Kalendarisch hinter uns: Brasilien, Serbien, Israel.
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Vorhang auf für:
Schuld & Sühne im Prairiestaub
Der zunächst nur schemenhaft erkennbare Mann kommt langsam näher. Sehr langsam. Quälend langsam. Hitze umflimmert ihn ganz und gar. Genau wie jene zerrenden Klänge der Unheil verkündenden Mundharmonika. Franks eiskalte Augen blicken nun erbarmungslos amüsiert auf den Jungen vor ihm. „Na komm, spiel mir das Lied vom Tod.“
Exakt in jenem Augenblick, in dem der Killer dem gefesselten Kind die Mundharmoonika in den Mund stopft, ertönt die cineastisch schneidenste E-Gitarre aller Zeiten. Jeder kennt die folgende makabre Pointe und die Kulmination des Duells zwischen Frank, Henry Fonda und dem Harmonica-Man, Charles Bronson. Wer die Filmusik von „Once Upon A Time In The West“ einmal hört, vergisst sie nimmer mehr.
Film und Musik.
Musik und Film.
Beides geht 1968 um die Welt, hebt Sergio Leone und Ennio Morricone auf den Status von Ikonen. Zu Recht wurde Morricones „Once Upon A Time In The West“ eine der berühmtesten Filmmusiken aller Zeiten, eine der erfolgreichsten dazu. Es ist die Krone aller Western-Scores; auf ewig uneinholbar.
Und dennoch:
Dass es überhaupt soweit kommt, war in jenen Tagen gleichwohl alles andere als ein Selbstläufer. Werfen wir einen Blick zurück.
Als beide Alphatiere sich 1964 zur ersten gemeinsamen Arbeit „Für eine Handvoll Dollar“ anschicken, möchte Leone den Western zwar durch eine sarkastische Note erneuern. Doch so ganz mochte er die eigenen Vorbilder trotz aller Bereitschaft zur progressiven Dekonstruktion nicht aus dem Sattel stoßen. Besonders die Filmmusik von Howard Hawks „Rio Bravo“ ging ihm seit 1959 nicht mehr aus dem Kopf. Der gesamte Soundtrack mit seinem dramatischen Höhepunkt „El Deguello“ stammt vom großen Dimitri Tiomkin. Leone wünschte sich von Morricone für seine Dollar-Trilogie derartige Tiomkin-Musik und erhielt sie.
Genau diese drei Filme erweisen sich mith als perfekte Vorbereitung für das Opus Magnum. Ausgestattet mit deutlich mehr Budget und Ansehen erweitern sich für den Italiener nunmehr auch die kreativen Möglichkeiten. Nachdem Leone mit Dario Argento und Bernardo Bertolucci die Storyline verfasste, sollte Morricone bereits mit der Komposition loslegen und diese noch vor Drehbeginn fertig stellen.
Vor Drehbeginn?
Ja, kein Scherz.
Letzteres war absolut unkonventionell für die damalige Zeit, funktionierte als Methode jedoch bereits bei „The Good, The Bad & The Ugly“ prächtig.
Das Motiv liegt auf der Hand: Leone möchte die Akteure bereits am Set mit den Klängen beschallen, um beim Filmen die perfekte Stimmung aus der Besetzung heraus zu kitzeln.
Das Vorhaben gelingt – wie erhofft – sogar noch besser als erwartet. Wer genau hinschaut, sieht nämlich in einigen Szenen, wie die Schauspieler sich – womöglich komplett unbewusst – im Takt der Hintergrundmusik bewegen.
Warum klappt derlei hier so suggestiv, so hypnotisch?
Morricone selbst legt hier restlos alles spontan in diese Lieder, was sein visionäres Hirn ihm einflüstert. Er fügt hier erstmals zusammen, was vorher streng getrennt war. Aus der Klassik kommend, nimmt er den Handlungsfaden des opernhaften Drehbuchs dergestalt auf, dass einige Leitmotive sich zu pompösen Crescendi emporschwingen.
Zum dramaturgisch wie ästhetisch notwendigen Kontrast ersinnt er dazu abgelederte, staubtrockene Percussion so karg wie die Sierra selbst. Als absoluten Höhepunkt webt er darin – aus der Zeit betrachtet ultra derben – Rock in Form der obigen E-Gitarre, die auch emotional weit heftiger, finsterer und härter klingt als damals auch nur entfernt in Scores üblich.
Ihr kennt den Film.
Ihr wisst um die – sagen wir mal – recht unterschiedlichen Charaktere.
So verschieden diese Hauptcharaktere, so klingen die ihnen zugeordneten Themen. Achtet nur bewusst drauf:
„Man With A Harmonica“
Harmonica teilt sich sein „Man With A Harmonica“ passenderweise mit Frank. Ein schönes Detail: Letzterer bekommt die E-Gitarre nur einmal allein, nämlich zu Beginn, wo er Oberwasser hat und die Familie McBain auslöscht. Claudia Cardinale erhält die einzige Passage mit Vocals. Als heimlicher Joker blitzt zwischendurch zu Jason Robards‘ Cheyenne immer wieder eine liebenswürdige, nahezu lustige Passage auf, die genau so sympathisch ist wie dessen Rolle als herzensgutes Rauhbein. Sie spielt im wahrsten Sinne des Wortes bis zu seiner letzten Sekunde.
Daneben taucht hier auch erstmals das für Ennio Morricone so charakteristische Beben und Flattern der Tasten auf. Er nutzt den vibrierenden Effekt zum Spannungsaufbau und kreiert dadurch eine ganz besondere Stimmung, die man sofort als Morricone-Atmosphäre erkennt. Etliche spätere Erfolge wie die Soundtracks zu „Der Profi“ oder besonders „Allein Gegen Die Mafia“ setzen auf dieses Stilmittel.
Einziger Wermutstropfen in diesem Geniestreich ist die rätsel- bis amateurhafte Veröffentlichungspolitik des damaligen Labels RCA. Es dauert tatsächlich volle vier Jahre, bis der Soundtrack endlich 1972 als Platte erscheint. Schlimmer noch: Die weltbekannte, 13 Titel umfassende Version ist nur ein Fragment und kaum mehr als ein Best Of des Morricone-Scores. Die komplette Filmmusik umfasst hingegen 27 Titel, ist locker doppelt so lang und erscheint erst geschlagene 32 Jahre später als Remaster in der sogenannten „Expanded Edition“.
Da musste man wahrlich buddhistische Geduld mitbringen. Doch wie heißt es zwischen Frank und Harmonica zum Ende: „Hast Du auf mich gewartet?“ „Ja, viel zu lang!“
Worauf warten wir?
In diesem Sinne
From Hamburg
with Love
UK











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