Es gab diese eine Tasse in meiner Kindheit. Die hatte meine Tante aus Deutschland mitgebracht, aus weißem Steingut und mit Röslein auf der Seite und in geschwungener Schrift stand da: Christl. Nicht ganz getroffen, aber gut genug. Und so etwas hatte in Rumänien niemand sonst. Und dann bekam sie irgendwann einmal einen langen Sprung, der an der äußeren Seite war und sich nicht bis in die Innenseite zog. Ich war so traurig, aber dann – dann hielt sie. Sie hielt Jahre. Sie erfüllte das Klischee, von dem ich irgendwann einmal auch las, das sprichwörtlich war: Ein gebrochener Topf hält oft am längsten. Für mich war es diese Tasse.
Die Tasse blieb zurück
Allerdings hat wahrscheinlich genau dieser Sprung dazu geführt, dass wir bei unserer Ausreise nach Deutschland entschieden – sie kommt nicht mit. Mit kamen nur neue Dinge: Geschirr, Teppich, Handtücher …. und ein paar Bücher. Und ausgerechnet diese Bücher – die sind mir inzwischen auch abhandengekommen. Denn diese Bücher haben einem Selektionsmechanismus unterlegen, der mir damals richtig vorkam, aber später eher für Trivialität stand. Dafür trauerte ich meinen alten Kinderbüchern nach, die ich mit der Kindheit in Rumänien gelassen hatte.
Ein Traum von Büchern
Ich träumte von ihnen. Was kein Wunder war – denn ich liebte Bücher. Und meine Bücher waren in Rumänien alle in einem Bücherschrank auf offenen Regalen, so dass ich bequem vom Bett aus die Reihen ansehen konnte und dann mein Blick an einem Buch hängenblieb und ich merkte – das da. Da war eine Geschichte darin, die ich unbedingt noch einmal lesen möchte. Ob es „Der Goldkäfer“ von Edgar Allan Poe war oder von der rumäniendeutschen Autorin Ricarda Terschak „Drei Kinder und ein Dackel“, oder vielleicht sogar die Grimms Märchen, die ich in zwei verschiedenen Ausgaben besaß. Aus dem mit dem roten Cover, das den Schutzumschlag längst verloren hatte, hatte mir meine Oma jeden Nachmittag vorgelesen, bis ich eines Tages zu ungeduldig auf sie gewartet hatte und dann einfach selbst angefangen hatte zu lesen.
Ebay
Und alle diese Bücher waren nicht mehr in meinem Leben. Und viele davon auch nicht in Wiederauflage. Eine abgeschlossene Epoche, die in Verruf geratene Literatur hervorgebracht hat. Doch dann kam ebay. Und ich weiß nicht mehr, wie DAS anfing, vielleicht hatte ich ein bestimmtes Buch, nach dem ich besonders starke Wiedersehens-Sehnsucht hatte, darauf gesucht. Und dann noch eines. Und noch eines. Bis ich anfing, systematisch die Rubrik „DDR-Kinderbuchliteratur“, unter der auch oft die rumäniendeutsche zu finden war, anzuschauen. Reihenweise. Und zwar mit Bild. Denn inzwischen hatte ich die Bücher schon zusammen, die mir sofort einfielen. Ich war inzwischen aus nach denen, die ich vergessen hatte. Und die kleinen Thumbnails auf der Verkaufsseite damals in den Nuller Jahren waren genau dafür geeignet, diese verschütteten Erinnerungen aufzugraben.
Erst-Erinnerung
Das menschliche Gedächtnis funktioniert auf eine seltsame Weise. Eines Tages fand ich ein Buch, und ich fühlte mich be- und getroffen – wie konnte ich das nur vergessen!! Aber es war sehr teuer und ich wusste: Einmal gefunden ist ein guter Kandidat für nochmal finden. Ich war ja einfach froh, dass ich wieder wusste, wie das Buch hieß. Aber als ich ein paar Tage später wieder auf Buchsafari ging – war die Erinnerung weg. Nichts. Und noch schlimmer: Ich konnte das Buch nicht einmal mehr unter den Thumbnails erkennen, obwohl es ganz sicher noch nicht weg war. Der stechende Strahl der Erkenntnis und des Erkennens traf genau nur einmal, danach war der Effekt weg. Ich lernte aus der Episode: Ich speicherte einen Screenshot und führte eine Liste.
Konkurrenzdruck
Das ging über ein paar Jahre so und die Rekonstruktion meines Bücherregals in der Kindheit war fast abgeschlossen. Genau rechtzeitig, um meine Kinder an dasselbe Erleben heranzuführen, da sie in das Vorlesealter traten. Doch dann kam die Ernüchterung – sie interessierten sich nicht dafür, hatten ganz andere Vorlieben. Ich tröstete mich damit, dass sie vielleicht einen ähnlichen Lesehunger entwickeln würden, wie ich, als ich Kind war, als ich alles zusammenlas, was ich in die Finger bekam. Und niemals satt werden konnte, weil die Ressource DEUTSCHES Buch in Rumänien einfach zu rar war. Zumindest für mich und meinen Lesehunger. Doch das war auch die Krux, denn diese Verknappung konnte ich meinem Nachwuchs eben nicht bieten. Und dazu: Selbst bei mir drückte die Konkurrenz von Fernsehen und Internet die Büchersucht an die Wand.
Angebot und Besitz
Noch schlimmer: Meine Büchersucht versetzte sich vor allem aufs Besitzen. Nicht als Sammler, ich habe schon vor, das Buch zu lesen, das ich kaufe. Ich komme nur selten dazu. Denn Leben, Internet und was auch immer die mediale Welt zu bieten hat, stören eben zu sehr rein. Und ebenso: Das Angebot, selbst nur von dem, was mein Interesse besonders stark weckt, das ist überwältigend.
Nicht wiedergelesen
Und das Chris‘ Kindheit-Gedächtnisregal? Das ist immer noch da. Aber ich habe kein einziges der Bücher wiedergelesen, obwohl darin Sachen sind wie die Märchen von der Bernsteinküste, in denen ich damals über das „falbenfarbene Pferd“ las, und mich wunderte, was das sein soll. Oder im „Schatzkästchen der Weltliteratur“ Astrid Lindgrens Albin und Stig, die mich so beeindruckt hatten, dass ich lange überlegte, ob ich auch Regenwürmer essen kann. Und besonders wichtig wäre es, die usbekischen Märchen wiederzulesen, denn die blieben mir in Erinnerung als diejenigen, in welchen ich Frauen – FRAUEN!! – als die großen Helden lesen konnte.
Keller-Regal
Aber komme ich dazu? Dann könnte ich genauso gut das vor drei Wochen gekaufte Buch wenigstens DAS ERSTE MAL lesen, aber es bleibt genauso liegen. In einem anderen Regal.
Und es ist noch schlimmer: Alle diese Bücher, die mich in den Träumen heimgesucht haben, die mir als Kind zum Wiederlesen viel bedeutet hatten, die ich in unserem Keller verstaut habe – die sind auch in meinem Erinnerungskeller ganz unten und in der Ecke, kaum besucht. Ich könnte ja jederzeit in den echten Keller hingehen. Ich könnte ja jederzeit lesen. Es ist sicher. Und Erinnerung braucht vielleicht Sehnsucht und Abwesenheit. So wie ich mich an diese Tasse mit dem Sprung so deutlich erinnere.











Leave a Reply