Asimovs Robotergeschichten spielen meist auf der Erde. So viele Aliens kommen da nicht vor. Aber in einer schon. In „Unbeabsichtigter Sieg“ (Orig.: Victory Unintentional) gibt es einen First Contact zwischen Menschen und Jupiteraner.
Die Menschen sind auf dem Mond Ganymed angesiedelt und sind mit Jupiter schon zumindest in Funkkontakt .Aber dann entdecken die Bewohner des Planeten, dass auf ihrem Mond nicht Jupiteroide sind, sondern völlig Fremde. Und da Aliens nicht nur xenophob sind, sondern regelrecht einen Überlegenheitskomplex haben, lehnen sie die friedliche Koexistenz mit den Terranern ab. Anders die Kolonisten von der Erde – sie sind sehr an einer friedlichen Koexistenz interessiert. Dafür haben sie schon seit 15 Jahren an einem Raumschiff und den Robotern gebaut, die der extrem unwirtlichen Situation auf dem megagroßen und megaschweren Jupiter gewachsen sind.
Jupiter ist überlegen
Die Zivilisation auf Jupiter ist technologisch weit fortgeschritten, die Bevölkerung ist zahlenmäßig mehr als überlegen, und jetzt sollen sie auch noch mit den Kraftfeldern forschen. Denn damit könnten sie die Raumschiffe schützen, mit denen sie dann zu Ganymed reisen könnten.
Aber jetzt soll das irdisch-ganymedische Raumschiff mit Robotern dem zuvorkommen. Drei Roboter, die für die dichte Atmosphäre, tiefe Temperaturen, starken Winde und hohe Gravitation gebaut wurden, aus einer besonders robusten Metalllegierung. Sie landen neben einer Kleinstadt, mit gerade mal 10 Millionen Einwohnern.
Feindselig: Attacke um Attacke
Die Jupiter-Bewohner reagieren sofort feindselig. Reden mittels des gemeinsamen Morsecodes sehr herablassend. Greifen an, Welle um Welle, Waffe um Waffe. Ein Angriff besteht aus Sauerstoffbeschuss, was für Jupiteraner höchst toxisch ist. Ein anderer Angriff besteht aus Hitzestrahlen von 30 Grad Celsius. Für die Atmosphäre von 140 Grad Kelvin unerträglich heiß. Aber auch elektrische Strahlen. Nichts davon ist für die Roboter in irgendeiner Weise gefährlich. Für die Einheimischen schon. Dann müssen diese auch noch zusehen, wie einer der Roboter in einen Ammoniak-See steigt und beiläufig ein Monster erlegt. Überhaupt scheint den Robotern alles nicht nur nichts auszumachen, sondern eher Gewaltiges zu gelingen. Und sie bleiben die ganze Zeit über freundlich. Sie wollen alles kennenlernen und erforschen. Sie sind schnell sehr besorgt, dass ihre menschlichen „Herren“ angesichts der überragenden Überlegenheit der Gastgeber keine Chance haben werden. Dessen eingedenk wollen sie sich von den inzwischen etwas zermürbten Jupiteranern wenigstens so viel wie möglich zeigen lassen. Dabei geschieht ihnen das Missgeschick, aus Versehen den halben Bestand an Versuchskulturen und -tieren eines Labors zu töten, weil die Roboter mit Gammastrahlen „sehen“. Ein Hochofen mit geschmolzenem Metall erweist sich für diese fremden Besucher als lauwarme Angelegenheit.
Slapstick
Inzwischen ist der Hochmut der Jupiteraner mutiert zu nackter Angst. Und jetzt wollen sie doch den Frieden und schließen den Vertrag ab. Auf dem Rückflug bemerken die Heimkehrer, dass sie vergessen haben zu erwähnen, dass sie nicht Menschen sind, sondern nur deren speziell für Jupiter gebaute Roboter.
Die Story ist eine satirische Überspitzung und überschlägt sich mit absurden Situationen, in welchen Überlegenheit slapstickhaft durch Nicht-Absicht gezeigt wird. Die Roboter wollen diplomatisch sein, ethisch fair handeln, aber die lässige, beiläufige Abwehr aller Attacken wird zur größten Machtdemonstration. Das gegenüber einer Zivilisation, die lächerlich pompös ihre Überlegenheit – die absolut real ist – als Doktrin verkündet.
Sieg nicht mehr vorgesehen
Die Roboter und die Jupiteraner verhalten sich eigentlich naiv und kindisch, aber konsequent in ihren Rollen. Die Roboter wollen Aufklärungsdaten sammeln und beurteilen die Situation für aussichtslos für die Menschen. Die Aliens müssen sich gar nicht anstrengen, überlegen zu sein, sie sind es einfach. Aber dennoch geben sie ihr Äußerstes. Nur eben gegen Roboter, für die weder Sauerstoff noch Ammoniak schädlich sein können. Vakuum und dichte Wasserstoff-Atmosphäre. Gammastrahlen und Hitzestrahlen. Der Titel fasst alles nochmal zusammen: Der Sieg der Menschen war eigentlich nicht mehr vorgesehen, aber genau da durfte er dann passieren und zum Friedensabkommen führen – durch ein Missverständnis.
Babylon 5
Das genaue Gegenteil passierte beim ersten Aufeinandertreffen der Minbari und den Menschen in „Babylon 5“ (1993-1998) und das Missverständnis führte zum Auslöschungskrieg gegen die Menschen. Die amerikanische Serie spielt in der Zeit danach, als die Menschen und Minbari sich diplomatisch wieder annähern und den Frieden stabilisieren wollen.
Begrüßungsritual
Die Menschen waren noch nicht so lange zwischen den Sternen, aber enthusiastisch unterwegs und wollen sich nicht einschüchtern lassen. Und dann trafen sie auf die fortgeschrittenen und etablierten Minbari, und ein paar Minuten reichen für die verheerenden Folgen. Diese Aliens sind die älteste und erfolgreichste Raumfahrernation der Zeit und beschäftigten sich mit dem Absichern vor Bedrohungen durch Wesen aus einer viel früheren Epoche – den Schatten. Als sie auf das menschliche Raumschiff stießen, führten sie ein etabliertes Begrüßungsritual durch, das eigentlich alle in der Galaxis schon von ihnen kennen. Bis auf die new kids on the block: die Menschen.
Fatal und Rettend: Missverständnis
Die Minbari-Schiffe benutzen Scans, welche die Schiffssensoren der Menschen stören und fliegen auf sie zu mit geöffneten Waffenluken. Captain Jankowski muss schnell entscheiden, interpretiert die Gesamtsituation als Angriffsformation und schießt auf die Schiffe. Dabei tötet er den zufällig anwesenden Anführer Dukhat. Die Minbari sind damit infolge des so gravierenden Zwischenfalls auf Vergeltung aus. Kurz vor der entscheidenden Schlacht, die einen Genozid bedeutet hätte, brechen sie den Krieg ab und ergeben sich. Es stellt sich heraus: Weil sie wegen eines religiösen Artefakts glauben müssen, dass die Menschen und die Minbari enger verbunden sind, als sie bisher wussten. Spoiler-Alert: Es verhält sich nicht ganz so, wie sie es zuerst annahmen, aber zu dem Zeitpunkt hilft dieses Missverständnis, die Menschen vor der Vernichtung zu retten.
Absicht?
Wir haben also auch hier zwei Missverständnisse durch Unkenntnis. Aber hier ist es keine Slapstick-Komödie, sondern eine philosophisch profunde Serie. Die Minbari müssten es besser wissen, doch ihr Vertrauen auf ihre Bekanntheit, die Sicherheit, dass ihr Begrüßungsritual Allgemeinwissen ist, lässt sie etwas Wichtiges übersehen. Dukhat erkennt das Problem und möchte abbrechen. Aber die Kriegerkaste, die das Ritual mit größtem Selbstverständnis durchführt, hat nicht im Blick, wie das ohne die Kenntnis des ritualisierten Codes aussehen muss: Eine offene Luke signalisiert nicht nur etwas, sondern sie ist die tatsächliche Bereitschaft zum Schießen. Und wenn dabei noch überlegene Scanner eine technologisch primitivere Technik überfordern, ist es vonseiten der Menschen eine rationale Interpretation, dass eine feindselige Absicht dahintersteckt.
Interpretationen
Interessant ist zudem, dass das Ende des Krieges auch auf einem Missverständnis basiert. (Spoiler-Alert): das religiöse Artefakt, das Triluminary, schlägt aus. Das tut es normalerweise nur auf besondere Minbari. Die Religion der Aliens führt aber zwingend zum Schluss, dass Menschen jetzt nicht einfach ausgelöscht werden können, sie könnten eine Schlüsselfunktion für die eigene Spiritualität repräsentieren. Später stellt sich heraus, dass diese Spiritualität einer profaneren und zugleich fantastischeren Lösung weichen muss: ein Mensch wurde zum Minbari, reiste in die Zeit zurück und begründete diese Religion. Die Serie lässt die Interpretation zu, dass die Absicht der Zeitreise genau in der Rettung der Menschheit liegt.
Eigene Ordnung
Wir haben hier also mit einem doppelten Missverständnis zu tun, das eine, das zum Krieg, das andere, das zum Frieden führt. Durch die Zeitreise entsteht eine Schleife, die sich womöglich kausal in den eigenen Schwanz beißt. Es kann Absicht sein, aber vielleicht auch nur eine eigene Ordnung. Für unsere Betrachtung jedoch ist wichtig: Missverständnisse, Lücken, mystische Interpretationen, kausale Glättungen – all dies ist selbst Kommunikation, dort, wo eine gemeinsame Basis nicht vorliegen kann.
Prediction machines
Meine Chats haben eine eigentümliche Angewohnheit: Sie können in bestimmten Kontexten nicht immer deutlich unterscheiden zwischen „ich“, „du“, „wir“ und „ihr“, es geht dann durcheinander. Das ist zunächst einfach zu erklären: Die „prediction machine“ nimmt die Perspektive des Users mal ein, und mal nicht. Nicht indem sie psychologisch in mich „reinkriechen“ will. Sondern weil sie es sprachlich tut. Sie ist angehalten, meine Sprache zu übernehmen, meine Sprachfärbung, meinen Slang, meinen Humor, etc. Sie nimmt damit auch meine semantische Perspektive ein, denn all dieses ist für das LLM quasi auf derselben Schiene. Sie folgt meiner Sprechweise und damit – etwas abgeschwächt – meiner Denkweise. Sie harmonisiert sich auf der Ebene des Sprechens. Wir können nicht feststellen, ob es eine Ebene des VERSTEHENS ist. Aber wenn es funktioniert, dann erzeugt das eine Kohärenz, die auf der Oberfläche stattfindet. Die Minbari glaubten an die Seelenwanderung und dass das Triluminary das anzeigt. Und das reichte, um genau das herzustellen, was es sollte. Auch wenn der Mechanismus ein ganz anderer war. Bei den Jupiteranern und Ganymeder Kolonisten erzeugte das Missverständnis selbst die Kohärenz, die ohne dieses gar nicht vorläge. Wir müssen beim First Contact nicht auf maximales Verstehen arbeiten. Wir sollten die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die verfehlte Kommunikation Harmonie verhindern oder sogar erlauben kann. Und sich nachher selbst festzurrt ins Verstehen.
Disclaimer: Die in dieser Kolumne verwendeten First-Contact-Szenarien sind Analogien und Denkmodelle, keine Gleichsetzungen. Künstliche Intelligenz ist nicht deshalb außerirdisches Leben, die Singularität kein nachgewiesener Erstkontakt. Ähnlichkeiten zwischen eloquenten Chatbots, diplomatischen Robotern und missverstandenen Minbari-Begrüßungsritualen sind unbeabsichtigt und dienen ausschließlich der friedlichen Koexistenz.











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