Islam, Christentum, Religion – Unbill oder Segen?

There is no middle ground for us to walk or to take. Instead we tumble down either side, left or right, to love or to hate.“ (Peter Murphy, „A Strange Kind Of Love“)

Die These

Meine These: Im Spannungsfeld von Zustimmung und Ablehnung der Religion(en) sollte es nicht um emotional aufgeladene Diskussionen Marke „Du arroganter Rassist“ vs. „Du naiver Schönbeter“ gehen, sondern um eine rein ethische Betrachtung, die m.E. folgende Wahrheit zu Tage fördert:

Das Übel wohnt weder in Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus, Hinduismus oder anderen Konfessionen. Sehr wohl wohnt es aber in deren politisierten, fundamentalistischen „Ismus“-Varianten, die jegliche Kultur und Spiritualität dem Gespenst von Nationailismus und klerikal-sittlichem Totalitarismus opfern. Well, fukk those!

Beispiele:

1._Das Christentum in seiner rein privaten oder kulturellen Ausprägung bringt u.A. große Kunst wie J.S. Bach, Wovenhand/16 Horsepower hervor.

Im Gewand von: Katholizismus/Puritanismus/Evangelikalismus hingegen erzeugt es Gestalten wie Billy Graham und Co. Es wettert kunstfeindlich gegen Filme wie „Das Leben Des Brian“ oder „Letzte Versuchung Christi“, gibt sich homophob wie etliche Freikirchen der USA, macht als orthodoxe Körperschaft gemeinsame Sache mit dem Nationalismus des Kreml oder siedelt sich bei uns in verhöckerter Deutschtümelei bis hin zu rechtsextremem Gedankengut an.

Ergo: politisches Christentum tendiert stets zu Dominionismus und zu Feindschaft gen Freigeistigkeit.

2._Der Islam in seinen rein spirituellen/kulturellen Facetten brachte die Poesie Rumis hervor, sieht Gott als Synonym für Liebe wie etwa Peter Murphy und bescherte uns Bands wie die istanbuler Freigeister Baba Zula.

In seiner politisierten Form atmet er hingegen den nationalistisch-expansiven Pesthauch politischer Grobmotoriker wie Erdo/AKP (der türkischen AFD-Variante mit islamischen statt christlichen Verballhornungen), tötet die Freiheit von Kunst und Presse oder gibt à la Riad/Teheran der legislativen Entrechtung von Frauen, Andersdenkenden, Apostatikern etc freien Lauf. Der Gipfel ist ein Widerstreit beider letztgenannter islamistischer Behemoths, die im Ringen um Vorherrschaft sogar vor Genozid am Brudervolk im Fall des Jemen nicht zurückschrecken. Denn die dortige Zivilbevölkerung wird – dem millionenfachen Seuchen- und Hungertode nah – zwischen beiden Polen zerrieben und geopfert.

Und diese beiden Pole sind ein Dorn im Auge der aufgeklärten Welt. Die iranische Rechtsschule verankert etwa in der Verfassung – voll Islamisten-Torquemada – tatsächlich „Gott“ als Staatsoberhaupt und Souverän; nicht etwa das Volk. Geht es noch inakzeptabler anno 2018?

Aber: Es gibt ja auch spirituelle, sehr fortschrittliche Strömungen, die weder Andersgläubige noch Frauen entrechten und kunstfreundlich ausgerichtet sind. Nehmen wir nur den synkretistischen Sufismus an der Elfenbeinküste. Gerade weil diese lebensfrohe, ganz und gar unmartialische schwarzafrikanische Nische im Spektrum gegenwärtig noch eher im Genre „Special Interest“ rangiert, darf man sie nicht zusätzlich marginalisieren. Sonst hilft man den genannten Konservativen. Ebenso positiv: die progressiven Varianten der um modernisierte Reformdeutung bemühten Länder Marokko und Tunesien. Bezeichnend ist jedoch, dass alle drei Genannten massiv von Riad unterwandert und torpediert werden, damit die Staaten im saudischen Sinne gen Wahhabismus kippen und unter dessen strengreligiöser Politfuchtel stünden.

In Wahrheit ist die Krux mithin aus meiner Sicht nicht etwa „der Islam“, sondern der Widerstreit zwischen expansiven, missionarischen Strömungen im Clinch mit den liberalen Richtungen.

3._Buddhismus? Eine großartige, individualismusfreundliche wie denkfreudige Sichtweise, die in diversen Ausprägungen mehr Philosophie als Religion ist. Die politisierte, von aller Weisheit entkoppelte Verstümmelung jedoch zeigt uns im Fall Myanmar und der Verfolgung der Rohingya gerade, wie es nicht sein sollte.

4._Judentum? Im kulturellen wie spirituellen Bereich sehr intelligente, oft skeptische und diskussionsfreudige Richtung mit Spaß am Finden und Ergründen neuer Auslegungen sowie gepflegtem Hadern. Eine Liste jüdischer Künstler, die das kulturelle Leben der Welt positiv beeinflußte, würde von hier zum Mond reichen. Statt aller sei nur Leonard Cohen genannt. In der politisierten Version allerdings gibt die Konfession sich oft als nationalistische Strömung weit rechts vom Likud erkennbar und mit rassistischen Untertönen um sich werfend.

5._Hinduismus? Ebenfalls nur harmlos als unpolitische Haltung. Die Deutung politischer Aktivisten hingegen steht in Indien für ein angestrebtes Vorherrschaftrecht, ist klar nationalistischer Gesinnung und tötete in der fanatischen Variante den in dieser Hinsicht einenden, toleranten, synkretistischen Gandhi.

Zwischenfazit: Als kulturell-spirituelle Ausprägung ohne rechtliche, staatliche und ideologische Macht ist Religion super. Als politisierte Form hingegen bringt sie nur Unheil.

Das Armutszeugnis der Seehofer-Diskussion

Hierzulande haben wir nunmehr die Seehofer-Diskussion als absoluten Tiefpunkt auf der Skala eines wechselseitigen Armutszeugnisses. Was mir daran auf den Nerv geht, ist die gegenseitige Überhöhung „Islam, Christentum etc“ in der Frage etlicher Errungenschaften. Im Grunde können beide Religionen hier mal in Demut die Schnauze halten, finde ich.

Denn: die beiderseits errungenen Kulturgüter sind doch vieles, aber sicher kein genuin religiöser Verdienst. Wenn die Araber uns beispielsweise die Urform der Gitarre oder da Vinci die Mona Lisa schenkten, so ist es sicherlich das Werk toller einzelner Geister und Erfinder. Ebenso womöglich Teil der jeweils kulturellen Ausprägung. Aber ganz sicher ist es nicht deshalb passiert, weil die einen ’ne Bibel im Schrank stehen hatten oder die anderen den Koran. Insofern habe ich stets das Gefühl, dass Religionen mit ihren letzten Endes meist austauschbaren Gottesfiguren sich gern mit Federn schmücken, die ausschließlich dem jeweils kreativen Freigeist zukommen. Hier versagt die Seehofer-Diskussion komplett, weil sie den Diskurs durch eine identitätspolitische Emotionalisierung eher blockiert denn befördert. Das Ergebnis: Lagerdenken, Konfrontation und Genitalvergeich auf beiden Seiten!

Jetzt mehren sich beiderseits auch Stimmen, die sagen: „Wir brauchen mehr muslimischen und christlichen Religionsunterricht, damit die Toleranz wachse.“

Nein!

Wir benötigen weder mehr christlichen noch mehr muslimischen Religionsunterricht. Es sollte m.E. im gemeinsamen (!) Unterricht um humanistische Wertevermittlung wie Empathie, Philosophie, Ethik und Respekt voreinander gehen; um Synkretismus. Da haben beide genug Nachhilfeunterricht nötig.

Mithin um einende Werte, statt trennende Dogmen und nicht um dieses momentan so abstoßend sektenhafte Geeiere, bei dem jeder Seite das eigene Schäufelchen und Clubhaus Maß aller Dinge ist.

Die Brücke unter Barrikaden

Es sollte bei der Diskussion doch weniger retardiert gehen, weniger kognitiv gestört, weniger Macho. Geht es auch. Obig riss ich kurz das Beispiel Peter Murphys an; eines Mannes, der im christlichen Teil der Welt ebenso zu Hause ist wie im islamischen. Er ist mit seiner Band Bauhaus Miterfinder des Gothic Rock und macht solo seit über 30 Jahren herausragende Alben zwischen elegantem Pop und packendem Rock. Ähnlich souverän wandelt Murphy als Botschafter zwischen Kulturen und Religionen. Seit 30 Jahren lebt er mit seiner Frau Beyhan (Direktorin des Modern Dance Theaters) in Istanbul; ebenso lang bekennt er sich zum Sufismus. Durch den ungezwungenen Umgang mit dem eigenen Bekenntnis gelingt Murphy genau jener Spagat, an dem verhärmt-konservative Konvertiten wie etwa Cat Stevens alias Yusuf Islam zeitlebens so offenkundig scheitern.

Als besonderes Schmankerl empfehle ich „Dust“, ein hochgradig intensives wie entspannendes Klangerlebnis, in dem er westliche Melodik, orientalische Strukturen und poetische Texte mischt. Anspieltipp daraus: „Your Face“:

https://youtube.com/watch?v=g3Kq6nKuvoY
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Lesen Sie auch: 7 Räume der Weisheit

 

8 comments
Jerry Cotton

Irgendwo habe ich gelesen, wer keinen Standpunkt hat, muss auch keine Meinung vertreten. Wer keine Meinung vertritt, muss auch keine Konsequenzen fürchten. Wer Konsequenzen fürchtet, hat besser keinen Standpunkt! Das finde ich schlimm: https://bit.ly/2pEUh6C

Wolf-Dieter Busch

„Wir benötigen weder mehr christlichen noch mehr muslimischen Religionsunterricht. Es sollte m.E. im gemeinsamen (!) Unterricht um humanistische Wertevermittlung wie Empathie, Philosophie, Ethik und Respekt voreinander gehen; um Synkretismus.“

Gibts doch schon lange: Unterrichtsfach Ethik!

    Ulf Kubanke

    klar gibt es den schon lange. in etlichen schulen fristet er aber ein nischendasein, da viele christlichen familien fürihre kids auf „religionserziehung“ pochen und es bei muslmischen familien ähnlich aussieht. das ergebnis ist dann, dass die jungen menschen nicht das große büffet zur auswahl erhalten, sondern einfach per manipulation in genau d a s schema hineinrutschen, was die eltern eben traditionell auch leben.

    das ist dann genau das gegenteil des staatlichen bildungsauftrags und das gegenteil einer individuellen meinungs- und charakterbildung.

      Jerry Cotton

      Dass eine christliche Erziehung der Kinder – zur Erinnerung: das Erziehungsrecht, die Erziehungspflicht ist für die Kindeseltern im Art. 6 Abs. 2 GG festgeschrieben – dem GG gegenüber widersprüchlich oder nicht konform ist, habe ich noch nicht gelesen. Wissen Sie da mehr?

        Ulf Kubanke

        das ist womöglich nicht die richtige frage. denn die christliche erziehung ist sache der eltern bzw der familiensphäre. der religilolnsunterricht jedoch ist ja ne staatliche angelegenheit.

        wenn man nun schon mit dem gg daherkommt, ist die erkenntnis hilfreich, dass das gg die freiheit zu jedem bekenntnis schützt und damit auch sog. negative ausübungsfreheit in form der ablehnung jeglicher konfession (atheismus).

        wir haben hier also drei strömungen, die aufenanderprallen:

        1. die religiösen eltern – egal ob muslime oder christen, die vom staat die einweisung in das jeweils gelebte modell erwarten.

        2. der staat, der an öffentlichen schulen dem bildungsauftrag jenseits jedes religiösen bekenntnisses verpflichtet ist.

        3. die kinder und jugendlichen, deren individueller wille per gg den elternwillen bricht, sobald grundrechtsmündigkeit eintritt.

        alle drei richtungen berufen sich auf das gg und erwarten, dass es ihnen den weg zur durchsetzung ebnet. ist halt immer kompiziert mit den menschen, eh?

        neben rein praktischen – umstrittenen – fragen, ab wann die grundrechtsmündigkeit eintritt, stellt sich mithin die frage, was ist salomonisch?

        meiner ansicht nach kann es mithin nur aus dem blickwinkel der kids gesehen werden. nicht aus jenem der eltern. das machen wir im familienrecht auch so. „kindeswohl = maß aller dinge“.

        ausgehend vom kindeswohl als auslegungshilfe würde zumindest ich sagen:

        das individuum kann sich nur entwickeln, so es in seiner freigeistigkeit bestärkt wird. wir wollen ja keine zombiegeneration.

        freigeistigkeit und individualität, die fähikeit zur eigenen meinungsbildung geht nur durch ein möglichst umfassendes bild. der staat könnte also das große büffet aufmachen, alle wichtigen religionen erläutern und auch die möglichkeit der konfessionslosigkeit ansprechen.

        dann hätten wir generationen, die nicht einfach das wiederkauen, was die familie bzw das umfeld traditionell vorkaut, sondern informierte menschen, die sich kraft eigenen willens für a, b oder c entscheiden.

        damit wäre allen gedient. die eltern können ihre erziehung in die familiensphäre verlagern. das nimmt ihnen ja niemand. die schule wird nicht zum spielball mythischer gemeinschaften und stärkt die entwicklung der persönlihkeit. und die kids werden tolerante, informierte, selbstbewusste leute.

          Wolf-Dieter Busch

          @Ulf Kobanke – grundsätzlich: es gibt nur Strafmündigkeit. Grundrecht hat der Mensch ab Geburt, dafür brauchts keine Mündigkeit.

          Das Erziehungrecht der Eltern sehe ich in der Nähe der Grundrechte, obwohl ich keine Stelle benennen könnte. Übrigens ist der Wortteil „Recht“ nicht ganz zutreffend, ich bevorzuge „Erziehungs-Pflicht“; noch besserer Begriff als „Pflicht“ wäre „Kompetenz (natürliche)“. Die nur bei Verletzung der Grundrechte des Kindes (siehe oben) angegriffen werden darf. Fakt ist, ohne Elternfürsorge ist so was Kleines schlicht verloren, abseits jeder Verfassung oder Weltanschauung.

          Bitte vermeide Formulierungen wie „wer mit GG DAHER kommt“. Ich weiß von keiner Verfassung der Welt, die in §1 die Würde des Menschen auch nur nennt. Unser Grundgesetz tut es. Da lege ich Wert drauf und du sicher auch.

          Jerry Cotton

          Das Kinder im Elternsinn erzogen werden, damit werden Sie leben müssen. Als Vater, wenn Sie einer sind, werden Sie wissen warum das so ist. Daraus zu schließen, dass Kinder im Erwachsenenalter, wie ihre Eltern denken oder glauben, ist eine andere Sache. Und was ‚freigeistige Erziehung‘ ist, sollten Sie definieren.

          Christliche Eltern erwarten, dass der Staat sich an die Aufgaben hält, die sich aus dem GG ergeben. Eine ‚religiöse‘ Erziehung gehört nicht dazu. Der staatliche Religionsunterricht kann, ohne Angaben von Gründen, freigestellt sein. Dafür gibt ’s dann Ethik-Unterricht, wessen Ethik auch immer.

          Es ist für mich nicht nachvollziehbar, warum der Staat Kinder im Sinne der Scharia, dem islamischen Recht, zum Beispiel, das im Widerspruch zum GG steht, erzieht. Nicht in Deutschland, nicht in Europa. Das kann ich verlangen.

Ulf Kubanke

@wolf-dieter: du sagst: „grundsätzlich: es gibt nur Strafmündigkeit. Grundrecht hat der Mensch ab Geburt, dafür brauchts keine Mündigkeit.“

das glauben viele laien. aber ich hätte es nicht geschrieben, so es nicht stimmte. gern gebe ich jedoch zu, dass unser rechtsssystem hier etwas unübersichtlich ist. was du meinst, ist die sog. grundrechtsfähifgkeit. die hat man qua geburt bis zum tode. die grundrechtsmündigkeit baut darauf auf und knüft sich an einsichtsfähikeit etc.

du sagst: „Das Erziehungrecht der Eltern sehe ich in der Nähe der Grundrechte, obwohl ich keine Stelle benennen könnte. Übrigens ist der Wortteil „Recht“ nicht ganz zutreffend, ich bevorzuge „Erziehungs-Pflicht“; noch besserer Begriff als „Pflicht“ wäre „Kompetenz (natürliche)“. Die nur bei Verletzung der Grundrechte des Kindes (siehe oben) angegriffen werden darf. Fakt ist, ohne Elternfürsorge ist so was Kleines schlicht verloren, abseits jeder Verfassung oder Weltanschauung.“

siehe meine antwort oben: verhältnis der elterlichen erziehung zur grundrechtsmündigkeit. das st ja keine privaterfindung von mir.

du sagst: „Bitte vermeide Formulierungen wie „wer mit GG DAHER kommt“. Ich weiß von keiner Verfassung der Welt, die in §1 die Würde des Menschen auch nur nennt. Unser Grundgesetz tut es. Da lege ich Wert drauf und du sicher auch.“

das vermeide ich natürlich nicht. denn bei näherem hinsehen geht dir auf, dass wir hier auf derselben welle „gg-fan“ surfen und das „daherkommt“ sich auf den einwurf jerrys bezieht. es ist nämlich eine unsitte der kommentarspalten, dass viele lapidar irgend nen artikel nennen, noch nie nen kommentar aufgeschlagen haben und nur die eigene sicht mit dem zitat rechtfertigen wollen. deshalb mein berechtigter einwurf mit der nebativen kofessionsfreiheit.

dank dir f d mühe und das mitmachen. 🙂

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