text geschrieben zu „Instant Bayreuth“. Nimm doch einen Künstler wie z.B. Igor Strawinski. Der musste während des zweiten Weltkriegs immigrieren. Dann war er in der Schweiz und hatte überhaupt kein Geld mehr. Aber er wollte weiterarbeiten und musste auch Geld mit Aufführungen verdienen. Also hat er ein Werk geschrieben für ganz, ganz kleines Orchester, eigentlich fast ein Jazz-Ensemble – „Die Geschichte Vom Soldaten“. Mit diesem kleinen Tournee-Ensemble ist er dann gereist und hat sein tägliches Leben finanziert. So ist eben vieles in der Kunst. Was Künstler machen, ist oft weniger charakterlich als von wirtschaftlichen Zwängen geprägt. Das ist die Tragik. Aber interessant ist auch, dass dabei hin und wieder relativ gute Sachen rauskommen. Deshalb: Man sollte den Künstler auch in seinen jeweiligen Lebensumständen sehen und dann von dort auf das Werk schließen. Und Richard Wagner, der war natürlich ein mieser Typ. (Fügt ironisch hinzu:) Aber wahrscheinlich war der auch sehr nett zu Kindern, also ich weiß nicht.Dann hat er halt rumgeschleimt und hat sein Geld besorgt und so weiter. Aber man muss sich auch distanzieren. Es war halt auch teilweise langweilig, Wagner zu spielen in der Oper weil, die so endlos lang sind, die Dinger von dem. Fünf Stunden „Meistersänger Von Nürnberg“. Das klebt nach fünf Stunden. Natürlich hat er auch eine Schraube locker gehabt.UlfVielleicht sind viele Künstler aber auch deshalb so gut geworden, weil sie ’ne Schraube locker hattenKarlKlar, das Talent eines Künstlers hat ja auch immer einen Preis.Viele gehen dann eben verblöden, oder sterben an Drogen oder so. Die Künstlerseele, der künstlerische Verstand, der tickt ja generell nicht mehr richtig. Man versucht immer als Künstler, selbst wenn man einigermaßen normal ist, den Zustand eines Kindes zu erreichen. So eine gewisse Sorglosigkeit des „auf dem Boden sitzen und mit Bauklötzen spielen“. Wenn Du ständig an Deine Steuererklärung denkst oder daran, dass das Auto in die Garage muss. Oder Du musst im Garten ’nen Baum fällen, dann kommt nichts Gescheites dabei heraus. Man muss sich wirklich fallen lassen können. Und in diesem freien Fall passieren dann kreative Dinge.UlfInteressant, dass Du den Künstler mit einem Kind vergleichst. Zu deiner neuen Platte meinte meine Frau Zizino – und das meint sie als Kompliment – Kraftwerk mit dir und Bartos solo klinge für sie wie unglaublich niedliche Musik.Karl: (Irritiert)Niedlich?UlfNiedlich, ja. Sie ist der Ansicht, dass man die Melodien und Harmonien teilweise fast schon als kindlich bezeichnen kann, ohne dass sie kindisch wären. Was sagst Du zu der These?KarlDas ist ja das Geheimnis der Musik bzw am Klang generell. Jeder Mensch hört anders. Musik ist die abstrakteste Kunstform, die es gibt. Wenn man eine Melodie schreibt, weiß man nicht, was der Rezipient dabei empfinden wird, wie er sie interpretiert. Das hängt nun wieder auch mit dem persönlichen Leben, der persönlichen Klangbiografie, des Rezipienten zusammen. Normalerweise ist es so: Die Musik, mit der man in der Pubertät in Verbindung kommt, hat entscheidenden Einfluss. Das nimmt man natürlich für den Rest seines Lebens mit sich. Bei mir waren das nämlich die Beatles. Die einen flippen aus, wenn sie Walzer hören, die anderen beim Vier-Viertel-Takt. Noch andere im Balkangebiet, die flippen aus bei Fünf-Viertel-Takt, was weiß ich. (lacht) So ist eben jeder anders geprägt. Jeder hört die Musik subjektiv, wie er hört und nicht wie der Komponist komponiert.Ulf:Interessant, dass du die Beatles erwähnst. Bist du quasi der George Harrison der elektronischen Musik? Eigentlich sehr wichtig, nur in der Öffentlichkeit nicht ganz so wahrgenommen wie Hütter und V-2 Schneider?KarlDie Beatles sind vier Leute gewesen und George Martin hat auch einen entscheidenden Einfluss gehabt. George Harrison hingegen hat immer für sich komponiert. Während ich mit Ralf Hütter zusammen die meisten Sachen komponierte. Das ist noch was anderes. George Harrison hat ja nie ’nen Song zusammen mit Paul McCartney geschrieben. Er war eigentlich eher der kleine Bruder, der jüngste. Zu beneiden war der nicht. Gegen zwei so Jungs anzustinken wie Lennon und McCartney, ist schon sehr sehr schwer. Aber interessant ist in seiner Musikerkarriere, dass er während der ganzen zehn Jahre, oder wieviel Jahre die produktiv waren, immer besser wurde. Und zum Schluss hat er zwei Songs gehabt, „Something“ und „Here Comes The Sun“, und die sind einfach so saugut. Er ist natürlich älter geworden, hat gelernt und hat sich seinen Erfolg schwer erkämpft und erarbeitet.UlfDu hast die 60er Jahre auch in Deinem Booklet sehr hervorgehoben als eine Art Füllhorn der Kreativität. Michael Rother (Kraftwerk; Neu!) meinte neulich zu mir: „Im Gegensatz zu heute gab es damals überhaupt gar keinen Uniformzwang. Heute scheint aber gerade die Verarbeitung von Fremdeinflüssen geradezu eine Art Qualitätsmerkmal zu sein und das hatten wir damals nicht am Hals.“ Was sagst du?KarlIch denke, wir leben jetzt in einer Zeit, wo das Schlimmste was man einer neuen Band antun kann, nämlich zu sagen, dass sie so klingt wie eine andere Band, zum Qualitätsmerkmal wird. Neulich habe ich wieder bei irgendeiner Kultursendung gehört, da ist die neue Band XY aus New York, verbindet perfekt Bossa Nova mit ,was weiß ich, mit Heavy Metal und Goth Rock oder so. Wenn man sagen kann, es ist ein perfekter Mashup aus vorhandenen Themen. Dann soll das ein Qualitätsmerkmal sein. Und in der Castingkultur der Fernsehlandschaft, europaweit oder auch weltweit, gehts dann komplett nur noch um Interpretation. Folglich haben wir auf der einen Seite die Interpretation, auf der anderen Seite die Mashup Kultur. Und da gehts jetzt natürlich überhaupt nicht mehr weiter. Sackgasse! Bis in die 90er Jahre hab ich mich noch relativ viel dafür interessiert, was im Musikbusiness so passiert ist. Das ist mir dann in den Nullerjahren völlig abhanden gekommen, weil unwichtig.UlfAuf der einen Seite bist Du mit Kraftwerk ein Pionier später entstandener Genres. Auf der anderen Seite könnte man aber auch sagen, sowas Grauenvolles wie elektronischer Billigdance oder Scooter mit „Hyper Hyper“ sind dann ja auch Deine eigenen Kinder; nur eben die schwarzen Schafe, oder ?Karl(Lacht) Die meisten Leute fragen mich das anders. Die fragen, wie ich denn die Entwicklung der elektronischen Musik finde. Wenn man älter wird, dann sieht man das so ein bisschen wie Woody Allen. Der sagt auch immer: „Ist ja toll, wenn die Leute meine Filme gut finden aber es hilft mir nicht beim Leben.“ Und zur Nachwelt meint er: „Ich kümmere mich nicht um die Nachwelt. Die Nachwelt kümmert sich ja auch nicht um mich.“ So sehe ich das auch. Sonst wirst ja verrückt.Ulf„The Tuning Of The World“ zeigt dieses lyrisch berührende Ich mit der melancholischen Selbsterkenntnis, dieses um Spiritualität ringen, dann doch nicht zum Glaubensakt finden können, im Angesicht der Vergänglichkeit. Das ist aber schon alles im Grunde sehr Zen-Buddhismus. Du wärst der perfekte Buddhist, oder nicht?KarlDas Ganze hat ehrlich gesagt damit angefangen, dass ich nur Musik hatte und keinen Text. Dies ganze Album thematisiert ja auch den Klang der Zeit. Sich selber als 20-Jährigem zu begegnen und mit den Wertvorstellungen und dem Weltbild, was man da hatte, und diese Musik beruht ja wirklich auch 1:1 auf den Aufnahmen, die ich in diesem Alter gemacht habe. Das hat natürlich ebenso ein paar Fragen zur Konzeption des Lebens eröffnet. Vielleicht ist der Sensenmann auch schon mal um Dein Haus gegangen. Dann weißt du ja, dass die Begegnung mit diesem düsteren Herrn oft auch das Leben verändert. Verändert das Leben, verändert die Sicht der Dinge. Ich bin jetzt auch in einem Alter, wo – wenn ich schonmal ein Album mache – erzähle ich dem Hörer mehr persönliches als er wahrscheinlich über die eigene Frau jemals erfahren wird.Zum Beispiel „I hope I’m dying gracefully“ oder so. Da stecken natürlich auch die eigenen Ängste und die ganzen Dinge mit drin, die einem auch begegnet sind in einer dunklen Stunde. Das Ganze aber dann in drei Minuten so zu sagen, dass man nicht vor Schmerz zusammenbricht, sondern, dass es etwas triggert im Hörer. Das war eben mein Ansatz bei ganz vielen Texten. Zum Beispiel auch „Trace Of Emotion“. Das ist natürlich, auch das Filmchen das ich gemacht habe, ist natürlich irgendwie auch Slapstick, ist stilistisch ’ne Comedy. Aber es ist im Kern nicht wirklich lustig.UlfHatte eigentlich damals, als Du bei Kraftwerk eingestiegen bist, auch Conny Plank einen hohen Einfluss auf Deine Art Musik zu machen?KarlDen Conny kannte ich schon vorher seit Anfang der 70er Jahre. Da hatten wir so eine kleine WG in Düsseldorf. Da hatte ich gerade angefangen, Musik zu studieren. 1972 wohnte ich mit meinem Freund Bodo Steiger zusammen, der hat dann später Rheingold gemacht. Wir hatten eine Dachgeschosswohnung, und der Sänger in unserer Band war Marius Müller-Westernhagen.UlfIch muss natürlich die Frage nach der Düsseldorfer und der Berliner Schule stellen. Wie kommt es dass es, obwohl es da so viele interessante Künstler gibt, die auch alle ungefähr die selbe Generation sind, niemals Kollaborationen gegeben hat? Was weiß ich, beispielsweise Du mit Klaus Schulze oder solche Geschichten?KarlIch will Dir sagen woran das liegt … Wenn ein Musiker erfolgreich ist, dann braucht er das nicht.UlfUnd aus Spaß macht man das dann nicht?KarlNee.UlfVerstehe.KarlEs ist eben schwer, zwei Künstler zu haben, die ähnlich berühmt sind. Wie bei Paul McCartney und Michael Jackson. Das war ein furchtbarer Song, grottenschlecht. Da gabs dann Michael Jackson und Stevie Wonder, war auch nicht so wahnsinnig toll. Also es ist halt unheimlich schwer, ist so wie in der Liebe: Einfach schwer, einen guten Partner zu finden. Die OMD Jungs wollen jetzt ein neues Album machen und da soll ich jetzt auch mitspielen und so. (Seufzt) Weißt Du, da hab ich dann auch nichts von. Ich muss einfach viel arbeiten um Geld zu verdienen.Es rechnet sich nicht. Es muss ja irgendwie auch wirtschaftlich sein. Kollaborationen, die gut waren, vielleicht, in der Vergangenheit die haben sich die Künstler nicht überlegt, sondern die Plattenfirmen. Da sitzt dann irgend einer im Verlag oder in der Chefetage von so ’ner Plattenfirma und denkt „Wen können wir nehmen, was können wir denn jetzt mal machen und zusammenstopfen?“ Da wird dann Lou Reed zusammengestellt mit Metallica, und das ist alles scheiße, aber der hat das nur gemacht, weil er da Kohle für gesehen hat. Er hat doch keinen Bock, ernsthaft mit Metallica zu arbeiten. Es ist einfach nur ein Geschäft. Wenn einer eine gut funktionierende Marke ist, was will der denn dann irgendwie mit Leuten, die ihm auf Augenhöhe was erzählen können? Da hat man doch gar keine Lust. Klingt ein bisschen hart. So richtig sympathisch finde ich das auch nicht. Also ich würde sagen: Meistens ist der Vater des Gedankens der wirtschaftliche Ansatz und nicht der künstlerische.
Talk erstmals veröffentlicht bei Laut.de im August 2013











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