„Die, die, die my Darling!“

Die Hollywood Vampires um Alice Cooper, Joe Perry und Johnny Depp in Hamburg! Das Ergebnis: Mehr als nur ein Gig. Vorhang auf für Hardrock mit Metaebene und Geisterbahn. Eine Kolumne von Ulf Kubanke mit Fotos von Zizino Kubanke

 

So don’t cry to me oh baby
Your future’s in an oblong box.“
(Glenn Danzig, Misfits – „Die, die my Darling“ 1983)

Hamburg Sleepy Hollow am 30. August anno Domini 2026:

Das Leben, der Tod und die Vampire.

Alles Licht erlischt im Saal. Jeder Ton erstirbt. Ganz plötzlich und nur für ein paar Sekunden. Dann öffnen sich alle Pforten der Hölle. Eine Kulisse wie für Ichabod Crane oder Ed Wood. Fehlt nur Bela, aye? Kaum denke ich dies, ertönen bereits die ersten Töne von Bauhaus‘ „Bela Lugosi’s dead“.

„Oh mein Goth, die spielen doch neben eigenen Sachen vor allem Songs jener Rocker, die bereits die Lichtung am Ende ihres Pfades erreicht haben. Also erstmal schnell Bauhaus googeln. Ah ja. Alle alive and well. Puh, Erleichterung. Sie meinen Bela.“

Zizino nimmt jetzt ihre Cam. Den Sticker für den Pressebereich keck auf die rechte Brust geklebt.
Sie grinst. Ich seufze.
Gleich wird sie sich auf den Weg in den Fotograben machen. Zu den ganzen Wikingern mit Monstercams größer als Zizi.
Das Grinsen verschwindet. Für den Moment wird sie ganz ernst.
„Ich finde es sehr gesund, den gerade Tod nicht aus dem Leben zu verdrängen. Kein Berg ohne Tal. Aus Tbilisi, Georgien, kenne ich das ähnlich. Einmal im Jahr – zu Ostern – fahren wir mit scorsese-rot gefärbten Eiern und viel Rotwein und Gitarren auf den Friedhof und es geht ab. Das ist so ähnlich wie ihr das wohl eher von den Mexikanern kennt. Dia del Muerte.“

Sie hat Recht.
Das ist es.

Die Hollywood Vampires leugnen die Vergänglichkeit nicht. Sie scheißen nur auf sie.

Dort wo meine Deutschen kulturell wie naturell bedingt eher mit beladenem Weltschmerz punkten, kommen diese drei Amerikaner erfrischend galgenhumorig um die Ecke.

Anders gesagt:
Barclays Arena Hamburg:
Von der praktisch medialen Mehrzweckhalle zum Titty Twister in knapp 30 Sekunden!

Die erste Schicht der Zwiebel:

Eine Handvoll Superstars hardrocken die Bude bis der Arzt kommt. Aus.

Die zweite Schicht der Zwiebel:

Doch w a s hier passiert ist alles andere als Zufall. W e r hier agiert webt aus der Summe folgender Einzelteile pure Magie.

Joe Perry – er steht da wie gemeißelt. Im Hintergrund: ein alter Friedhof, voll reingebuttert….hust….reingeburtont. Ein einzelnes Wort genügt, ihn weltweit zu beschreiben: Aerosmith.

Beileibe keine Übertreibung. Nehmen wir nur einmal das auch auf dieser Tour beliebte „Walk This Way“. Einerseits Urgestein bluesy Hardrocks. Zum anderen musikhistorisch quasi die Erfindung des Crossovers in der Duettversion mit Run DMC. Credibility vom Scheunenball über Bikerkneipe bis hin zur Hip Hop Hood. Selbst wenn sie nur diesen einen Song komponiert und veröffentlicht hätten, wäre es bahnbrechend gewesen.

 

Spannend für Aerosmith Fans ist in diesem Zusammenhang folgender Unterschied: Ohne den Blickwinkel der Clips, d.h. ohne die Energie des angejaggerten Zitteraals Steven Tyler rückt die etwas introvertiertere Art des Gitarreros einen Hauch deutlicher in den Fokus als mit der Mutterband.

Immer wieder blitzt dieses freundliche Lächeln zwischendurch auf. Ein Drittel nach innen, ein Drittel für das Publikum, ein Drittel für die Gitarre. Letztere beide strahlen bereitwillig zurück.

Cut.

Auf der anderen Seite: Johnny Depp.

 

Ein Vollblutmusiker (ich sag nur: „Hedy Lamar“), der nicht primär mit Musik, sondern dem eigenen Schauspieltalent zur modernen Legende mutierte.
Hörbefehl: „Hedy Lamarr“:

Ein Künstler, der Hollywood den Gothic zurück gab,
dem Gothic das Lächeln.

Ein Schauspieler, der das Genie Hunter S Thompson der Welt sichtbar machte.

Ein Mann, der nach allem Erlebten sicherlich berechtigt ein psychologisches Fachbuch als Narzissmusexperte schreiben könnte.

Ein Musiker, der – jetzt kommt’s! – tatsächlich mit dem grandiosen Gibby Haynes ’ne Band hatte. Ja genau, der brillante Typ von den Butthole Surfers (Hörbefehl: „Human Canonball“ (1987) und den Vocals von Ministrys „Jesus built my Hot Rod“.

Ein Mensch, der privat als Jack Sparrow für Kinder auf Krebsstationen auftritt. Einfach nur, weil er schlichtweg nicht anders kann.

Welche Facette ist es heute Abend?

Filmisch gesprochen: Äußerlich herrlich ledrig-leguanig. Doch Rango und alles cartoonhafte weicht einer bewussten Konzentration und Hingabe auf Instrument und Vortrag. Da ist man im Ausdruck eher bei „Minamata“.

Gut so.

Denn durch die Reduktion gewohnter und von jedermann erwarteter Gestik/Mimik des Darstellers zum puren Stückchen Musik gelingt ein doppelter Befreiungsschlag:

Zum einen die Emanzipation aus dem Käfig der filmischen Rollenbild-Schablonen, zum anderen das totale Aufgehen im Bandkollektiv.

Letzteres ist jedoch noch nicht komplett. Wer fehlt zwischen beiden Polen?

Alice Cooper – der Mann, um den sie das Showbiz herumgebaut haben.

Dunkler Meister des Lichts, Golfmonster. Ein surrealer (Party-)Schüler Dalis und nebenbei: der einzige Mensch auf unserem Planeten, der sowohl in der Muppet Show als auch bei den Simpsons gastierte.

Alles wunderbar.

Doch so richtig beeindruckend empfinden wir beide – Zizi ebenfalls – die Tatsache, dass seine infernalische Pestilenz anscheinend ein extrem guter Typ ist.

Einheit zwischen Wort und Tat? Kein Problem. Wenn der alte „Spider-Man“ Satz stimmt, wonach aus großer Kraft große Verantwortung erwachse, kann man hier von einem Vorbild sprechen.

Was ich meine?

Cut

Ulf:
„Was hat es mit deiner „Solid Rock Foundation“ auf sich? Die Stiftung ist hier in Europa ja nicht so bekannt.“

Alice:
„Damit wollen wir einfach hinein in die Gangland Area und dort Strukturen aufbrechen. Da möchte ich viele gern davon abhalten, Gangster zu werden. Das geht natürlich nur mit einer Perspektive. Und wir bieten den Kids den Vorteil, Musik zu lernen, egal welche Richtung. Wir unterrichten Gitarre und alles andere. Einzige Bedingung: Du bringst nicht deine Gang oder die Gangfarben mit. Alles davon bleibt vor der Tür. Und ganz schnell werden viele Kids süchtig nach der Musik. Das ist viel besser als nach Crack oder Waffen.“
(Interviewauszug mit Alice Cooper, Halloween 2010)

Cut

Zizino im Fotograben: „Alice kommt auf mich zu. Vai-me, es ist wirklich Alice. Wow, derselbe Alice wie aus meinem Lieblingclip von ihm, „I never cry“ von 1976.

Derselbe Alice vom Telefon in Berlin damals. Und jetzt steh ich hier mit 1, 60m zwischen den ganzen Hamburger Kleiderschränken und muss irgendwie für alle ein gutes Foto schaffen. Fuck.“
Link „I never cry“

Cut

Die dritte Schicht:

Jetzt gleitet alles ineinander. Der Hollywood Vampir regt sich. Die Kreatur erwacht. Als Leviathan. Eins nun mit dem Publikum. Eins mit meiner alten Hafenstadt. Ja…jetzt.

Unter der Party ruht die Katharsis wie Cthulhu. Alle sind tot? Die Zeiten bleiern? Grundton: „Gereizt, angebittert“? Nicht heute Nacht. Denn die Kunst überdauert uns alle – sogar Ozzy und Lou.

Gefeiert wird hier nicht der Tod. Alle zelebrieren das Leben. Enthemmt ohne eskapistisch oberflächlich zu geraten. Eine kleine Brücke über jenen Abgrund von dem Onkel Hunter bereits 1971 sprach.

Zwei Lieder des Abends zum Beweis:

„People who died“ von der Jim Carroll Band passt super als Klammer zwischen Party und Besinnlichkeit. Jim Carroll war ein großer Autor und Musiker. Sein Leben kennt man in Deutschland vornehmlich durch Leonardo DiCaprios Verkörperung des jungen Jim Carroll in dessen Autobio „The Basketball Diaries“. Dieses Lied handelt von all jenen, die auf Jims Wegstrecke in Buch wie Film allzu früh das zeitliche segneten. Hörbefehl: „Catholic Boy“ (Album 1980)
Link zum Album:

Dazu: The Velvet Underground mit „Venus in Furs“. Hier kommt die nötige Prise sinistrer Sexyness.
Und die gute Nachricht: wenigstens Moe und John sind noch da. Doch der Song gehörte ganz und gar Lou Reed. Der weilt leider nicht mehr unter uns. Insofern schlüssige Wahl im Gesamtkonzept.

Venus In Furs“ also – Yeah, 1967! Rock goes Porn Fiction, Baby! Mit Lou in der Schwarzleder-Lagune. Eine jeden Voodoo-Priester mit Stolz erfüllende SM-Orgie frei nach Sacher-Masochs gleichnamigem Roman. Live in Warhols Factory gern auch per Peitschentanz Gerard Malangas zu flackerndem Neonlicht dargeboten. Die hypnotische Unerbittlichkeit dieses archaisch anmutenden Arrangements transferieren unsere Blutsauger geschickt in eine Art bleierne Voodoosession „Shiny, Shiny, Shiny Boots of Leather /Whiplash Girl Child in the Dark.“ Für mich der intensivste Song aller Zeiten! Basta!
Link zum Original:

Alles zusammen ergibt einen unwiderstehlichen Mahlstrom aus Zerstreuung, Erdung und Würdigung.

Die vierte Schicht der Zwiebel:

Last Exit „Death is not the End“?
Tja, was sonst.
Denn Energie kann niemals verschwinden. Sich nur immer wieder umwandeln.

Mithin kommen wir aus diesem ghoulischen Gebäude nur mit selbigem Song wieder raus. Natürlich nicht in Dylans Version, ist klar, ne? Sondern mit Nick und Blixa. Die passen philosophisch ja auch auf der Rotweinebene ganz gut zur Truppe.
Link:

Schlussendlich sind dann auch die Vampire verschwunden.

Mit jedem neuen Tag.

Doch das, was sie beschworen haben, es bleibt.
Die Lebenden bleiben.

In diesem Sinne:

Vielen Dank an die Hollywood Vampires

für Party mit Tiefgang.

From Hamburg
with Love
UK

Fotos: Hollywood Vampires Gig Hamburg 2026, taken by Zizino

 

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