Weg des elektrischen Kriegers

Vor 55 Jahren erschien T-Rex Glam-Signaturhymne „Get it on“. Was ist das Geheimnis dieser zeitlosen Anziehungskraft von Bolan und Band? Die Antwort hier in Kubankes neuer Kajal-Kolumne:

 

Well you’re dirty and sweet, clad in black, don’t look back and I love love you.“
(Marc Bolan)

Die Menschen stolpern nicht über Berge, sondern über Maulwurfshügel.“ Konfuzius

Just remember, that Death is not the End.
Bob Dylan

London, Mitte der 60er Jahre:

Schlag 12 in London, kalt und regnerisch. Spärlicher Laternenschein durchsuppt die nebelverhangene Carnaby Street.
Menschenleer.

Menschenleer?
Nun, streng genommen, nicht ganz. Zwei sehr junge Männer streifen in der unwirtlichen Gasse herum wie auf einem Catwalk. Die Halbstarken lernten sich bei einem Anstreicherjob im Büro ihres Bosses kennen. Gemeinsam durchforsten sie sämtliche Mülltonnen nach etwas Brauchbarem.

Streuner, Ausreißer, Regenhunde?
Achwas.

Diese Straße verkörpert das pochende Herz der englischen Modeindustrie. Sie beherbergt exklusive Schneidereien sowie die angesagtesten Fashion-Firmen. Diese entsorgen ihre Fehlfarben täglich. Welch ein gefundenes Fressen für diese beiden stets abgebrannten, aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Youngsters. Sie sind beste Freunde und teilen nicht nur ein Gespür für schicke Klamotten. Auch das musikalische Talent samt unbeirrbarem Rockstar-Traum hegen sie gemeinsam. Dieser bleibt meist Illusion vieler britischer Nachkriegskids aus den schlechteren Kreisen.
Und dennoch.
Lang wird es nicht mehr dauern und die Welt lernt beide Teens endlich als Marc Bolan und David Bowie kennen.

Cut

London ab 1971

Beide Freunde schenken selbiger den Glam Rock – der eine als „Ziggy Stardust“, der andere mit T. Rex.

Und T-Rex bzw. Marc Bolan haben sich die eigene Luxussuite im ewigen Tower of Song redlich verdient.

Der Marc als Typ ohnehin. Diese kajalgetränkte Aura zwischen entrückt und offensiv sexy fungiert zweifellos als jene Bedingung, die nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der immense Erfolg entfiele.

Gleichwohl liegt auch hier die Wahrheit auf dem Plattenteller. Die kann sich hören lassen.

So kennt nahezu jeder zwischen 8 und 800 seinen Welthit „Get It On“ aus dem Sommer 1971. Fast überall auf dem Planeten chartet die Nummer als Top-Ten-Erfolg. Gleichzeitig ist sie Blaupause des Glam Rock und unzerstörbarer Partykracher, der bis heute in etlichen Spielfilmen Verwendung findet. Ein historisches Detail: „Capeman“ Rick Wakeman, seines Zeichens ebenso brillanter wie unmöglicher Tastenmann nebenan bei den Artrockern Yes, spielt hier das elektrische Piano samt Hammondorgel.

 

Und das ist erst der Anfang.

Denn Bolans Truppe ist weit mehr als eine reine Single-Band. Zwar gibt es manche Hymnen, wie das kaum weniger bekannte „Children Of The Revolution“. Ein Lied, das dem Revoluzzergedanken Kajalstrich, Nagellack und Lippenstift beschert – finde ich natürlich super –
trotzdem leider auf keiner regulären LP auftaucht. Finde ich nicht ganz so super.

 

Doch was folgt daraus?

Ganz klar, es lohnt sich allemal, jenseits von Best-Of-Zusammenstellungen die zugehörigen Langspielplatten albenweise zu entdecken. Im Vorhinein hilft es, sich die stilistische Zweigeteiltheit von Bolans Truppe bewusst zu machen.

Denn im Grunde besteht Bolans Katalog aus zwei recht unterschiedlichen Inkarnationen; einmal als Tyrannosaurus Rex, danach als T. Rex. Mit ersteren veröffentlicht er zwischen 1968 und 1970 vier Scheiben, die kaum etwas mit der späteren Glam-Variante zu tun haben. Meist spielt er versponnene, sehr hippieske Lieder zwischen Psychedelik, Folk und schrägen Einfällen. Diese Frühwerke überzeugen noch nicht vollends. Mancher Track klingt recht unausgereift. Dennoch offenbart sich hier bereits eine Handvoll charmanter Perlen. So begibt man sich immer wieder gern auf eine zumindest kleine Entdeckungsreise mittenmang.

Ab 1970 ändert Bolan das Konzept der Band schlagartig. Knackiger Rock, clever pointierte Arrangements und sein großes Talent für eingängige Ohrwürmer bescheren machtvollen Erfolg plus einen ewig gemeißelten Platz in den der Rockhistorie. Sein Einfluss reicht weit in die Zukunft. Den Status eines Wegbereiters von Punk über Post-Punk bis hin zu Britpop kann ihm niemand je nehmen. Kultbands wie Siouxsie And The Banshees oder The Smiths berufen sich vehement auf ihn. Es gibt etliche Songs, die von Bolan handeln. So erweist ihm Bowies „All The Young Dudes“ ebenso die Ehre, wie etwa auch R.E.M. („The Wake Up Bomb“). Sogar das Rock-Urgestein The Who revanchiert sich mit Killersong „You Better You Bet“ dafür, dass Bolan sie stets als Haupteinfluss anführte.

Link „Electric Warrior“:

Wer das Charisma Bolans und seiner Musik gebündelt nachempfinden möchte, halte sich getrost an seine beiden Meilenstein-LPs „Electric Warrior“ (1971) und „The Slider“ (1972) plus das more funky angelegte „Tanx“ (1973) . Hier erhält man die Essenz der insgesamt neun T.-Rex-Alben.

 

Link „Tanx“:

Besonders die ersten beiden genannten LPs bedeuten von hier in alle Ewigkeit simultan Bibeln und Urknall des Glam. Eines der hier deutlich vernehmbaren Geheihmnisse von Bolans Anziehungskraft beruht auf dem Kontrast zwischen der eisern zackig angeschlagenen Gitarre und der samtig weichen Gesangsstimme.

Besonders gut hört man dies auf „Mambo Sun“, dem Eröffnungsstück des „Electric Warrior“. Von „The Slider“ empfehle ich den „Metal Guru“.
Nebenbei: Ausgerechnet in seiner britischen Heimat war es nicht gerade T. Rex‘ größter Erfolg – in Deutschland hingegen stürmte das Stück schnurstracks an die Spitze der Hitlisten. Mittlerweile gilt die Nummer generell als eines seiner wichtigen Kernlieder – es verkörpert Bolans spirituelles Bekenntnis.

Welches?

Einerseits lehnt er jede Form von organisierter Religion, besonders die christlichen Kirchen, strikt ab. Andererseits hat er offenkundig etliches übrig für die romantische Vorstellung einer übersinnlichen, allmächtigen Kraft. Dieser Widerspruch kommt bewusst im Song zum Ausdruck, indem er die Gottesfigur liebevoll ironisiert. Er zeigt Gott als erfrischend unspießige Kreatur, die seinerseits viel für seine eigene göthlich-rebellisch rockende Jugend übrig hat,
dennoch mit dem zweifelhaften Ergebnis der eigenen Pubertätsschöpfung in Form der destruktiven Menschheit bis heute ein wenig überfordert zu sein scheint.

Tja.

Und wer nach 40 Jahren bei „Panic“, dem Überhit der obig genannten The Smiths, einmal ganz genau hinhört, stellt zudem fest, wie sehr jener 80er Kulttrack recht deutlich auf „Metal Guru“ aufbaut.

 

Cut

London 16.-20. September 1977:

Zwei Wochen vor Bolans 30. Geburtstag. Rod Stewart schmeißt eine seiner wundervollen Sex & Drugs & Rock’n’Roll-Parties. Diesmal im Morton’s Club, Berkeley Square. Ausgelassen und angetrunken verlassen Marc und seine Lebensgefährtin, die Sängerin Gloria Jones (Vocals „Tainted Love“), Mutter seines Sohnes das Gelage.

Link „Tainted Love“:

Er will nun schnell heim. Sie möchte ihn gern nach Hause fahren. Sie tut es immer. Marc Bolan hatte zeitlebens panische Angst davor, selbst hinter dem Steuer zu sitzen, auch nur den Führerschein zu machen. Er befürchtete stets den drohenden Unfalltod.

Nur nicht an diesem Abend.

Beide vergaßen leider den Alkohol . Sie übersah den Betonpfahl samt Baum um die Ecke. Marc starb sofort. Wenigstens Gloria überlebte die Tragödie. Gleichwohl so dramatisch schwer verletzt, dass man ihr seinen Tod überhaupt erst am Tage der Beisetzung mittzuteilen vermochte.

An dieser erwies ihm (neben u.A. Rod Stewart) auch sein sichtlich erschütterter Jugendfreund aus Carnaby Tagen, Davy, die letzte Ehre.

Das musikalische Vermächtnis T-Rex‘ jedoch hinterlässt eine quicklebendige Schatztruhe knallbunten Eyeshadow-Rocks.

From Hamburg
with Love
UK

 

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