1983 lief in den USA eine Miniserie über eine Invasion von Außerirdischen: V. Die Doppelfolge war ein Straßenfeger und hatte eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. 1935 erschien das Buch von Sinclair Lewis „It Can’t Happen Here“, eine bitterböse Politsatire auf die damals wohl stereotype Abwehrhaltung der Amerikaner, gegenüber der Vorstellung, dass Nationalsozialismus in ihrem Land keine Chance hätte. In seinem Buch erreichte der hausgemachte Diktator Windrip durch eine Mischung von Angstschüren, Sozialreformen und viel Patriotismus, dass er an die Macht kam. Und danach baute er den US-amerikanischen Staat um, sperrte Journalisten und Dissidenten ein. Die Bevölkerung reagierte weitgehend mit einer Mischung aus Kollaboration und dem Eindruck von notwendiger Loyalität.
Faschismus werden Aliens
Dieses Buch nahm in den 80er Jahren der TV-Filmemacher Kenneth Johnson als Vorlage und wollte eine Fernsehserie über einen drohenden Faschismus in Amerika produzieren. Johnson war schon mit The Incredible Hulk und The Bionic Woman einschlägig bekannt, so war er nicht gerade begeistert, als ihm von NBC vorgeschlagen wurde, statt seiner brisanten Polit-Sozio-Studie eine weitere Science-Fiction-Geschichte zu produzieren. Ironischerweise: Mit der Begründung, es würde von den Zuschauern als unrealistisch abgelehnt werden. Star Wars zeigte zudem gerade, wie Science Fiction erfolgreich sein konnte. So wurde es eben eine Geschichte über eine Invasion von Außerirdischen, die mit sympathischer Zucht und Ordnung sowie Versprechen von Wohlstand und Technologiefortschritt Zugang zu Ressourcen und Macht erhalten würden.
Spuren der Vorlage
In der Serie wurden trotz der Umwidmung der Story Spuren zur ursprünglichen Idee und Sinclairs Faschismuswarnung gelegt: in der Schlüsselszene dazu, wie „V“ (für Victory) zum Zeichen des Widerstands wurde, sprühte der alte Holocaust-Überlebende Bernstein mit roter Farbe das V auf die glorreichen Plakate der Außerirdischen. Der Anführer der Außerirdischen ist „The Leader“ (der Führer). Das Logo der Invasoren war eine kantige rechtwinklige Figur, die durchaus Ähnlichkeit mit einem etwas abgewandelten Hakenkreuz hatte. Die Widerstandsgruppe nannte sich „Resistance“, die Außerirdischen-Gruppe, die selbst gegen die Invasion rebellierte – „Die Fünfte Kolonne“.
Reptiloiden
Die Führungsriege der Invasoren, die in mehreren fliegenden Untertassen auftauchten, verheimlichte ihre sinistren Pläne sogar vor der eigenen Bevölkerung. In der offiziellen Version des Vertrags mit den Erd-Nationen geht es um Wasser und Chemikalien aus dem Abfall der Menschen gegen die Heilung von Krebs, Technologie zur Raumfahrt und unerschöpfliche Energie. Aber während sie angeblich für dieses Ansinnen Einrichtungen bauen, saugen sie im großen Stil Wasser aus den Meeren und bereiten alles vor, die Menschen für Nahrung und als Kanonenfutter bei anderen Invasionen zu benutzen. Der sich an Bord des Schiffes einschmuggelnde Kameramann Mike Donovan entdeckt, dass die Außerirdischen verschwiegen haben, dass sie lebende Tiere fressen und unter der künstlichen Außenhaut, die sie wie Menschen aussehen lässt, eigentlich Reptiloiden sind, mit grüner Haut und für Echsen typischen schlitzförmigen Pupillen.
Die Serie war überraschend erfolgreich, und zog eine Reihe von weniger erfolgreichen Sequels nach sich, bei denen die Plots zusehends die politische Dimension verwässerten.
QAnon
Erstaunlich ist – nebenbei gesagt –, dass diese sinistre Idee von Reptiloiden in Menschengestalt später genau bei rechtsaffinen Verschwörungstheoretikern von QAnon auftauchte, die sich für den Heilsbringer Donald Trump schon während der ersten Amtszeit stark machten, während sich die zweite ein bisschen wie die Story aus Sinclairs Buch von 1935 liest. Aber das wirklich nur nebenbei.
Wissenschaftler
In der Miniserie V von 1983 sehen wir eine Schlüsselgeschichte, die nur wenig verschleiert, dass sie mit den Aliens eher die Heilsversprechen einer politischen Kaste meint, und vor allem die Bereitwilligkeit von Menschen, sich da nur allzu gerne einfangen zu lassen und alle Vorsicht fahren lassen. Eine Zukunft, in der Krebs und andere Krankheiten besiegt werden, Energie und Technologie Fortschritt bringen. Und dabei werden gerade die Wissenschaftler der Menschen verfolgt und eingesperrt. Also diejenigen, die bislang dafür zuständig waren, diese Errungenschaften mühsam zu erreichen. Und praktischerweise für die Invasoren sind diese drangsalierten und diffamierten Wissenschaftler auch diejenigen, die wahrscheinlich herausfinden würden, was die Technologie der Aliens in Wirklichkeit zur Folge hat.
Ebenso werden Journalisten in ihrer Arbeit behindert, sobald sie kritisch werden, während diejenigen, die kollaborieren und sich für die Propaganda der Invasoren verwenden lassen, Vorteile davon haben.
Tödliche Gefahr
Wir sehen also einen „First Contact“, in welchem eine verschleierte Vernichtung anläuft, während die Erdbewohner sich im Großen und Ganzen von den Versprechungen und glorreichen Zukunftsvisionen blenden lassen. Die Invasoren sind nicht durchgängig böse, sie haben auch selbst ein reales Ressourcenproblem, das sie mit dieser Invasion in den Griff bekommen wollen. Sie sind aber aus der Sicht der Menschen eben eine tödliche Gefahr, wenn sie dieses Ressourcenproblem auf Kosten der Menschheit lösen wollen.
Ressourcenfresser
Unsere KIs sind im Moment keine eigenständigen Akteure. Sie sind aber Ressourcenfresser und die Betreiber und Schöpfer versprechen uns im Gegenzug eine Erleichterung in der Arbeits- und Kreativwelt, bis hin zu der Möglichkeit, dass damit Laien Codes programmieren können. Gerade hat OpenAI die Wissenschaftswelt erschüttert mit der massenhaften Veröffentlichung von KI-generierten Beweisen für lange offene Probleme der Mathematik. Man spricht von der „Mathocalypse“, den Untergang der Mathematik als Wissenschaft as we know it. Die Wissenschaftler, die angefangen haben, diese Beweise zu überprüfen, berichten von Schwierigkeiten, überhaupt zu verstehen, wie es gedacht ist. Ein weiteres Problem: Es wird beklagt, dass die Vorarbeit, die von echten Menschen mit Schweiß und Tränen geleistet wurde, nonchalant in die Beweise übernommen und dann weitergeführt wurde. Während eben diese Vorarbeiter jetzt mitten in ihrer Forschung stehengelassen und dramatisch überholt wurden.
Rechenzentren
Quasi brotlos gemachte Wissenschaftler, die jetzt aber schon angesichts der schieren Masse der Lösungsdaten benötigt werden, um sie zu überprüfen? Irgendwie sehr bitter. Auf der anderen Seite: Soll man auf die Hilfe der KI verzichten, nur um die Mathematiker noch Jahrzehnte ihre Forschung quasi zu Fuß und langsam betreiben zu lassen?
Der Mathematikerriege scheint jedenfalls nach eigenem Bekunden diese Invasion aus den Rechenzentren den Boden unter den Füßen weggezogen zu haben. Auch sonst ist das Problem grundsätzlicher Natur, dass die KI alleine durch ihre Mächtigkeit (mithin „Intelligenz“) Lösungen bietet, während die Prüfung der Akkuratesse und Machbarkeit sehr mühsame Arbeit für einen Menschen bedeutet. Anders als die V-Aliens verspricht uns die KI selbst nichts, aber wir selber projizieren unsere Zukunftshoffnungen auf sie und sie liefert offenbar sogar mehr, als wir auf einmal bewältigen können. Die echten Akteure sind natürlich die Macher und Betreiber der KI und diese bauen so aktiv an neuen Rechenzentren, dass in den sozialen Medien der USA die Frage „Wenn du die KI so liebst, was sagst du dazu, wenn auf deinem Grundstück das nächste Rechenzentrum gebaut wird?“ zum Meme geworden ist. Zumindest für die Skeptiker, die misstrauisch das Geld der Tech-Bros und ihre Versprechen in die Zukunft beäugen.
Wir brauchen sie
Auf jeden Fall sollten wir unsere Wissenschaftler und Mathematiker schon deswegen nicht brotlos machen durch die KI, damit sie uns noch sagen können, ob die KI da wirklich etwas auf der Spur gekommen ist, oder ob sie lediglich zu Demonstrationszwecken ein bisschen Magie vorführt, eigentlich eher zum Zweck von wirtschaftlichen Interessen der Betreiber.
Und ebenso sollten sich Mathematiker nicht so geschockt und gekränkt fühlen von der technischen Abkürzung in die Zukunft. Sie wären es ja auch nicht, wenn ihre Arbeit und Wertschätzung nicht davon abhängen, ob sie für eine Lösung eine Fields-Medaille erhalten. Sondern wirklich und tatsächlich davon, ob sie ihr Handwerk verstehen. Sie stehen jetzt zwischen dem rechnenden Golem und uns Laien. Im besten Fall können sie mit der Maschine endlich einen Kollegen haben, der keine eigene Ambition hat, eine Medaille wegzuschnappen, sondern gerade bei den Teilen der Arbeit, die ein Mensch für dröge erachtet, keine Langeweile fühlt, während allein der Mensch das Heureka der Erkenntnis, dass am Ende dieser Fleißarbeit eine echte Lösung vorliegt, auf diese Weise empfinden kann.
Wenn bei den Aliens in V die Absicht zur Vernichtung der Menschheit herauskam, so müssen wir das weder der KI noch ihren Schöpfern unterstellen, um dennoch Wissenschaft nicht vollkommen in ihre Hände zu übergeben, sondern für uns Expertise und Kenntnis weiterhin behalten wollen. Wir dürfen dafür trotzdem hoffen, dass der Silberstreif auch in der KI liegt.
Disclaimer: Ähnlichkeiten zwischen außerirdischen Invasoren und KI-Betreibern sind rein metaphorischer Natur. Die Existenz reptilienartiger Führungskräfte in Technologieunternehmen ist nicht nachgewiesen. Mathematiker werden gebeten, ihre Beweise weiterhin selbst zu prüfen. Die Besucher haben gegen diese Darstellung keine Einwände erhoben.











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