René Wagner raus! Und dann wird alles besser?

 

Warum der schnelle Trainerwechsel im Profifußball so viel mit nachhaltiger Problemlösung zu tun hat wie ein Pflaster mit einer Herztransplantation.

Es gibt in der Fußball-Bundesliga einen Reflex, auf den man sich verlassen kann. Er ist älter als so manche Vereinsfreundschaft, beständiger als die Abwehr des eigenen Lieblingsklubs und unabhängig davon, ob gerade die Sonne scheint oder der Tabellenkeller ruft – die Trainerentlassung. Sobald drei Pässe hintereinander beim Gegner landen, ein Stürmer das Tor nur vom Hörensagen kennt und die Mannschaft nach dem Schlusspfiff aussieht, als habe sie gerade einen Umzug ohne Aufzug hinter sich gebracht, wird die Reißleine gefordert. Trainer raus! Sofort! Am besten noch vor der Pressekonferenz, damit wenigstens die Entlassung taktisch überzeugend ausfällt.

In Köln kennt man dieses Ritual besonders gut. Beim 1. FC Köln, meinem Lieblingsverein seit Kindesbeinen und angeblich „E Levve lang“ ,

gehört die Trainerfrage so zuverlässig zum Vereinsleben wie der Geißbock, das Kölsch und die Hoffnung, dass die nächste Saison ganz bestimmt ruhiger wird. Wird sie natürlich nicht. Warum auch? Schließlich kann man eine Krise nicht nur bewältigen, sondern auch durch einen Personalwechsel so gründlich durcheinanderbringen, dass man anschließend gleich zwei Krisen hat, die sportliche und die um die Frage, wer jetzt eigentlich für die sportliche verantwortlich ist.

Der Trainer als menschliches Sicherungsventil

Derzeit steht René Wagner beim FC im Mittelpunkt dieser lieb gewonnenen Tradition. Nach dem enttäuschenden 0:0 gegen Schalke wurden die Rufe nach seiner Entlassung laut. Die Mannschaft hatte gegen einen personell erheblich geschwächten Gegner offensiv wenig zu bieten, die Zuschauer waren unzufrieden, und auch die Auswechslungen des Trainers sorgten für Diskussionen. Dass Wagner den jungen Mikey Moore vom Platz nahm und später auch Said El Mala auswechselte, gefiel längst nicht jedem. Die Kritik daran ist legitim. Wer Fußballtrainer ist, muss erklären können, warum er einen Spieler auswechselt, der gerade noch für einen kreativen Lichtblick gesorgt hat.

Aber zwischen berechtigter Kritik an einer Entscheidung und der Forderung nach einer sofortigen Entlassung liegt ein Unterschied. Ein ziemlich großer sogar. Der eine fragt, warum die Mannschaft nach der Pause kaum noch Ideen hatte. Der andere antwortet, weil der Trainer weg muss. Das ist , nun sagen wir mal unterkomplex. Sport-Geschäftsführer Thomas Kessler hat Wagner nach dem Schalke-Spiel öffentlich den Rücken gestärkt. Das ist bemerkenswert, weil es beim FC durchaus Tradition hat, Trainer nicht unbedingt so lange zu behalten, bis sich eine Spielidee verfestigt. Nach den vergangenen zehn Jahren mit zwölf verschiedenen Trainern wollte Kessler ausdrücklich die Spirale der häufigen Wechsel durchbrechen. Wagner, der den FC bereits als Interimstrainer übernommen hatte, soll dem Verein eine Perspektive bieten, die länger reicht als bis zum nächsten Samstagabend.

Das ist vernünftig. Im Fußball ist Vernunft allerdings eine empfindliche Pflanze. Sie gedeiht prächtig, solange die Mannschaft gewinnt. Sobald sie zweimal hintereinander nicht gewinnt, wird sie von den ersten empörten Zwischenrufen niedergetrampelt.

Ein 5:0 und plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung?

Nun hat der Fußball allerdings einen entscheidenden Nachteil für alle Freunde vorschneller Urteile, er hält sich nicht an Drehbücher. Kaum hatte sich die Trainerdiskussion beim FC zu einer ausgewachsenen Kölner Staatsaffäre entwickelt, gewann die Mannschaft am 27. Oktober im DFB-Pokal mit 5:0 gegen Union Berlin. Ausgerechnet Union, jenen Gegner, gegen den man wenige Tage zuvor noch den Eindruck gewonnen hatte, dass der FC selbst dann keine Tore schießen würde, wenn man das gegnerische Tor auf die Größe des Kölner Doms vergrößerte.

Und plötzlich war alles anders. Die Mannschaft spielte mutiger, nutzte ihre Chancen und zeigte, dass in ihr offenbar doch mehr steckt als die Fähigkeit, einen Ballbesitzfußball ohne nennenswerten Torabschluss zu praktizieren. Das war ein rundum geiles Spiel.

Was lernen wir daraus? Zunächst einmal, dass ein einzelnes Spiel weder den Trainer zum Genie noch die vorherigen Kritiker zu Idioten macht. Der 5:0-Sieg war ein starkes Argument für Wagner. Aber er ist noch kein Beweis dafür, dass nun alle Probleme gelöst wären. Ein Pokalabend kann eine Mannschaft beflügeln. Ob daraus eine nachhaltige Entwicklung entsteht, zeigt sich erst in den kommenden Wochen.

Genau deshalb wäre es geradezu grotesk gewesen, Wagner unmittelbar nach dem Schalke-Spiel vor die Tür zu setzen. Man hätte einen Trainer entlassen, dessen Mannschaft wenige Tage später eindrucksvoll demonstrierte, dass sie durchaus in der Lage ist, die geforderte Leistung auf den Platz zu bringen. Natürlich kann man einwenden, dass ein einziges überzeugendes Spiel die vorherigen Schwächen nicht ungeschehen macht. Das stimmt. Aber ebenso wenig macht eine einzige schwache Partie sämtliche vorherigen Leistungen wertlos.

Wer nach jedem Spiel seine grundsätzliche Bewertung um 180 Grad dreht, betreibt keine Analyse. Er betreibt Stimmungsbarometer mit Fußballschuhen.

Die Trainerentlassung als Beruhigungspille

Warum greifen Vereine trotzdem so gern zum Mittel der Trainerentlassung? Weil sie einfach ist. Zumindest auf den ersten Blick. Wenn eine Mannschaft schlecht spielt, gibt es zahlreiche mögliche Ursachen: eine misslungene Kaderplanung, Verletzungen wichtiger Spieler, fehlende Abstimmung, individuelle Fehler, mangelnde Fitness, psychologischen Druck oder schlicht eine schlechte Phase. Manchmal, aber eher selten, ist tatsächlich der Trainer das Problem. Manchmal passt seine Spielidee nicht zur Mannschaft. Manchmal erreicht er die Spieler nicht mehr. Und manchmal hat er sich schlicht verzockt. Die Kunst besteht darin, diese Ursachen auseinanderzuhalten.

Die Entlassung des Trainers bietet dagegen einen verführerisch einfachen Ausweg. Man muss nicht sofort erklären, warum die im Sommer teuer verpflichteten Spieler ihre Ablösesummen bislang nicht rechtfertigen. Man muss nicht untersuchen, warum die Nachwuchsarbeit bestimmte Lücken im Kader nicht geschlossen hat. Man muss auch nicht zugeben, dass die sportliche Leitung möglicherweise selbst Fehlentscheidungen getroffen hat. Man kann stattdessen einen Mann entlassen und anschließend verkünden, man habe die Situation umfassend analysiert und kraftvoll gehandelt.

Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurantbesitzer seinen Koch feuern, weil das Essen nicht schmeckt, obwohl er selbst minderwertige Zutaten eingekauft und die Küche mit zu wenig Personal ausgestattet hat. Der neue Koch bekommt dann dieselben Zutaten, dieselbe Küche und dieselben Arbeitsbedingungen. Nur der Name auf der Speisekarte hat sich geändert. Im Fußball nennt man das Neuanfang.

Der neue Trainer und das Wunder von drei Trainingseinheiten

Nach einer Entlassung passiert zunächst häufig etwas Erstaunliches. Die Mannschaft gewinnt plötzlich wieder Spiele. Die Spieler laufen mehr, kämpfen entschlossener und entdecken Fähigkeiten, die ihnen zuvor offenbar abhandengekommen waren. Das wird dann gern als Beweis dafür angeführt, dass der Trainerwechsel richtig war.

Tatsächlich gibt es dafür gute Gründe. Ein neuer Trainer kann frische Impulse setzen, taktische Abläufe verändern und Spieler aus ihrer mentalen Lethargie reißen. Wer unter dem alten Coach kaum noch eine Chance hatte, bekommt plötzlich eine neue Perspektive. Die Mannschaft will sich beweisen. Die Konkurrenz innerhalb des Kaders verschärft sich. Manchmal genügt schon ein verändertes System, um bisherige Schwachstellen zu kaschieren.

Doch es gibt auch den sogenannten Trainereffekt: Nach einer längeren Schwächephase verbessert sich die Leistung einer Mannschaft mitunter schon deshalb, weil sie irgendwann wieder bessere Ergebnisse erzielen muss. Hinzu kommen der Zufall, die Qualität der Gegner und die ganz normale Schwankungsbreite sportlicher Leistungen. Ein kurzfristiger Aufschwung beweist daher noch nicht, dass der neue Trainer dauerhaft besser ist als sein Vorgänger. Und eine Niederlagenserie beweist nicht automatisch, dass der alte Trainer der falsche war.

Wer nach drei Trainingseinheiten den neuen Coach zum Messias erklärt, sollte sich vorsichtshalber schon einmal nach einem Nachfolger für den Messias umsehen. Denn die Halbwertszeit solcher Wundergeschichten ist in der Bundesliga überschaubar. Spätestens wenn der neue Hoffnungsträger seine ersten drei Spiele verliert, beginnt die Diskussion von vorn. Nur diesmal mit einem anderen Namen auf dem Trainingsanzug.

Köln und die Sehnsucht nach Kontinuität

Beim 1. FC Köln ist die Sache besonders interessant, weil der Verein das Problem selbst erkannt hat. Thomas Kessler wollte ausdrücklich die Spirale häufiger Trainerwechsel durchbrechen. René Wagner erhielt im Mai einen Vertrag bis 2028. Die Entscheidung war mit der erklärten Absicht verbunden, den FC sportlich weiterzuentwickeln und langfristig zu stabilisieren. Das ist zunächst einmal vernünftig. Ein Verein kann nicht einerseits nachhaltige Entwicklung verlangen und andererseits nach jeder enttäuschenden Halbzeit die gesamte sportliche Führung infrage stellen.

Kontinuität bedeutet schließlich nicht, dass ein Trainer unkündbar wäre. Ein Vertrag bis 2028 ist keine päpstliche Unfehlbarkeitserklärung. Wenn sich eine Mannschaft über einen längeren Zeitraum nicht entwickelt, wenn taktische Fehler ständig wiederholt werden oder wenn sich ein Trainer mit seinem Kader dauerhaft überwirft, muss eine Vereinsführung handeln. Aber sie sollte handeln, weil sie nach sorgfältiger Prüfung zu dem Schluss gekommen ist, dass ein Wechsel die beste Lösung darstellt. Nicht, weil sich am Samstagabend ein paar tausend Menschen verständlicherweise über ein schlechtes Fußballspiel geärgert haben und Facebook mit ihren Weisheiten vollmüllen. .

Die Anhänger des FC haben jedes Recht, ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen. Wer Eintritt bezahlt, darf auch erwarten, dass seine Mannschaft Einsatz zeigt und eine erkennbare Spielidee verfolgt. Gerade in Köln sind die emotionale Bindung an den Verein und die Erwartungen an die Mannschaft besonders ausgeprägt. Doch ein Fußballstadion ist kein Personalbüro. Pfiffe können ein Warnsignal sein, aber sie ersetzen keine sportliche Analyse.

Wenn der Trainer bei jeder Niederlage damit rechnen muss, dass seine Entlassung gefordert wird, wird es schwierig, langfristig etwas aufzubauen. Dann wird die Mannschaft nicht mehr auf eine Spielidee vorbereitet, sondern auf das nächste Wochenende. Und die Vereinsführung beschäftigt sich nicht mehr mit der Frage, wie der Klub in zwei Jahren dastehen soll, sondern damit, wie sie am Montag die Schlagzeilen überlebt. Das ist kein Konzept. Das ist Krisenmanagement im Dauerbetrieb, was außer dauerhafter Unrihe gar nichts bringt..

Wer ist eigentlich schuld, wenn der Trainer schuld ist?

Eine weitere Eigenart des Bundesliga-Betriebs verdient Aufmerksamkeit: Der Trainer ist häufig derjenige, der für Entscheidungen geradestehen muss, die er nur teilweise beeinflussen konnte.

Die Kaderplanung verantwortet er nicht allein. Über Transferausgaben entscheidet er nicht allein. Verletzungen kann er nicht verhindern. Und selbst die Aufstellung ist keine Garantie für ein erfolgreiches Spiel. Natürlich ist der Trainer für die Leistung seiner Mannschaft mitverantwortlich. Er muss taktische Lösungen finden, Spieler entwickeln, auf Gegner reagieren und seine Entscheidungen erklären können. Das ist sein Beruf.

Aber wenn ein Verein den Trainer entlässt, ohne zugleich die strukturellen Ursachen der sportlichen Krise zu untersuchen, verschiebt er das Problem möglicherweise nur. Der neue Coach übernimmt dann eine Mannschaft, deren Schwächen weiterhin bestehen, und darf sich nach einigen Monaten selbst als Sündenbock zur Verfügung stellen. Es wäre deshalb interessant, einmal eine Bundesliga-Saison lang nicht nur zu zählen, wie viele Trainer entlassen werden, sondern auch, wie viele der Verantwortlichen für die Kaderplanung anschließend ihren eigenen Anteil an der Krise kritisch überprüfen. Die Antwort dürfte manchen Vereinsvorstand unangenehm überraschen.

Geduld ist keine Garantie. Ungeduld aber auch keine Strategie.

Natürlich kann man einwenden, dass im Profifußball die Zeit knapp ist. Jeder verlorene Punkt kann Millionen kosten. Ein Abstieg gefährdet Arbeitsplätze, Sponsorenverträge und die wirtschaftliche Grundlage eines Vereins. Wer in der Bundesliga arbeitet, kann nicht unbegrenzt auf bessere Zeiten warten. Das ist richtig. Geduld darf keine Ausrede für Untätigkeit sein. Ein Trainer muss an seiner Arbeit gemessen werden, und eine Vereinsführung muss rechtzeitig erkennen, wenn eine Entwicklung in die falsche Richtung geht.

Aber zwischen geduldigem Abwarten und blindem Festhalten gibt es einen Unterschied. Ebenso gibt es einen Unterschied zwischen einer begründeten Trennung und einer Entlassung aus bloßer Nervosität. Eine vernünftige Vereinsführung sollte deshalb vor allem auf drei Dinge schauen: Entwickelt sich die Mannschaft spielerisch? Werden taktische Vorgaben zunehmend umgesetzt? Und stimmen die Ergebnisse zumindest über einen angemessenen Zeitraum mit den Möglichkeiten des Kaders überein?

Dabei muss man auch berücksichtigen, gegen wen die Mannschaft gespielt hat, welche Spieler gefehlt haben und ob die gezeigten Leistungen tatsächlich so schlecht waren, wie es das Ergebnis vermuten lässt. Eine Mannschaft kann verlieren und sich verbessern. Sie kann gewinnen und trotzdem schlecht spielen. Das weiß jeder, der sich länger als fünf Minuten mit Fußball beschäftigt hat. In den Führungsetagen mancher Vereine scheint diese Erkenntnis allerdings gelegentlich verloren zu gehen.

Und was bedeutet das für den FC?

René Wagner hat nach dem enttäuschenden Schalke-Spiel berechtigte Kritik einstecken müssen. Die Mannschaft war offensiv zu harmlos, die Entscheidungen des Trainers waren diskutabel, und die Unzufriedenheit der Fans kam nicht aus dem Nichts. Doch der anschließende 5:0-Pokalsieg gegen Union Berlin zeigt, warum eine überstürzte Entlassung die falsche Reaktion gewesen wäre. Der FC hat bewiesen, dass er mehr kann, als er gegen Schalke gezeigt hat. Jetzt muss Wagner nachweisen, dass er diese Leistung nicht nur für einen Pokalabend aus der Mannschaft herauskitzeln kann, sondern auch in der Bundesliga. Die nächste Gelegenheit dazu bietet das Ligaspiel bei Union Berlin am 1. November. Anschließend warten mit Bayer Leverkusen und Bayern München anspruchsvolle Aufgaben.

Das sind schwierige Prüfungen, aber gerade deshalb sollten die Verantwortlichen nicht in hektischen Aktionismus verfallen. Sie müssen beobachten, analysieren und bewerten. Und sie müssen Wagner an seinen Ergebnissen und an der Entwicklung der Mannschaft messen. Wenn sich dabei herausstellen sollte, dass er die Probleme nicht lösen kann, wäre eine Trennung durchaus legitim. Aber sie sollte das Ergebnis einer Erkenntnis sein und nicht der Ersatz für eine Erkenntnis.

Vielleicht wäre das überhaupt ein schönes Motto für die gesamte Bundesliga, erst denken, dann entlassen. Es würde vermutlich einige Trainerjobs retten. Und möglicherweise sogar den einen oder anderen Verein vor sich selbst.

Und die Wutfans sollten vielleicht einmal auf den Text der Vereinshymne hören, die sie vor jeden Spiel mit Inbrunst singen.

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