Zum Tag der deutschen Einheit. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz
Ein Feiertag mit Geschichte
Heute, am 3. Oktober feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Ein schöner Feiertag. Ein Tag, an dem Deutschland sich selbst daran erinnert, dass es tatsächlich einmal etwas geschafft hat, ohne dafür eine 187-seitige Verordnung, drei Ausschüsse, eine Machbarkeitsstudie und eine digitale Bürgerplattform zu benötigen.
Damals ging es erstaunlich schnell. Grenzen auf, Menschen zusammen, Deutschland wieder eins. Heute würde man vermutlich erst einmal eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe einsetzen, anschließend die Zuständigkeiten klären und vorsichtshalber prüfen, ob überhaupt jemand zuständig ist. Wäre vielleicht ja besser gewesen.A ber vielleicht ist genau das die besondere deutsche Kunst, wir können aus beinahe allem einen komplizierten Vorgang machen. Nur die Geschichte hielt sich damals nicht an unsere üblichen Abläufe.
Einigkeit? Aber bitte mit regionalen Unterschieden
Die Einheit ist überhaupt eine bemerkenswerte deutsche Angelegenheit. Wir sind ein Volk, das sich schon bei der Frage, wie ein einfaches Brötchen heißt, zuverlässig in Lager spaltet. Schrippe. Semmel. Weck. Rundstück. Und irgendwo sitzt jemand und sagt: „Bei uns heißt das ganz anders.“ Bei der Wurst wird es nicht besser. Bei der Aussprache bestimmter Ortsnamen schon gar nicht. Und wehe, jemand behauptet, die beste Currywurst gebe es in einer anderen Stadt.
Dass es uns unter diesen Bedingungen gelungen ist, ein ganzes Land wieder zusammenzuführen, grenzt eigentlich an ein gesellschaftliches Wunder. Vielleicht war die Wiedervereinigung deshalb so erfolgreich, weil Niemand die Zeit hatte, vorher eine WhatsApp-Gruppe dazu einzurichten.
Was zusammengehört, wächst zusammen – meistens
Natürlich ist seit 1990 nicht alles zusammengewachsen, was zusammengehört. Manche Unterschiede haben sich erstaunlich hartnäckig gehalten. Der Osten schaut mitunter anders auf den Westen, der Westen gelegentlich anders auf den Osten. Es gibt unterschiedliche Erfahrungen, Erinnerungen und Biografien. Und manche Debatten, die vor Jahrzehnten begonnen haben, werden noch immer mit einer Ausdauer geführt, die man sonst nur von Familienfeiern kennt.
Dabei ist es vielleicht ganz normal, dass Einheit nicht bedeutet, dass plötzlich alle gleich denken. Einheit heißt schließlich nicht Gleichmacherei. Man kann ein gemeinsames Land haben und trotzdem darüber streiten, wie es aussehen soll. Man kann dieselbe Nationalhymne singen und anschließend unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was im Land dringend repariert werden müsste.
Das ist nicht zwingend ein Zeichen des Scheiterns. Es könnte auch ein Zeichen dafür sein, dass Demokratie ziemlich genau so funktioniert: Viele Menschen, viele Interessen, viele Meinungen – und am Ende muss man irgendwie miteinander auskommen.
Die Deutsche Bahn als Symbol der Einheit
Überhaupt die Bahn. Sie ist vielleicht das schönste Symbol der deutschen Einheit: Alle sitzen im selben Zug, keiner weiß genau, wann er ankommt, und irgendwann kommt eine freundliche Durchsage, dass sich die Weiterfahrt „aufgrund einer kurzfristigen betrieblichen Änderung“ verzögert. Das verbindet. Ost und West, Nord und Süd, Jung und Alt – spätestens auf Bahnsteig 7 haben alle dieselbe Meinung.
Auch die Sprache schafft Gemeinschaft. „Wir bitten um Ihr Verständnis“ ist schließlich eine der wenigen Formulierungen, die wirklich jeder Deutsche unabhängig von seiner Herkunft versteht. Und wenn der Anschlusszug weg ist, verschwindet auch die letzte regionale Besonderheit. Dann sind wir einfach nur noch Reisende.
Der große deutsche Sport, sich gemeinsam beschweren
Vielleicht liegt hier überhaupt ein unterschätztes Fundament unserer nationalen Einheit: Wir können hervorragend gemeinsam meckern.
Über das Wetter. Über das Wetter, wenn es regnet. Über das Wetter, wenn es nicht regnet. Über die Regierung. Über die Opposition. Über den Griesgram, der den Kanzler gibt.
Über die Bahn. Über die Preise. Über das Internet.
Und natürlich darüber, dass früher alles besser war, obwohl man damals genauso darüber gemeckert hat, dass früher alles besser gewesen sei. Diese Fähigkeit zur kollektiven Unzufriedenheit ist durchaus verbindend. Sie ist ein Stück kultureller Kitt. Man muss sich nur einmal an einem deutschen Stammtisch vorstellen, was passiert, wenn plötzlich jemand sagt: „Also eigentlich läuft doch vieles ganz gut.“ Es tritt Stille ein. Jemand bestellt noch ein Bier.
Und dann beginnt die Diskussion von vorne. Eine Einheit, die nie fertig sein kann. Der Tag der Deutschen Einheit erinnert uns deshalb nicht nur an ein historisches Ereignis. Er erinnert auch daran, dass Einheit kein Zustand ist, den man irgendwann abhakt, sondern eine Aufgabe. Immer noch.
Zusammenwachsen. Sich kennenlernen. Sich aneinander gewöhnen. Missverständnisse aushalten. Kompromisse finden. Gemeinsam feiern und gemeinsam streiten. Und gelegentlich feststellen, dass man längst mehr gemeinsam hat, als man früher dachte.
Natürlich gibt es weiterhin Unterschiede. Wirtschaftlich, politisch, kulturell und in den persönlichen Lebensgeschichten. Manche davon verschwinden langsam, andere bleiben. Und vermutlich ist das auch gut so. Denn ein Land, in dem alle exakt dasselbe denken, wäre zwar sehr einheitlich, aber vermutlich auch ziemlich langweilig.
Was wir vielleicht gelernt haben
Wenn man auf die vergangenen Jahrzehnte blickt, lässt sich zumindest eines feststellen: Deutschland hat sich verändert. Und zwar gewaltig. Menschen, die früher durch eine Grenze voneinander getrennt waren, leben heute im selben Land. Familien wurden wiedervereint. Freundschaften konnten neu entstehen. Menschen konnten reisen, wohin sie wollten. Kinder wuchsen auf, für die die innerdeutsche Grenze irgendwann nur noch ein Kapitel im Geschichtsbuch war. Das klingt inzwischen fast selbstverständlich.
Aber vielleicht sollte man gerade am 3. Oktober daran denken, dass Selbstverständlichkeiten manchmal das Ergebnis großer historischer Entwicklungen sind. Und dass es sich lohnt, gelegentlich nicht nur darüber zu reden, was alles nicht funktioniert. Danach dürfen wir wieder streiten. Und am nächsten Tag können wir im ähnlichen Stil den Europäischen Tag der Depression feiern.
Der Tag der Deutschen Einheit ist deshalb kein Tag, an dem wir uns kollektiv auf die Schulter klopfen müssen. Aber ein Tag, an dem wir ruhig einmal innehalten dürfen. Denn bei aller deutschen Neigung, das Haar in der Suppe zu suchen, sollten wir nicht vergessen, wie ungewöhnlich es ist, dass aus zwei Staaten wieder einer wurde – friedlich, mitten in Europa und getragen von Menschen, die irgendwann beschlossen hatten, dass es so nicht bleiben muss.
Und danach dürfen wir selbstverständlich wieder streiten.
Über Steuern. Über Fußball. Über Tempolimits. Über Wohnungsbau. Über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Über die Frage, ob ein Schnitzel unter einer Soße noch Schnitzel ist. Und natürlich über die wichtigste Frage überhaupt: ob Kartoffelsalat mit oder ohne Mayonnaise zubereitet werden muss.
Denn das ist vielleicht die größte Errungenschaft der deutschen Einheit: Wir sind wieder gemeinsam uneinig. Und wenn wir dabei gelegentlich merken, dass wir trotz aller Unterschiede am selben Tisch sitzen, denselben Zug nehmen und über dieselben Dinge schimpfen, dann ist das vielleicht schon ziemlich viel Einheit.
Darauf ein Prosit dser Verschiedenheit. .











Mighty Quinn
… der 3.Oktober gilt der ‚BRD‘ als ‚Tag der offenen Moschee‘. Das ist nicht mein Tag. Den (Mittel)Deutschen gilt der 17. Juni als ‚Tag der deutschen Einheit‘.