Bowie-Berlin-Babylon – „Low“

Feeling so „Low“ zwischen „Ralle“ und „Ringer“? Zwischen Wahlen des Schmerzes? Kein Ding. Vorhang auf für (fast) 50 Jahre Bowie-Berlin-Babylon:

 

„Denn eigentlich möchte ich mitunter nur über Musik schreiben.“ Dieser Gedanke befand sich in der letzten Kolumne. Stimmt auch.

Aber tja, doch bitte nicht so.
Bitte nicht wie?
Na, dauernd grätscht der Sensenmann zwischen entstehende Themen. Und zählt mich im Moment dann auch noch emotional an. Müde.

„Müde“ von Meese X Hell

aktuelle Folge: „Der Kalle und die Catherine“.

Cut

Ralf Richter.
Fare thee well, lieber Ralf,

Natürlich mit ner Bombe.
Und zwar von Ralf Richter selbst. Kein Boot, keine Baustelle, aber Boom Bang mit
„Dynamite, Baby!“
Knorke 70ies Funkrock mit Barry White/Gainbourg Appeal? Keine übermäßige Herausforderung für den sympathischen Tieftöner.

Ralf Richter – „Make my Day“

 

Und hier das ganze im Duett mit female Voices – voll Stax, voll „White Moses“.

Für den Highway packt „Kalle“ souverän die Rocksäge aus. Absolut international auf Weltniveau produziert wie intoniert – „I’m free“.

Achso, das gesamte Album „One Heart“ (2023) ist top. Hörbefehl!

Jeder Song ein Richter.

#clubdertotenrichter
#makemyday
#deathisnottheend

Cut

Les Rita Mitsouko
Merci beaucoup für all die Kunst, liebe Catherine. Mach’s gut.

Tja, jetzt sind die Energien der beiden Süßen hoffentlich wieder vereint. Was für ein Paar – Catherine Ringer und Fred Chichin (verstorben 2007),
was für eine Band,
was für eine vielseitige Künstlerin.
Ihre Bandbreite ist schon als Pointe unfassbar. Nehm nicht vorweg.

Aye, an Bord zu Rita Mitsouko gelangen wir nur über Connys Planke (Kraftwerk, Neu!, Eurhythmics, Ultravox, DAF, Tommi Stumpff). Hier für euch das mit ihm klangfarbenfroh gegen den Popstrich gebürstete 1984er Debüt „Rita Mitsouko“ – natürlich incl. des auch textlich todbringenden Übersongs „Marcia Baila“

Kurz darauf machte Tony Visconti (Bowie) ihren Sound komplett MTV tauglich, ohne dabei kommerzielle Zugeständnisse ein zu gehen.

Aus dieser Phase „C’est comme ca“

 

Cut

Protagonisten verschwinden.
Kunst bleibt.
Lebendig.

Gestern:
„Apropos Tony Visconti. Erstmal zum Entlesen (Zizi’s Wortschöpfung) „Low“ auflegen. Ist auch gerade selbst fast 50 (im kommenden Januar), Davids berliner Juwel.“

Währenddessen ergibt sich parallel irgendwo in LA, dass Rodney Orpheus (Cassandra Complex und ein Mann klarer Worte und Werte) sich ebenfalls mal wieder mit „Low“ beschäftigt und seine Gedanken dazu sozialmedial artikuliert. Wir kommen punktuell kurz ins Quatschen.
Fertig.

Cassandra Complex: „Nazi Goths fuck off“ (sehr aktuelle Single):

Heute:
Death is not the End?
Alle Wege nach Berlin.
Zu Bowie.
Über Visconti.

Na gut, es gibt ohnehin für jeden Tag im Leben des Individuums einen entsprechenden Bowie-Augenblick.

Feeling so Low, Honey?
Dann mal lows:

#bowie #berlin #babylon

Album:

Cut

„Sula vie dilejo. Solo vie milejo!“ Warschau im April 1976. Der wenig gemütliche Zug von Zürich nach Moskau hält eine Weile in der noch unwirtlicheren Hauptstadt des sozialistischen Polens. Ein uns bekannter Londoner samt Kumpel Iggy stapft tief beeindruckt durch eine Stadt voller Bombenkrater, Einschusslöcher und Kohlesmog. Ein Kurztrip inmitten der „Low“-Sessions, der sich lohnen sollte. Derweil sitzt der andere Kumpel namens Brian ganz Eno – allein zu Haus. Gerade ersinnt er die Grundmelodie von „Warszawa“.

Jene dunkle, stoische Verzweiflung des Ostblocks sieht David eins zu eins in den Ideen des früheren Roxy Music-Mitvaters gespiegelt.

So spontan wie hochgradig inspiriert fügt David typisch schmerzerfüllte Vocals plus ein in Warschau kennengelernt schlesisches Folkstück in Auszügen hinzu.

Das klingt alles bis hier so cool Gothbowie, nicht wahr?

Die sehr englische Pointe:

Eno erwähnt erst später, dass dieses komplett bewusst komponiert wirkende Grundthema, samt Theater, Tod und Drama im Sound – tatsächlich maßgeblich mittels Hilfe des vierjährigen Sohnes von Produzent Tony Visconti entsteht. Als Eno auf das Kind aufpasste und dieses den Sitter wahnsinnig machte, setzte es sich ans Piano und loopte konstant A, B und C. Hierdurch, so heißt es, überkam Eno überhaupt erst die Inspiration. Life of…

Tja.

Eine von unzähligen, meist launigen Anekdoten über eines der finstersten Alben der Musikgeschichte. Ein Album, geprägt vom Leiden des entziehenden Kokain-Junkies Bowie. Eines, über das man Dissertationen schrieb; Phillip Glass sogar eine komplette Sinfonie (Hörbefehl).

Dazu ein musikalischer Schnitt in David Bowies Karriere, wie es ihn weder vorher noch hinterher gab. Sehr viel Superlative für noch nicht einmal 40 Minuten Spielzeit. Gleichwohl berechtigt.

Mit dieser LP entdeckt er die Krauts samt ihrer Elektronika. Mit ein wenig Kraftwerk, deutlich mehr Neu! und La Düsseldorf sowie der gesamten Düsseldorfer Schule als Vorbild klingt der Thin White Duke dann endlich so „Weimarer Republic“, wie er seit der vergangenen Station To Station-Tour bereits aussieht und sich gelegentlich auch….hust … präsentiert. Letzteres nicht etwa aus charakterlicher Fehlstörung, sondern rein koksinduziert. Bei vielen ist es heute umgekehrt. Und dadurch auch wieder so „Weimar“. Tja.

Denn obwohl sich mit Eno und Bowie hier zwei Taufpaten von Make Up und Glamrock treffen: Die Schallplatte ist das komplette Gegenteil des zumindest damaligen Medienbildes beider Künstler. Doch Enos Halsband samt Federboa befinden sich längst eingemottet auf dem Dachboden. Mit Neu!s Michael Rother samt Cluster hat im letzten Jahr er im Wald ein paar Ecken weiter – „echt ganz schlicht in schwarz“ (so Rother) die Krautrock-Allstar-Combo Harmonia gegründet und das meisterhafte „Tracks And Traces“ eingespielt. Bemerkt hat es damals niemand.

Bowie steuerte den fragmentarisch bereits vorhandenen Songs vor allem eine gehörige Portion Depression bei. Sein Ding halt. Keiner Kanne es schöner.

Dazu verkriecht er sich passenderweise in ein heruntergekommenes Loch in der Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg. Zwischenaufenthalt bei den Froeses (Tangerine Dream). Edgar organisiert die Wohnung mit. Erst WG-Kumpel, dann (nach oftmaliger Plünderung der Innenvorrate des Kühlgerätes) gegenüber: der angemessen chaotische Rockbarbar Iggy.

Bowie saugt alle drogenschwangere Morbidität der Heroinhauptstadt Europas auf und wird zum nihilistischen Star der Punk- und aufkommenden New Wave-Szene. Surreal viel Underground-Credibility für einen Superstar, der sich komplett erschöpft noch immer auf der Flucht vor Ziggys Echo befindet. Der gerade jeglicher kommerzieller Medienöffentlichkeit zu entfliehen trachtet.

Berlin als Rettung.

Was wird er damit tun?
Mit einem Cameo-Auftritt in „Wir Kinder Vom Bahnhof Zoo“ wird Bowie es ihnen kurz drauf danken.

Und sonst?

Wem der gefällige Singlehit „Heroes“ stets ein wenig zu sehr das „Wind Of Change“ einer ohnehin durchwachsenen Historie Berliner Wallsongs war, der findet in „Weeping Wall“ eine verlässliche Alternative. Eisig spacy, indes vegebliches Aufbäumen gegen das Unglück der Mauer. Kongenial symbolisiert durch angedeutetes Einflechten des britischen Traditionals „Scarborough Fair“.

Für die nicht minder monolithische Soundfläche „Subterraneans“ ersinnt er die berühmt kryptischen und stets vergebens interpretierten Zeilen

„Share bride failing star / care line care line / driving me / Shirley, Shirley, Shirley, ooown / share bride failing star“.

Das skalpellhafte Saxophon ist selbst eingespielt und zerrt das Ohr als einsam schreiender Zwilling des kaputten Orwell-Sax in „Diamond Dogs“. Ach, besser geht es nimmer mehr.

Wer derlei dauerhaft dann doch als zu melancholisch empfindet, sollte sich an die A-Seite mit den meist gesungenen Songs halten. Der knuffige Opener „Speed Of Life“ ist eine dermaßen Pop gewordene Elektrokrautperle – Klaus Dinger wäre stolz gewesen.

Mit „Sound And Vision“ thematisiert Bowie hernach die Paranoia seines Kokainkonsums. Hinzu kommt Carlos Alomars Gitarren-Hook aus der Hölle, der nackige Bass George Murrays und Enos Backing Vocals samt germanophiler Synthies. Mit Fug und Recht etabliert sich das schöne Lied als eine der Urhymnen der beginnenden Wavekultur. „Don’t you wonder sometimes ‚bout sound and vision? “

Mein ganz persönlicher Bowie-Höhepunkt im allgemeinen und „Low“-Gipfel im Besonderen ist der ebenso zarte with unbeirrbar voranschreitende Track „Always Crashing In The Same Car“. Zeilen vom halluzinogen Burroughs’schen Bilderrausch bis zu echter Weisheit.

„Jasmine, I saw you peeping / Oh, but I’m always crashing in the same car.“

Die nahezu gehauchte Stimme verleiht den nur dreieinhalb Minuten eine schwebende Atmosphäre, wie man sie in solcher Intensität innerhalb des Bowie-Katslogs nur selten erleben darf (außer eventuell im finsteren „After All“ von 1970). Oh by Jingo!

„After All“:

Trotz aller Marter des Drogenentzugs: Großartig, wie der Brixtoner die zerstörte Entfremdung der ehemaligen Reichshauptstadt aufsaugt und konzeptionell als roten Faden in nach Gefrierbrand tönende Neonklänge formt.

Wie er das alles trotz Stooges-Iggy schafft, ohne im Heroinsumpf der wundervollen alten Nutte Berlin zu versacken. Nach Bowies bestechend humoristischer Logik jedoch kein Problem:

„Klar zog ich vom ‚coke center of the world‘ ins ’smack center of the world‘. Aber das war zum Glück kein Ding, weil ich nie eine Schwäche für Heroin hatte.“

Na dann….

Was dann?

Auch wenn mit den Sequels „Heroes“ und „Lodger“ noch zwei Teile seiner Berlin-Trilogie ausstehen sollten; außer einem brillianten Robert Fripp hatte Bowie dieser perfekten Neuerfindung nichts mehr hinzu zu fügen. Gelungene Verlängerung bieten sie gleichwohl.

Doch „Low“ funktioniert als seine eigene Kreatur ohne jedes Hintergrundwissen wie umgekehrt. Bowie darin wie darüber als Postpunk-Papst samt wundervoll erhabenem Cover, einem Foto aus Nicholas Roegs „Der Mann, der vom Himmel fiel“.

Was ist „Low“ alles addiert?

Für mich:

Stilles Gegenstück
zu
Munchs „Der Schrei“.
Genau so bedrängt.
Aber
Mehr Implosion denn Explosion.

Bowie-Berlin-Babylon

In diesem Sinne

From Hamburg
with Love
UK

 

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