Freude unter dem undichten Dach

Wir reden wieder über Schutzräume. Über Tiefgaragen und Tunnel, über Warn-Apps und Sirenen und darüber, wohin Menschen gehen sollen, wenn Krieg ausbricht oder eine andere Katastrophe eintritt. Vor nicht einmal zwei Wochen wurden beim bundesweiten Warntag unsere Warnsysteme getestet. Das ist vernünftig. Menschen brauchen Schutz, und ein Staat muss sich Gedanken darüber machen, wie er ihn gewährleisten kann. Und ausgerechnet in wenigen Tagen beginnt ein jüdisches Fest, bei dem etwas geschieht, das auf den ersten Blick ziemlich widersprüchlich wirkt: Für einige Tage spielt sich ein Teil des Alltags nicht im festen Haus, sondern in einer Hütte ab.

Willkommen bei Sukkot.

Die Sukka, die Laubhütte, soll gerade kein perfektes kleines Gartenhaus sein. Sie ist provisorisch. Ihr Dach besteht aus pflanzlichem Material und soll Schatten spenden, aber nicht wie eine massive Decke alles über unseren Köpfen abschließen. Bei praktisch jedem anderen Gebäude würde ich wahrscheinlich sagen: Das Dach ist undicht. Da muss jemand kommen und das reparieren. Bei Sukkot ist genau das gewollt. Das Dach soll Schatten geben, ohne den Himmel vollkommen auszusperren. Vielleicht passt dieses Fest deshalb erstaunlich gut in unsere Zeit. Denn einen erheblichen Teil unseres Lebens verbringen wir damit, Sicherheit zu schaffen. Wir schließen Versicherungen ab, sparen Geld, planen unsere berufliche Zukunft, kaufen Wohnungen oder bauen Häuser und versuchen möglichst früh zu erkennen, was morgen schiefgehen könnte.

Daran ist überhaupt nichts falsch. Sukkot ist keine Aufforderung zur Leichtsinnigkeit, und das Judentum verlangt auch nicht, Gefahren romantisch zu verklären und Unsicherheit plötzlich für etwas besonders Spirituelles zu halten. Wer wirklich kein Dach über dem Kopf hat, braucht keine Lektion über die Schönheit der Vergänglichkeit. Er braucht ein Dach. Wer vor Krieg fliehen muss, braucht keinen Vortrag darüber, wie zerbrechlich das Leben ist. Er braucht Sicherheit.

Wie selbstverständlich Sicherheit für uns geworden ist

Gerade deshalb ist ein Unterschied wichtig: Ich betrete die Sukka freiwillig. Nach einiger Zeit kann ich wieder in mein festes Zuhause zurückkehren. Das macht die Erfahrung nicht bedeutungslos. Im Gegenteil. Es geht nicht darum, sich für ein paar Tage einzureden, man wisse nun, wie es ist, obdachlos oder schutzlos zu sein. Das wäre absurd. Die Sukka erinnert vielmehr daran, wie vieles in unserem Alltag längst selbstverständlich geworden ist, obwohl es das eigentlich nicht ist.

Ein Dach über dem Kopf. Essen auf dem Tisch. Menschen, die sich zu mir setzen. Gesundheit. Frieden. Die Möglichkeit, den nächsten Morgen zu planen. Sukkot erinnert auch an die 40-jährige Wanderung der Israeliten durch die Wüste – an eine Zeit ohne dauerhaftes Zuhause und ohne viele der Sicherheiten, die für uns heute selbstverständlich erscheinen. Und man muss gar nicht Jahrtausende zurückgehen, um zu erkennen, wie außergewöhnlich viele unserer heutigen Lebensbedingungen sind. Noch vor wenigen Generationen waren auch in Deutschland beengte Wohnverhältnisse, schlechte Arbeitsbedingungen, mangelnde Hygiene und eine deutlich geringere Lebenserwartung für viele Menschen Realität. Heute leben viele von uns mit einer materiellen und gesundheitlichen Sicherheit, die für frühere Generationen kaum vorstellbar gewesen wäre. Natürlich gibt es weiterhin Armut, Krankheit, Krieg und Menschen, die von dieser Sicherheit wenig spüren. Gerade deshalb sollten wir sie nicht für selbstverständlich halten.

Wir Menschen sind erstaunlich gut darin, aus Geschenken Gewohnheiten zu machen. Was gestern noch ein Grund zur Freude war, wird irgendwann zum Normalzustand und später vielleicht sogar zu etwas, über das wir uns beschweren. Für einige Tage lädt Sukkot dazu ein, dieses ständige Streben nach mehr zu unterbrechen. Man geht hinaus, sitzt unter einem provisorischen Dach, isst dort und schaut vielleicht zwischendurch nach oben. Dieses Dach ist nicht für die Ewigkeit gemacht – genau wie so vieles andere, auf das wir uns verlassen. Und trotzdem wird gefeiert. Gerade das fasziniert mich an Sukkot. Das Fest wird in der jüdischen Tradition Zman Simchateinu genannt, die Zeit unserer Freude. Die Botschaft lautet also nicht: Alles ist vergänglich, deshalb solltest du traurig sein. Sie lautet eher: Alles ist vergänglich. Vergiss deshalb nicht, dich zu freuen. Dieser Unterschied ist größer, als er zunächst klingt. Denn wir verschieben Freude gern auf später. Wenn dieses Projekt abgeschlossen ist. Wenn ich mehr Geld verdiene. Wenn ich endlich mehr Zeit habe. Wenn die politische Lage ruhiger wird. Wenn die Welt wieder ein bisschen normaler aussieht.

Dann.

Der Weg zu immer mehr

Nur kommt dieses „Dann“ erstaunlich selten. Und wenn es kommt, haben wir meistens längst ein neues gefunden. Sukkot setzt dem eine andere Idee entgegen. Warte nicht darauf, dass dein Haus perfekt ist. Stell einen Tisch in eine Hütte und setz dich daran. Und am besten nicht allein. Denn diese Hütte ist kein Bunker. Ihre Antwort auf Unsicherheit besteht nicht darin, möglichst dicke Mauern zwischen uns und dem Rest der Welt zu ziehen. Zur Tradition von Sukkot gehören Gastfreundschaft und die Ushpizin: symbolische Gäste aus der jüdischen Überlieferung, etwa der Erzvater Abraham, der Prophet Mose, König David oder die Richterin und Prophetin Deborah.

Sukkot antwortet auf Verletzlichkeit nicht nur mit Glauben, sondern auch mit Gemeinschaft. Natürlich ersetzt Gemeinschaft keinen Schutz vor realen Gefahren. Aber neben sicheren Gebäuden, Warnsystemen und Vorsorge gibt es noch eine zweite Form von Sicherheit: die Gewissheit, nicht allein zu sein, wenn etwas ins Wanken gerät. Denn gegen vieles können wir uns absichern. Gegen alles können wir es nicht. Fast jeder Mensch erlebt irgendwann einen Moment, in dem etwas wackelt, von dem er geglaubt hat, es sei fest: eine Beziehung, ein Arbeitsplatz, die Gesundheit, ein Lebensplan oder schlicht die Vorstellung davon, wie die eigene Zukunft aussehen wird. Ein Haus, in dem niemals etwas wackelt, gibt es nicht.

Vielleicht besteht ein gutes Leben deshalb darin, zu wissen, wer mit uns am Tisch sitzt, wenn es wackelt. In Deutschland überlegen wir gerade wieder, wie wir Menschen im Ernstfall schützen können. Das ist eine wichtige Frage. Sukkot stellt daneben eine andere Frage: Was gibt uns Halt, wenn selbst der beste Schutz nicht verhindern kann, dass das Leben manchmal unsicher wird? Sukkot verlangt nicht, dass wir auf Wohlstand verzichten oder aufhören, unser Leben verbessern zu wollen. Es spricht nicht dagegen, mehr zu verdienen, für die Zukunft vorzusorgen oder sich irgendwann ein größeres Haus zu wünschen.

Aber für einige Tage stellt es eine andere Frage: Wovon hängt unsere Freude eigentlich ab?

Setz dich unter ein Dach, das ganz bewusst Lücken hat. Hol etwas zu essen. Lade Menschen ein.

Und freu dich.

Nicht weil nichts passieren kann.

Sondern weil das Leben auch dann wunderbar sein kann, wenn nicht alles in deiner Hand liegt.

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