„Das Grauen und der moralische Terror sind deine Freunde. Falls es nicht so ist, sind sie deine gefürchteten Feinde.“ (Colonel Walter E. Kurtz, „Apocalypse Now“)
Was ergibt sich daraus?
Was sagt uns der gute Marlon?
Aus jenem ergibt sich womöglich eine künstlerische Frage für Musiker wie Philosophen.
I. Die Frage:
Kann man die Essenz des Grauens überhaupt zu Gehör bringen? Das Wesen des Bösen klanglich erfühlbar machen?
Was meint ihr?
Falls die, falls eure Antwort „Ja“ lauten sollte, was bedarf es dazu? Wie stellt man derlei an?
II. Die Antwort:
Lasst uns sagen:
Es bedarf mindestens eines ganz und gar leeren Raumes.
Sogar eines Ortes der Einkehr, der dem willigen Medium als Gefäß dient.
Der Bandname Khôrada stammt aus dem Altgriechischen und bezeichnet solch ein Behältnis. Ihre Kreatur „Salt“ ist daraus entsprungen wie aus Pandoras Box.
Zur Verwirklichung des Plans könnte es kaum einen geigneteren Kandidaten geben als diese Band.

Warum?
Ganz toller Patchwork-Homunculus, die ses Quartett.
Drei von vier Teilen entstammen Agalloch.
Agalloch.
Aus Portland, Oregon, USA.
Die Melange: Black Metal, Neoklassik, Neofolk, Post Rock, Postpunk – alles virtuos, episch und sinnlich ineinander gedreht. Zwischen Soundscape und Abrissbirne.
Hinzu tritt Giant Squid-Kopf Aaron John Gregory. Nach zwischenzeitlich betrüblichem Dahinscheiden beider Acts erhebt sich „Salt“ für eine Knochenhand voll Songs aus deren Asche wie….
Ein Phönix?
III. Die Bestie:
Kein Phönix.
Ein Brachvogel, der alle Verkommenheit des Universums als staubigen Unrat auf seinen Schwingen führt, um selbigen den Menschen als Spiegel vorzuhalten.
Dieses sieben Lieder währende „Salz“ trägt somit keinerlei Brot an seiner Seite. Es vernichtet Ernten, ruiniert noch den letzten Rest längst verdorrender Fruchtbarkeit.
Album:
Die gelungen wurmstichige Tönung des von Cedric Wentworth entworfenen Artworks findet ihre kongeniale Entsprechung in der eitrigen Klangfarbe dieser Musik. Und das ist keine Übertreibung.
Denn.
Eine passende Schublade existiert nicht. Epischer Metal? Gothic Prog? Sludge auf Koks? Alles quält sich, alles schält sich unter Schmerzen heraus. Entzieht sich dabei simultan gleichwohl jedem Versuch ohnehin unangemessener Schubladisierung oder einengender Kategorisierung.
Das ist künstlerisch – ich kann es nicht deutlich genug betonen – eine hervorragende Leistung dieser vier Musiker.
Weil:
Spätestens nach zwei bis drei Durchläufen erschließt sich dem Hörer peu à peu die nuancierte Komplexität, der virtuose Umgang mit Tönen wie Worten und – ganz wichtig – der hohe Unterhaltungswert dieser grindigen Kaputtheit.
Der Clou dabei:
Bezeichnenderweise verzichten Khôrada auf stereotype Szene-Okkultismen.
Ergo:
Alle Verderbtheit entspringt einer rein irdischen Quelle: Mensch.
Seine Fäulnis entsteigt einem stetigen Pesthauch von Krieg, Umweltzerstörung, Totalitarismus, Rassismus, emotionale Eiszeit, Terror und vor allem Gleichgültigkeit im Elie Wiesel Sinne.
Soll heißen?
Die Pointe:
Ohne das weißhauseigene Biest unter vielen direkt namentlich zu nennen, brandmarken die Amerikaner bewusst wie erklärtermaßen den Aufstieg der Alt.Right weltweit im allgemeinen und geißeln die Ideologie und Person ihres Präsidenten im Besonderen.
Khôrada dazu:
„Wir leben in bedenklichen Zeiten. ‚Salt‘ entstand unter dem Druck und der Unsicherheit dieser Ära und versteht sich als musikalische Erkundung des alltäglichen Irrsinns, den wir nun erleben.“
Die über Albumlänge naturgetreu bestialisch dumme Menschheit richtet den Planeten folgerichtig im Verlauf der Scheibe fast komplett zugrunde. Der Planet selbst stoppt die inhumane Höllenbrut mittels Seuche, Sturm und Sintflut. Khôrada legen den Abstieg dabei gern als sich selbst zersetzende Totenklage an. Man beachte etwa in „Edeste“ die großartigen Stereospielereien. Der linke Kanal widerspricht der rechten Tonspur und ergänzt sie zugleich vortrefflich.
„Edeste“
Inmitten des Infernos fahren sie alles urplötzlich für ein letztes Lamento herunter. Jetzt, oh ja, man kann es vernehmen, macht die Natur den Sack mit finalem Getöse unumkehrbar zu, „before man has the chance to gnaw her to the bone“.
Cut
Klingt alles sehr nach den letzten Tagen und Wochen und Monaten, nicht wahr?
Im Grunde die ultimative Momentaufnahme der Vereinigten Staaten.
Und nicht nur dieser , sondern offenkundig ebenfalls einer strukturell ähnlich aggressiven Polarisierung hierzulande bzw. global.
Und das stimmt selbstverständlich auch.
Meine persönliche Punchline, die deutlich macht, wie seismographisch und sensitiv Künstler solche Entwicklungen vorwegnehmen bzw sehr früh artikulieren können:
Das Album „Salt“ erschien bereits anno 2018.
Vor geschlagenen 8 Jahren.
Bedeutet:
Wenn Totalitarismus in Tante Hannahs Definitionssinn, den ich mir zu eigen mache, bereits in der vergleichsweise milden „Orange light“ Variante des Anfängerstadiums seiner ersten Amtszeit ein solches Maß bullyhafter Negativität, Unfreiheit und Stress verursacht.
Wie würde das Album erst heute klingen?
Womöglich gar nicht so anders. Sie haben es nämlich vorweggenommen. Diese gesamte Eskalationsspirale, die sich anfühlt, als säße man auf einmal in einem emotional wie kompetenzbezogen komplett destruktiven Zug, dessen Sog beim Fahrtaufnehmen alles Vorhandene kippt, hinfortreißt und verschlingt wie ein schwarzes Loch. Dark Train, dark Train, der trotz aller Wucht leider um Welten unentrinnbarer erscheint, als er es tatsächlich ist bzw wäre. So in etwa empfinde ich das jedenfalls.
Wir könnten aus all dem auch lernen. Das Erblickte, das Gehörte, das Vernommene anwenden auf der Skala des „wehret allen Anfängen!“. Denn wir sehen, wie schwer es ist, Dämonen der Autokratie wie in Ungarn oder transatlatisch wieder los zu werden.
Was also könnten wir alle tun, damit es nie soweit kommt hierzulande?
Ich sag’s euch:
Ey, keine Ahnung! Woher soll ich das Wissen? Ich schreibe lediglich über Musik.
Deshalb zeige ich euch, wie diese reagiert. Denn Agalloch haben sich mittlerweile reformiert. Neue Töne sind geplant. Zur Überbrückung gibt es u.A. ihre neoklassische Rarität „Nihil Toten“ als nonverbalen Kommentar.
In diesem Sinne
From Hamburg
with Love
UK











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