Foto: Cover Artwork „Klezmer for Peace“ by Pianissimo 2018 & Mogwai „My Father, My King“ by Spunk Records 2001
Auf leisen Sohlen bahnt sich der „Wedding Dance“ seinen Weg ins Ohr. Keine gewohnt schmissige Partyversion, eher tastend, suchend und sanft flirtet die Klarinette mit ihrem Publikum.
Man ahnt beteits. Hier passiert gerade etwas. Nicht irgend etwas.
Giora Feidman spielt Klezmer. Seine Mitspieler kommen teils aus Israel, teils aus der Türkei. Juden und Muslime in einer Band.
Als politische Botschaft?
Achwas, zunächst einmal als Musiker.
Aber Muslime und Juden?
Klezmer?
Man könnte es kompliziert finden.
Man kann es auch einfach hören.
Sie auch einfach hören.
Die Kunst des Gegenübers
So etwas kommt freilich nicht von ungefähr. Giora Feidman, „Godfather of World Music“, verbindet seit Jahrzehnten musikalische Traditionen verschiedener Kontinente. Lange bevor „World Music“ als Genrebegriff Karriere macht, ist das bei ihm gelebte Praxis.
„Klezmer For Peace“
Das Album „Klezmer For Peace“, 2018 eingespielt, gehört dabei zu seinen bemerkenswerten Spätwerken. Feidman war damals 82. Inzwischen hat er sogar die 90 passiert. Ein Grund, auch nur das Tempo zu drosseln, war und ist derlei für ihn offenbar nicht.
Für dieses Ensemble schart Feidman Künstler aus der Türkei und Israel um sich und sprengt dabei ganz nebenbei einige jener Schubladen, in denen Menschen sich und andere so als anstrengend gerne sortieren: Religion, Herkunft, Generation, Konvention – und Stil.
Zunächst fragte er bei seinem alten Freund Murat Coskun an. Der renommierte türkische Rahmentrommler und Musikethnologe ergänzte das Projekt um zwei Mitstreiter: Gürkan Balkan an Gitarre und Oud sowie Muhittin Kemal Temel an der türkischen Zither.
Das Trio bildet den orientalischen Pol des Ensembles. Besonders schön hört man das in der sandigen Klangoase „Kürdili Hicazkar Longa“, deren modale Melodik tief in die osmanische Musiktradition hineinreicht.
Hinzu treten die beiden jüdisch-israelischen Musiker Hila Ofek an der Harfe und Andre Tsirlin. Ofek bringt eine beeindruckende Vielseitigkeit ein. Mit Tsirlin bildet sie ansonsten das Jerusalem Duo. Gemeinsam sorgen beide für den Gegenpol aus Klezmer-, Klassik- und Folk-Farben.
Als besonderen Anspieltipp empfehle ich den „Liberman Freilach“, der den alten Hochzeitstanz mit feiner kammermusikalischer Eleganz versieht.
So legt die muslimisch-jüdische Connection inspiriert los.
Alles klingt ziemlich unangestrengt, nahezu selbstverständlich.
Während die Verschmelzung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen anderswo oftmals stockt, zeigen diese Künstler etwas sehr Einfaches:
Man muss den Gegenüber nicht zuerst als Gegner verstehen.
Man kann ihn auch als Ergänzung begreifen.
Reicht das?
Sicher nicht.
Unterschiede verschwinden dadurch nicht. Sie dürfen es auch nicht. Sie bedingen.
Ganz im Gegenteil: Sie werden interessant, so man sie weder ignoriert noch nivelliert, sondern daraus etwas Neues, Größeres, Verbindendes erschafft.
Ein Mosaik.
Jeder Stein bleibt dabei er selbst. Erst das Zusammenspiel macht daraus ein Bild.
Ha, ganz im Sinne jener musikalischen Diaspora, aus der der Klezmer einst hervorging.
Die Gattungen Eigenkomposition, Cover und Traditional treten auf „Klezmer For Peace“ gleichberechtigt nebeneinander – von lebensfroher Ausgelassenheit bis hin zu grubentiefer Melancholie.
Von den eigenen Songs empfehle ich besonders Tsirlins georgisch angehauchtes „Bishvili“ sowie Coskuns eindringliches „The Caress“.
&
Unser Vater, unser König
Und dann kommt „Avinu Malkeinu“.
„Unser Vater, unser König“ – ein über 2000 Jahre altes hebräisches Gebet, traditionell zu Jom Kippur gesungen. Als musikalische Grundlage dient die Vertonung Max Janowskis.
In der rein instrumentalen Fassung verliert das Stück seinen unmittelbaren liturgischen Kontext und geht ganz in Feidmans hypnotischer Klarinette auf.
Das führt uns zwingend zu einem weiteren musikalischen Bindeglied wie Gegenstück: Mogwai.
Mogwai?
Echt jetzt?
Ja.
Die schottische Post-Rock-Legende.
„My Father My King“, ihre One-Track-Single von 2001, ist bis heute ihr längstes Stück und ein kultisch verehrtes Ende ihrer Konzerte.
Die Band selbst beschreibt das Prinzip einmal als „zwei Drittel Gelassenheit, ein Drittel Death Metal“.
Es ist allerdings viel mehr.
Archaische Vergangenheit und moderne Gegenwart, liebliche Mystik und schroffe Realität prallen zur wilden Vereinigung aufeinander.
Zusammen mit Produzent und Dekonstruktionsexperte Steve Albini (Big Black, Nirvana) schnappen sich Mogwai zwei Grundmelodien der uralten Vorlage und treiben sie in eine vollkommen andere Gegenwart.
Die Sanftheit explodiert. Feedbacks en masse. Riffs schlagen um sich. Aus dem Gebet wird ein fast zwanzigminütiges Klanggewitter.
Und irgendwann ist das Inferno vorbei.
Was bleibt, ist erstaunlich nah an dem, womit Giora Feidman begonnen hat:
Nicht das Auslöschen des Alten.
Auch kein Glattbügeln der Unterschiede.
Nur die Lust, etwas damit anzustellen.
Vielleicht liegt genau darin eine der interessantesten Fähigkeiten von Kunst. Sie muss Unterschiede nicht auflösen, um Verbindung herzustellen. Manchmal kann es tatsächlich ausreichen, sie nebeneinanderzustellen, miteinander spielen zu lassen – und abzuwarten, was passiert.
Am Ende dieses berauschenden Reigens bleibt man mit Haut und Haar gefangen von der Aura dieser so unterschiedlichen Ausnahmekünstler.
Womöglich ein energetischer Ausgangspunkt für unsere gegenwärtige Gesellschaft?
Ich weiß es nicht.
Ich höre Musik und gebe Tipps.
In diesem Sinne:
From Hamburg
with Love
UK











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