Verrat, Schande & Schönheit

Foto: E.S.T. „Live In London“ by ACT Music 2018

I. Nach(t)Schlag „Schande“

Tja.
Darauf ein doppeltes „Traitors“ – live 1992 von Deine Lakaien.

#traitors #deinelakaien #cdu #schande

II. Last Exit 007

Und natürlich – wie sollte es anders sein? – gesellt sich zum bourgeois Verrat simultan der nächste Vorgang des Grauens.
Dieser Wannabe-James-Bond, bei dem es nicht einmal so richtig zu Ivan Ogareff reichen würde.
Was passt dazu?
Pulp: „I Spy“ („Different Class“, 1995)

Was noch?
New Model Army mit „White Coats“ („White Coats EP“, 1987).

#spy #newmodelarmy #pulp

III. Die Schönheit des Trios

Allein:
Was, ja was hilft so richtig zum Abschalten und Durchatmen?
Kein doofer Eskapismus, aber bitte auch nichts Verkopftes, aye?
Am besten mal bewusst Pause von der verbalen Botschaft.
Was Instrumentales.
Genau:
No Vocals. No Erklärungen. Und magisch in der Wirkung – egal, was man sonst gern hört.
Woher nehmen und nicht stehlen?
Na, ein bisschen „stehlen“ eventuell doch.
Als alter Goth natürlich gern mal voll Vertigo, aus dem Reich der Toten.
Denn Kunst bleibt ewig Gegenwart. Nur ihre Protagonisten verschwinden daraus unweigerlich.
Das ist das Mantra, nicht wahr?
Meine Antwort lautet heute mithin:
„I think you need some E.S.T., Trip to the Moon.“
Ja.
E.S.T.
Aber heute ausnahmsweise nicht von Alien Sex Fiend.
Sondern.
Esbjörn Svensson Trio.
Und zwar:
E.S.T. – „Live In London“ (2018)
Warum?
Weil…
Mai 2005:
Esbjörn Svensson, Dan Berglund und Magnus Öström sind extrem guter Dinge.
Warum auch nicht?
Ihr taufrisches Album „Viaticum“ mausert sich gerade zum großen Erfolg – zumindest für Jazz-Verhältnisse. Beim Konzert im Londoner Barbican Centre am 20. Mai sitzen folglich Jazzpuristen neben Rock-, Pop-, Folk- und Klassikfans im Publikum.
Feuilleton, Radio und TV haben die freundlichen Schweden zu diesem Zeitpunkt ohnehin längst ins schnelllebige Herz geschlossen.
Gut so.
Denn.
Es trifft verdient einmal die Richtigen.
Beflügelt von dieser emotionalen Woge spielen E.S.T. eine grandiose Tour, deren Höhepunkt unfassbarerweise erst nach geschlagenen 13 Jahren, 2018, endlich das Licht der Welt erblickt.
Ging ja schnell.
Doch kein Gejammer.
Gut immerhin, dieses Kleinod seitdem verfügbar zu sehen.
Es ist groß.
„Live In London“ bedeutet formal den Mitschnitt des kompletten Konzerts im Barbican Centre.
Den Schwerpunkt bildet naturgemäß „Viaticum“, das zugehörige Studiowerk.
Daneben spielen sie Stücke aus den Vorgängern „Seven Days Of Falling“ und „Strange Place For Snow“.
Entscheidend bleibt gleichwohl weniger, welche Tracks sie zum Besten geben, sondern vor allem, wie sie den Katalog hier zelebrieren.

Warum?

So gut E.S.T. im Studio auch waren – und das waren sie:
Hier auf der Bühne präsentieren sie endlich die ultimative Version wie Vision ihrer Kunst.
Neben reinster Ohrenfilmmusik lauert offensiver Metropolensound mit unruhig tickendem Puls und scheinbar flüchtig berstenden Großstadtmelodien.
In letzteren Momenten erinnert besonders Svensson zumindest mich ein wenig an den quirligen Geist Oscar Petersons.
Für jeden Geschmack etwas dabei.
Nachteulen erfreuen sich an „Viaticum“, einem Juwel, das klingt, als habe das Trio die Nummer gemeinsam mit Rotwein und Chopin verfasst.
„In The Tail Of Her Eye“ gibt sich die Ehre als sanfte Blues-Romanze.
Zwischendurch inkarnieren E.S.T. immer wieder als Rockband.
Sehr anschaulich mutieren sie in „Mingle In The Mincing-Machine“ zum Powertrio mit großartigem E-Gitarren-Solo Berglunds in einem Meer von Pianoklängen.
Moment.
E-Gitarre?
Achwas.
Nein, es ist tatsächlich ein analog Lemmy modifizierter E-Bass, den man hier vernimmt.
Effektiver kann man Soundmöglichkeiten kaum ausschöpfen.
Dazu:
Für mich gehört dieser Mitschnitt zweifellos zu den besten E.S.T.-Gigs überhaupt.
In gewisser Weise lässt „Live In London“ sogar das zwei Jahre später aufgenommene, vielfach preisgekrönte „Live In Hamburg“ hinter sich.
Und wenn ich das schon zugebe….
Diese England-Show fängt – dem Hörbeweise 105 Minuten lang zugänglich – ganz offenkundig ihren absoluten, märchenhaften Augenblick ein.
Leider nimmt das Märchen kein gutes Ende.
Esbjörn Svensson verstarb 2008 bei einem tragischen Tauchunfall. Die Veröffentlichung dieses Konzerts erlebte er nicht mehr.
Aber immerhin können wir sie heutzutage hören.
Und das ist viel.
#est #liveinlondon
In diesem Sinne
From Hamburg with Love
UK

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