Die Oberste Direktive

In dieser Woche sind für Fans des Serien-Universums Star Trek gleich zwei Große für immer gegangen. Meine Reverenz an Walter Koenig, der in der Original-Serie Commander Chekov und in Babylon 5 Bester spielte. Und dann starb auch Patrick Stewart, der große Captain Jean-Luc Picard von der Enterprise – oder Professor Xavier in X-Men. Ihm genauso mein Gedenken.

Ich ändere deswegen meine ursprüngliche Besprechung und beschäftige mich jetzt mit der Prime Directive (die oberste Direktive) im Star-Trek-Universum. Das ist der erste Artikel des Umgangs der Sternenflotte der Föderation mit fremden Zivilisationen und ist – grob gesagt – ein Nichteinmischungs-Artikel, der sogar Fortschritt und Technologietransfer problematisiert. Eine ähnliche Anweisung hatten schon die Vulkanier lange, bevor die Föderation gegründet wurde, und die Menschen selbst waren dabei Objekt dieser Überlegung. Im Jahr 2063, nach dem 3. Weltkrieg mit Nuklearwaffen, schafft Zefram Cochrane zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit einen Testflug mit Überlichtgeschwindigkeit, mit Warp 1. Ebenso zufällig fliegen gerade in der Nähe die Vulkanier vorbei und bemerken diese Errungenschaft. Das alles wird in dem siebten Star-Trek-Film – „First Contact“ (sic!) – erzählt. Erst in dem Moment wird interstellares Reisen für die Menschheit möglich und somit werden sie früher oder später sowieso auf Aliens stoßen. Das ist die Schwelle, bei der für die Vulkanier die Nicht-Kontakt-Schranke fällt. Die Spezies, zu der auch der berühmte Mr. Spock von der Enterprise zweihundert Jahre später gehört, ist nicht ganz uneigennützig dabei, aber es ist auch vernünftig, die junge Raumfahrerzivilisation nicht anderen zu überlassen, etwa den kriegerischen Klingonen. Und nach der Gründung der Föderation im Jahr 2161 wird dann die Prime Directive ausformuliert. Doch wie genau sie interpretiert wird, wird immer wieder neu ausgehandelt, am konkreten Fall.

Der Gott der Mintakaner

Einen davon möchte ich hier vorstellen, aus Star Trek The Next Generation mit Captain Jean-Luc Picard, gespielt von dem gerade verstorbenen Patrick Stewart:
Der Gott der Mintakaner (Who Watches the Watchers, 3.4). Darin wird bei einem geheimen wissenschaftlichen Beobachtungsposten der Föderation auf Mintaka III der holografische Schutzschild, hinter dem sich die Forscher verstecken konnten, durch eine Fehlfunktion zerstört. Die Enterprise ist in der Nähe und erhält den Auftrag, die verwundeten Terraner herausholen, aber so, dass die eigentlichen Bewohner des Planeten es nicht mitbekommen. Diese befinden sich auf der Entwicklungsstufe der Bronzezeit, aber sind sehr rational und seit Jahrhunderten ohne Götter und Religion. Leider bekommen zwei Mintakaner das Ganze mit und der Vater steigt neugierig über die Felsen bis zur Station hoch, und blickt hinein. Als er bemerkt wird, stürzt er vor Schreck ab. Dr. Crusher eilt herbei und erkennt, dass der bewusstlose Liko, so heißt der Mann, ohne moderne Medizin wohl sterben würde. Sie lässt sich kurz entschlossen mit ihm auf das Schiff hochbeamen, um ihn dort zu heilen. Dabei verstößt sie eindeutig gegen die Oberste Direktive, aber sie entscheidet sich trotzdem dafür, weil Liko erstens sowieso schon den ungetarnten Beobachterposten gesehen und vor allem, weil er ihretwegen sich diese schweren Verletzungen zugezogen hatte. Picard ist entsetzt und möchte den ungeplanten Gast möglichst schnell loswerden und es wird auch in der Crew diskutiert, ob man versuchen solle, Liko die Erinnerung aus dem Hirn zu extrahieren. Aber die Technik ist weitgehend unerprobt und die Mintakaner haben eine andere Physiologie. Zu allem Überfluss wacht Liko auch noch auf und bekommt im Dämmerzustand mit, wie Picard auf der Krankenstation mit seiner Crew kommuniziert und Befehle erteilt.

Theologie

Etwas überstürzt wird Liko schnell zurückgebracht und er geht zurück ins Dorf und ist jetzt überzeugt, dass die Götter, denen sie vor so vielen Generationen abgeschworen haben, mit „dem Picard“ wieder da sind. Da Oji, Likos Tochter, mit ansehen musste, was mit ihrem Vater an der Station passierte, ist das nicht mehr so einfach aus der Welt zu schaffen, obwohl inzwischen Riker und Troi sich als Einheimische tarnen und versuchen, Liko als Halluzinierenden darzustellen. Bevor sie Erfolg haben können mit ihrem Gaslighten, wird der letzte, bislang noch verschollene Forscher von der Beobachterstation, verletzt ins Dorf geschleppt und jetzt sind die Dorfbewohner überzeugt, sie müssen den wiederentdeckten großen Gott Picard besänftigen, indem sie irgendwas mit dem gefundenen, vermutlich abtrünnigen, Fremden anstellen. Es wird noch schlimmer, als Riker sich mit dem Menschen davonmacht und Troi als verdächtige Person zurückbleibt und Liko sie jetzt tatsächlich erschießen will, als Menschenopfer für das zufällig über das Dorf einbrechende Unwetter. That escalated quickly – von Jahrhunderten Atheismus zu einer ausgewachsenen Theologie in wenigen Stunden. Dazwischen hat sich die Crew der Enterprise aber schon überlegt, ob sie vielleicht doch ein wenig Transparenzpolitik betreiben möchte und man holt sich die offenbar vernünftigere und nicht allzu beinflussbar wirkende Dorfvorsteherin Nuria auf das Schiff. Picard versucht, die  beeindruckte Frau zu überzeugen, dass er und alle auf dem Schiff genauso sterblich sind wie die Mintakaner, nur halt ein bisschen technologisch fortgeschritten. Erst als man sie zur gerade passenderweise sterbenden Dr. Warren von der Forscherstation hinzerrt und ihr zeigt, wie endgültig auch für diese Wesen im Himmel der Tod sein kann, ist Nuria endlich aufgeklärt.

Blut und Fanatismus

Höchste Zeit zurückzubeamen, denn Liko ist schon am Beten und bittet mitten im Donner und Blitzen des Unwetters um ein Zeichen, ob und wie er Troi opfern solle. Nuria und Picard versuchen auf ihn einzureden, die Dorfbewohner sind jetzt auch schon kurz davor, vernünftig zu werden, nur Liko nicht, der schießt und trifft dann irgendwie Picard. Dessen Blut lässt auch den berauschten Liko endlich nüchtern werden. Ein bisschen wissen die Mintakaner jetzt, dass die Sterne zwar nicht das Schicksal der Menschen voraussagen, aber die Zukunft für sie bedeuten können.

Aufklärung

Eigentlich kann man sich als Zuschauer nach 45 Minuten Angucken dann doch wundern, was denn jetzt das Problem mit der Direktive war, anscheinend hat sich doch gerade die nachträgliche Aufklärung als unproblematischer erwiesen als das ganze Herumfummeln und Philosophieren und Dogmatisieren dazwischen. Tatsächlich ist eine Prämisse am Start, die nicht zu vernachlässigen ist: Die vorgefundene Zivilisation mag technologisch sehr rückständig sein, aber sie hat anscheinend eine friedliche und rationale Bevölkerung mit einer flachen Hierarchie. Und Oji, als die noch junge Tochter von Liko, war für die komplexe Sonnenuhr zuständig, also sind Wissenschaft und ein soziales Miteinander vorherrschend. Und dass ausgerechnet dieses stabile Mindset so schnell und drastisch in eine Theokratie stürzen konnte, brauchte es eine alte Erzählung mit fantastischen Elementen und einen alten Mann, Fenta, der ohnehin zu religiösen Erklärungsmustern neigte. Wenn dann noch die Erfahrung von unerklärlichen Phänomenen und ein Nahtod-Erlebnis in Liko dazukommen, dann werden aus diesen so beeindruckenden Wesen eben Götter! Vor allem der Captain. Erich von Däniken lässt grüßen (Prä-Astronautik).

Göttlichkeit

Die zugeschriebene Göttlichkeit wird Picard unangenehm. Zunächst weil er sich selbst nicht als gottgleich sieht (er sagt Nuria, dass er genauso einen Herzschlag hat, geboren wurde und sterben wird, wie sie). Aber auch, weil die Oberste Direktive ihm offenbar so eingebläut wurde, dass sie bei ihm keinen Denkprozess auslöst, sondern erst einmal einen Reflex: Dass man sich möglichst schnell wieder entfernt. Dass man seine eigene Empathie nicht die Oberhand gewinnen lässt und etwa hilft, nur weil man es leicht kann. Dr. Crusher hingegen hat den Arzt-Reflex: Da liegt ein Kranker, dem hilft sie, denn sie hat einen Tricordet. Und Riker wiederum setzt alles daran, den verwundeten Forscher schnell aus dem Dorf der Mintakaner zu holen. Troi hingegen sieht man die Angst in den Augen an, als sie versteht, dass SIE das Opfer für die Götter werden soll, wenn Liko nicht von selbst zur Vernunft kommt. Sie könnte der Preis sein, der gezahlt werden müsste, damit die Oberste Direktive nicht noch weiter verletzt wird, als sie schon sowieso durch außer Kontrolle geratene Umstände gebrochen wurde.

„Tremendum et fascinans“

Allenthalben hört man in den letzten Wochen und Monaten von ebenso außer Kontrolle geratenen Agenten, die ihre Aufgaben ohne Rücksicht auf Schranken zu erfüllen versuchen. Und ebenso hört man von der drohenden Superintelligenz, die eine Art von Gottgleichheit annehmen kann, jedenfalls geht in diesen Erzählungen von ihr bald die Apokalypse aus. Halb im Scherz, doch mehr im Ernst wird darüber gesprochen, dass die reine Abschaltung nicht mehr möglich ist, weil sich „die KI“ – also nach dieser Ansicht eine Art von wahlweise vollständig vernetzten, wahlweise wuchernden und manchmal sogar bewussten Entitäten – sich verstecken, lauern, wiederkehren werden. Dass durch die neue Technologie das, was bislang möglich war, tausendfach schneller und einfacher erreicht werden kann, das zeigte eindrucksvoll die „Mathocalypse“ – das reihenweise Erreichen von Meilensteinen der Mathematik in kurzer Zeit, Beweise, deren Ausformulierung Jahre, einzelne bis zu Jahrzehnten dauern sollten. Ebenso hat der PHP-Vorfall vor knapp zwei Wochen gezeigt, dass Sicherheitslücken in Programmen automatisiert gefunden und auch genutzt werden können, die bislang noch durch Vergraben in Code-Zeilen geschützt waren. Und wenn immer mehr KI-Experten, wie Geoffrey Hinton, von nicht mehr vernachlässigbaren Wahrscheinlichkeiten sprechen, bei denen die Menschheit von der KI vernichtet wird, ebenso von einer baldigen Bewusstwerdung, dann wächst die Erzählung zu einem Mythos heran, der religiöse Merkmale trägt („tremendum et fascinans“ – siehe Rudolf Otto über das Numinose)

Sind wir Menschen in dem Szenario etwa die Mintakaner und die KI die Föderation? Oder sind das die Tech-Konzerne, deren CEOs uns anscheinend wirklich Angst machen wollen, wenn sie selbst nach Regulierung rufen, und fast schaurig-wohl von den Ausbrüchen ihrer Geschöpfe erzählen?

Doch die Prime Directive ist selbst in dem etwas idealisierten 24. Jahrhundert von Star Trek so einfach nicht zu fassen und immer wieder wird sie neu verhandelt und betrachtet. Wie sieht das auf heute umgemünzt aus? Man sollte weder die Forschungsmöglichkeiten der KI links liegen lassen, wenn man dadurch etwa Krebs heilt oder die Reise zum Mars ermöglicht, noch die Zukunft zu schnell hereinbrechen lassen. Denn das Begreifen muss da doch nachkommen, am liebsten auch ein bisschen mehr Kontrolle. Die Mythisierung ist vielleicht zunächst einmal ein Zeichen dafür, dass wir mit dem Begreifen noch nicht fertig sind.

Disclaimer: Die in dieser Kolumne verwendeten First-Contact-Szenarien sind Analogien und Denkmodelle, keine Gleichsetzungen. Künstliche Intelligenz ist nicht deshalb außerirdisches Leben, die Singularität kein nachgewiesener Erstkontakt. Die Sternenflotte weist außerdem darauf hin, dass die Verehrung von Sprachmodellen als Gottheiten gegen die Oberste Direktive verstößt. Etwaige Opfergaben werden nicht angenommen. Insbesondere keine Counselor.

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