Meine Großmutter ist gestorben. Seitdem wandern meine Gedanken immer wieder zurück in meine Kindheit. In den Garten. Zu den Erdbeeren, die ich mit meinem Bruder naschte, und zu meiner Schwester, die irgendwo oben im Kirschbaum saß. Und zu diesem Loch, das wir damals gruben und anschließend mit Wasser füllten. Bis heute habe ich keine Ahnung, ob wir das einfach nur aus Spaß gemacht haben oder ob es dafür tatsächlich irgendeinen vernünftigen Grund gab. Vermutlich war uns das damals auch ziemlich egal. Hauptsache, es machte Spaß.
Und ich denke an Otto. An den Kater meiner Großmutter, dessen Welt nicht draußen zwischen Bäumen und Beeten lag, sondern in der Wohnung. Er sprang gerne auf meinen Rücken, um mir wie einem kleinen Bruder die Haare zu lecken, und nachts knabberte er allzu gerne an meinen Zehen. Ich erinnere mich auch an die beeindruckende Cornflakessammlung meiner Großmutter, wie sie wohl nur eine Oma für ihre Enkelkinder bereithalten kann. Es sind diese kleinen Selbstverständlichkeiten, über die man damals niemals groß nachdachte. Als Kind geht man ohnehin davon aus, dass vieles einfach immer so bleiben wird, wie es ist. Erst viel später erkennt man, wie besonders diese Augenblicke waren. Es waren die kleinen Dinge, die Licht in unsere Welt brachten und ihren Teil dazu beitrugen, wer wir heute sind.
Vielleicht ist das das Merkwürdige an Erinnerungen. Man denkt oft an die großen Ereignisse zurück, an das Außergewöhnliche. Beispielsweise daran, wie ich als Kind einen Babylöwen auf dem Schoß hatte oder kurz nach der Wiedervereinigung das Boot meines Großonkels auf dem Bodensee steuerte. Doch wenn man einen Menschen verloren hat, bekommen plötzlich jene Augenblicke eine besondere Bedeutung, die einem damals vollkommen gewöhnlich vorkamen. Ein Garten, ein Kirschbaum, eine Katze. Ein mit Wasser gefülltes Loch, dessen Zweck man Jahrzehnte später nicht einmal mehr erklären kann. Und manchmal fragt man sich, wann aus dieser scheinbar so einfachen Welt eigentlich eine so komplizierte geworden ist.
Schatten im Licht
Mit den schönen Erinnerungen kommen auch andere Gedanken. An Menschen, die einem einmal nahestanden. An Beziehungen, die sich verändert haben. An Worte, die gesagt wurden, und solche, die niemals ausgesprochen worden sind. An Enttäuschungen und Verletzungen, die auch nach vielen Jahren nicht einfach verschwinden. Vielleicht beschäftigt mich deshalb gerade besonders, wie schwierig es sein kann, ausgerechnet innerhalb der eigenen Familie miteinander zu reden. Dort, wo man eigentlich Geborgenheit, Vertrauen und Zusammenhalt erwarten würde. Große Worte, die erstaunlich klein werden können, wenn man sie selbst nicht mehr empfindet.
Ich möchte hier keine Familiengeschichte ausbreiten und auch niemanden öffentlich anklagen. Letztlich bin ich selbst nicht unschuldig. Nicht jede Verletzung gehört in die Öffentlichkeit, und nicht jeder persönliche Schmerz muss bis ins kleinste Detail erklärt werden. Aber wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, frage ich mich manchmal, wie aus Menschen, die sich einmal so nahestanden, Menschen werden konnten, zwischen denen inzwischen eine solche Distanz liegt. Wie aus Vertrautheit Fremdheit werden konnte. Und wie es passieren konnte, dass ich mich heute ausgerechnet vor dem schützen möchte, was damals so selbstverständlich erschien: der Nähe zu anderen Menschen.
Ich habe gelernt, dass diejenigen, die einem besonders nahestehen, einen auch am tiefsten verletzen können. Das klingt wie eine jener Binsenweisheiten, die man auf Kalenderblättern findet, gleich neben einem Sonnenuntergang und einem bedeutungsschweren Spruch über das Leben. Der Unterschied ist nur: Es ist etwas völlig anderes, diesen Satz zu lesen, als ihn selbst erfahren zu müssen. Manchmal sind es nicht einmal einzelne Ereignisse, sondern Erfahrungen, die sich über Jahre ansammeln, bis man irgendwann bemerkt, dass etwas in einem zerbrochen ist.
Natürlich besteht mein Leben nicht nur aus Enttäuschungen und schlechten Erfahrungen. Ich kann lachen, Freude empfinden, das Leben genießen und mich über die herrlichsten Kleinigkeiten aufregen. Immerhin habe ich bekanntlich auch 28 Prozent germanische Gene und bin in Deutschland aufgewachsen. Irgendwo muss sich das schließlich bemerkbar machen. Wer mich kennt, weiß vermutlich auch, dass ich nicht gerade zu den Menschen gehöre, denen es schwerfällt, ihre Meinung zu äußern. Nur hat sich etwas verändert, das man von außen nicht unbedingt bemerkt: meine Bereitschaft, anderen Menschen wirklich nahezukommen. Ich bin nicht weniger lebensfroh geworden, aber vorsichtiger mit meinem Vertrauen. Ich kann mich wunderbar mit jemandem unterhalten und trotzdem eine unsichtbare Grenze ziehen, hinter die ich ihn nicht lasse.
Angst vor Menschen
Irgendwann musste ich mir deshalb etwas eingestehen: Ich habe Angst vor Menschen. Nicht vor Fremden auf der Straße, nicht vor einem Gespräch oder einer zufälligen Begegnung. Ich habe Angst vor Menschen, die mir wichtig werden könnten. Vor Menschen, denen ich vertraue, denen ich mein Innerstes zeige und denen ich damit die Möglichkeit gebe, mich zu verletzen. Es ist eine traurige Erkenntnis, wenn ausgerechnet das, wonach man sich sehnt, zu etwas geworden ist, vor dem man sich schützen möchte. Meine Antwort darauf ist inzwischen erschreckend einfach: möglichst niemanden mehr an mich heranlassen.
Das bedeutet nicht, dass ich mich von der Welt zurückziehe. Ich kann Bekanntschaften pflegen, Kontakte knüpfen, diskutieren, lachen und ganze Abende mit anderen Menschen verbringen. Doch über Fußball, Politik oder die Unfähigkeit des Nachbarn zu sprechen, ist etwas anderes, als jemandem zu erzählen, was einen wirklich beschäftigt. Und so bleiben viele Beziehungen auf einer Ebene, auf der man sich durchaus sympathisch sein kann, ohne sich jemals wirklich kennenzulernen. Ein ausgesprochen praktisches Sicherheitssystem, das allerdings einen entscheidenden Fehler hat: Es unterscheidet nicht zwischen Menschen, die einem schaden würden, und solchen, die einem vielleicht guttun könnten.
Der Preis der Distanz
Wer niemanden an sich heranlässt, verhindert sicherlich manche Enttäuschung. Gleichzeitig verzichtet er auf Vertrautheit und auf das Gefühl, von einem anderen Menschen wirklich verstanden und geliebt zu werden. Man baut sich eine Mauer, um sich vor Verletzungen zu schützen, und stellt irgendwann fest, dass man auf der falschen Seite dieser Mauer sitzt. Das Bittere daran ist, dass ich diesen Widerspruch durchaus erkenne. Ich weiß, dass nicht jeder Mensch dieselben Fehler machen wird wie diejenigen, die mich verletzt haben. Aber zwischen etwas zu wissen und es auch fühlen zu können, liegt manchmal eine gewaltige Entfernung.
Ich könnte vermutlich einen ausgesprochen überzeugenden Vortrag darüber halten, weshalb man anderen Menschen eine Chance geben sollte. Nur sollte mich anschließend besser niemand fragen, ob ich mich selbst daran halte. Denn ich begegne Menschen mit Misstrauen, obwohl sie mir niemals einen Grund dafür gegeben haben. Sie müssen nichts falsch machen, um von mir auf Abstand gehalten zu werden. Es genügt, dass sie mir etwas bedeuten könnten. Aus schmerzhaften Erfahrungen ist eine Erwartung geworden, die ich auf Menschen übertrage, die nichts mit meiner Vergangenheit zu tun haben. Und so bestimmen diejenigen, die mich einst verletzt haben, noch immer mit darüber, wem ich heute überhaupt eine Chance gebe.
Wenn Familie fremd wird
Besonders schwierig ist es dennoch innerhalb der eigenen Familie. Dort gehören Verletzungen zu einer gemeinsamen Geschichte, die sich nicht einfach auslöschen lässt. Mit jeder Enttäuschung verändert sich auch die Bedeutung von Worten wie Zusammenhalt und Vertrauen. Und irgendwann fragt man sich, ob die anderen überhaupt verstehen, weshalb man sich von ihnen entfernt hat. Wissen sie, was ihre Handlungen in mir ausgelöst haben? Ist ihnen bewusst, dass es längst nicht mehr nur um einzelne Konflikte geht, sondern um eine Veränderung meiner gesamten Sicht auf zwischenmenschliche Beziehungen? Vielleicht wissen sie es nicht. Vielleicht sehen sie die Dinge vollkommen anders. Vielleicht haben sie sogar recht. In manchen Punkten werden sie ganz sicher recht haben. Meine Sicht auf die Vergangenheit ist schließlich nicht automatisch die einzig richtige, nur weil sie meine ist.
Und genau hier beginnt für mich das eigentliche Problem mit dem Miteinanderreden. Ein Gespräch allein macht noch nichts besser. Es genügt nicht, sich an einen Tisch zu setzen, ein paar freundliche Worte auszutauschen und anschließend so zu tun, als wäre nichts geschehen. Wer eine beschädigte Beziehung wieder aufbauen möchte, muss zunächst bereit sein, anzuerkennen, dass überhaupt etwas zerbrochen ist. Und dass dieses Etwas einmal wichtig war. Dazu gehört auch, Antworten hören zu können, die unangenehm sind. Vielleicht sogar solche, die das eigene Bild der Vergangenheit infrage stellen. Wer nur reden möchte, um die eigene Sicht bestätigt zu bekommen, führt kein wirkliches Gespräch. Er sucht lediglich jemanden, der ihm recht gibt.
Zwischen Sehnsucht und Angst
Das gilt selbstverständlich für beide Seiten. Auch ich kann nicht erwarten, verstanden zu werden, wenn ich mich jeder Möglichkeit verweigere, meine Gefühle auszusprechen. Aber genau darin liegt mein persönlicher Widerspruch. Ich wünsche mir Verständnis und fürchte gleichzeitig das Gespräch, das dafür vielleicht notwendig wäre. Selbst wenn meine Familie heute auf mich zukäme, selbst wenn der ehrliche Wunsch nach Annäherung vorhanden wäre, wüsste ich nicht, ob ich dazu bereit wäre. Nicht aus Rachsucht und auch nicht unbedingt aus mangelnder Zuneigung. Sondern weil ich nicht weiß, ob ich die Kraft hätte, mich erneut verletzlich zu machen. Vertrauen lässt sich nicht auf Kommando wiederherstellen. Und Verwandtschaft ist weder eine Garantie für Geborgenheit noch eine Verpflichtung zur Versöhnung. Auf meine Familie selbst zuzugehen, würde ich mich deshalb wohl nicht trauen. So sehr ich mir manchmal auch wünsche, dass alles anders wäre.
Ich möchte allerdings auch nicht dauerhaft ein Mensch bleiben, der Zuneigung mit Misstrauen begegnet und Nähe grundsätzlich als Gefahr betrachtet. Nur lässt sich eine solche Veränderung nicht einfach beschließen. Wäre es so leicht, hätte ich vermutlich längst einen entsprechenden Antrag gestellt. Möglichst einstimmig angenommen, mit sofortiger Wirkung und ohne weitere Aussprache. Leider hält sich das menschliche Herz ausgesprochen selten an ordnungsgemäß gefasste Beschlüsse.
Mit dem Tod meiner Großmutter stand ich plötzlich vor einer Frage, die eigentlich selbstverständlich sein sollte: Gehe ich zu ihrer Beerdigung? Ich habe mich entschieden, hinzugehen. Ich möchte mich von ihr verabschieden. Von der Frau, mit deren Garten, Kater und Cornflakes so viele Erinnerungen meiner Kindheit verbunden sind. Aber gleichzeitig habe ich Angst davor, dort Menschen wiederzusehen, denen ich einmal so nahestand und von denen mich inzwischen so viel trennt. Diese Angst verschwindet nicht einfach dadurch, dass ich eine Entscheidung getroffen habe. Und vielleicht wird es ein erster Schritt aufeinander zu. Vielleicht wird es aber auch einfach nur ein Abschied von meiner Großmutter. Nicht jede Begegnung muss gleich der Anfang einer Versöhnung sein, und nicht jede Gelegenheit, miteinander zu reden, verpflichtet dazu, sämtliche alten Konflikte aufzuarbeiten.
Ich weiß nicht, ob ich eines Tages wieder unbefangen auf meine Familie zugehen kann. Diese Kolumne ist deshalb weder eine Versöhnungserklärung noch eine Aufforderung an irgendjemanden, sich bei mir zu melden. Sie ist zunächst einmal der Versuch, etwas auszusprechen, das ich selbst nur schwer in Worte fassen kann. Vielleicht auch der Versuch, andere Menschen zu ermutigen, einen ersten Schritt zu wagen, sofern sie dazu bereit sind. Mit Menschen zu sprechen, die sie einst liebten und die sie in ihrem Inneren vielleicht immer noch irgendwie lieben.
Auf der Suche nach Frieden
Es ist schon eine bemerkenswerte Ironie, dass ich Lieder über Frieden schreibe und es mir gleichzeitig nicht gelingt, diesen Frieden in meiner eigenen Familie zu finden. Vielleicht ist diese Kolumne deshalb auch mein Versuch, wenigstens ein wenig Licht zu verbreiten. Das hebräische Wort Shalom bedeutet Frieden, trägt aber auch die Vorstellung von Ganzheit und Vollständigkeit in sich. Vielleicht beschäftigt mich dieses Wort gerade deshalb so sehr: Weil ich mich ausgerechnet dort, wo ich mir Verbundenheit wünsche, alles andere als vollständig fühle.
Dabei frage ich mich, ob ich nicht zwei Dinge miteinander verwechsle: den Frieden mit meiner Familie und den Frieden mit mir selbst. Für eine Versöhnung braucht es mehrere Menschen, und ich kann weder ihre Bereitschaft noch ihre Gefühle bestimmen. Aber muss deshalb auch mein eigener Frieden auf der Strecke bleiben? Vielleicht muss ich erst lernen, dass er nicht davon abhängen darf, ob andere bereit sind, sich mit mir zu versöhnen. Wie mir das gelingen soll, weiß ich allerdings selbst noch nicht. Ich kann die Vergangenheit nicht ändern. Aber ich möchte auch nicht, dass sie darüber entscheidet, wie viel Nähe und Vertrauen ich mir für den Rest meines Lebens noch erlaube.
Vielleicht macht mich das nicht gerade zum idealen Ratgeber. Schließlich gelingt mir selbst nicht, was ich anderen ans Herz legen möchte. Aber womöglich ist es gerade deshalb wichtig, es auszusprechen. Wenn es in Ihrem Leben Menschen gibt, die Ihnen einmal wichtig waren und mit denen Sie eigentlich wieder sprechen möchten, dann wagen Sie diesen Schritt, sofern es für Sie möglich ist und die andere Seite dazu bereit ist. Tun Sie es, bevor es zu zumindest in dieser Welt zu spät ist. Nicht jeder Konflikt lässt sich lösen. Nicht jede Beziehung kann oder sollte wiederhergestellt werden. Aber manchmal sind es nicht unüberwindbare Gegensätze, die uns voneinander trennen, sondern der Stolz, die Unsicherheit oder die Angst vor dem ersten Wort. Und manchmal genügt ein einziges ehrliches Gespräch, um zumindest herauszufinden, ob es überhaupt noch einen gemeinsamen Weg geben kann.
Ich kann anderen Menschen erklären, wie wichtig solche Gespräche sind. Ich kann darüber schreiben, diskutieren und vermutlich sogar ziemlich überzeugend dafür argumentieren. Nur wenn es um mich selbst geht, fehlen mir ausgerechnet die Worte.
Vielleicht sollten wir wieder miteinander reden. Aber wie erklärt man einem Menschen, dass man sich nach nichts mehr sehnt als nach Nähe – und gleichzeitig vor nichts mehr Angst hat?
PS: Das Bild ist ein Ausschnitt aus meinem Song „The Light We Leave Behind“, welches ich nach dem Tod meiner Großmutter geschrieben habe. Sie finden es unter: https://www.youtube.com/watch?v=zKINqqtojqw











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