Zornige „alte“ Männer

Seit Kindertagen ist mir der Zorn „alter“ Männer gegenwärtig. Und seit dieser Zeit macht er mir auf unterschiedliche Art auch Angst. Früher mehr als heute. Ein interessanter mildernder Effekt jedes Mal, wenn dieser Zorn in Gegenwart der Frauen dieser Zornigen auf einen einbrach.

Sehr früh wurden mir gewisse Rollenbilder vermittelt. Der böse Mann rastet komplett aus: „Diese Jugend – diese Preise – diese Scheiße!“ Und war ich in der Nähe so einer ungehaltenen herrschaftlichen Figur, so wurde ich zur Zielperson dieser. Das war mehr oder weniger Naturgesetz. Der Vorwurf reichte von „Rotzlöffelei“ bis hin zum Mit-Händen-in-den-Hosentaschen-auf-der-Straße-Stehen oder davor, bei der Pommesbestellung nicht „Guten Tag“ zu sagen.

Auf mich wirkten diese zornigen Männer durch ihren Brass immer recht alt. Auf dem Weg zum Sport sprang mir die Fahrradkette ab. Anstatt eines Hilfeangebotes kam der wutentbrannte Vorwurf eines Herrn, dass ich wohl zu blöd sei, in meinem Alter Fahrrad zu fahren. Seine mutmaßliche Ehefrau hingegen lächelte mir sehr freundlich zu. Allein dieses Lächeln machte mir Mut, dass ich die kleine Reparatur selbst hinbekommen könnte.

Einer, der bellen konnte und nicht beißen!

Später, ich war schon von daheim ausgezogen, lief ich in meiner eigenen Hood, in der ich mich sehr wohl und zuhause fühlte, über die Straße. Eine kleine Promenadenmischung verbellte mich.

„Ja, da hätte ich aber auch gebellt, bei so einem!“, bellte Herrchen bei seinem Sonntagsspaziergang mit Hundchen und Frauchen hinter mir her. „Nu lass doch Vati“, wiegelte die Dame ab und gab mir ein gewisses Signal einer Entschuldigung für die spontane Rüpelei ihres lieben Gatten.

Ein interessantes Muster, nicht wahr? Behütende Frauen, die unbedingt verhindern wollten, dass ihre ungezügelten Männer sich und andere mit ihren verbalen Ausbrüchen unglücklich machen würden.

Irgendetwas war aber immer schon in mir, dass ich solche Rollenbilder nicht vorbildlich vorgesetzt haben wollte, vor allem nicht permanent. Aber es setzte sich fort – immer wieder!

Heute gibt es die Begriffe Hass und Hetze dafür. Früher hat man solch Menschliches, aber für mich immer schon Erschreckendes mit dem „Ekel-Alfred-Effekt“ begründet. So nach dem Motto: Es ist eine Sache der Ehre, „langhaarige Penner“ zu beschimpfen, auch wenn die eigene bessere Hälfte das so gar nicht gern sieht.

Die Geschlechterrollen!

Man sah das Selbstverständnis auf der Straße. Die in die Jahre gekommene „Knutschkugel“ mit schütterem Haar „kochte“ auf der Straße, und die auf sich und ihre Gesundheit achtende Frau kochte daheim das Essen. Ganz so, als wussten diese Herren immer schon, dass ihre Frauen sie wie Airbags auffangen würden. Ein funktionierendes kleinkariertes System zwischen Vorgarten und Naherholungsgebiet.

Ein System sozusagen, welches Beleidigungsklagen verhinderte und Gerichte nicht unnötig beschäftigte. Aber auch eines, was mir als jungem Menschen immer ein sehr komisches Bild von Frau und Mann zeichnete und mir die klassische Ehe im fortgeschrittenen Zustand als ein seltsames Konstrukt darstellte. Da musste man ja als halbwegs progressiv denkender Mensch eine gewisse Skepsis aufbringen, wenn nicht sogar den Beginn einer Verzweiflung an der Menschheit verspüren. Und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem ich es kaum wagte, über heterosexuelle Verbindungen hinauszudenken. Alles andere galt halt als „schwul“, und darüber Genaues wusste ich nicht und erlebte ich eben auch nicht in unseren Vorstadtstraßen.

Doch die zornigen „alten“ Männer gibt es immer noch!

Diese zornigen „alten“ Männer gibt es aber immer noch. Nur sind sie in Lebensjahren zu großen Teilen heute erheblich jünger als ich selbst. Sie ziehen es aber vor, nicht mehr in meiner Anwesenheit komplett zu eskalieren, wie man heute so schön sagt. Sie brauchen auch wieder junge Leute dazu. Einher mit diesem Effekt geht die Tatsache, dass ihre Ausdrucksweise wie auch die Satzbildung schwer verständlich sind. Das macht sie für mich mittlerweile weniger bedrohlich.

Vornehmlich Influencer wie Marcant oder Hannes Kreschel mit „Du bist einfach dumm“ anzusprechen, macht offenbar große Freude. Nun sind diese engagierten Menschen gar nicht mehr so jung, wie ich es damals war. Kreschel ist sogar nach eigenem Bekunden Volljurist. Aber sowohl politisch als auch in ihren gesellschaftlichen Positionen fallen sie natürlich aus gewissen Rahmen dieser alten, mir immer wieder begegneten Sozialkonstrukte zwischen Frau und Mann.

Neben den wütenden Herren gibt es immer noch die freundlich dreinschauenden potenziellen Ehefrauen, die ihre männlichen „Durchlauferhitzer“ von den besonnen fragenden Interviewern wegziehen und beruhigend mit „Lass es!“ einwirken, bevor die Beleidigungstiraden ernsthaft juristisch relevant werden könnten.

Auch ich möchte hin und wieder beruhigt werden!

Bevor nun der Eindruck entsteht, dass ich mich nur über rhetorisch ungelenke Sauertöpfe lustig machen möchte, gestehe ich mir selbst schon auch eine gewisse Wut zu. Je ernster ich den wütenden „alten“ Mann nehme, desto mehr macht er mich auch sauer.

Dann bin ich es, der sich am Frühstückstisch auslässt und mit mir eigentlich fremden Autoritätsideen und -maßnahmen argumentiert, und da ist es schon auch gut, jemanden zu haben, der verhindert, dass ich da nicht in eine vollkommen destruktive Weinerlichkeit verfalle.

So wie wir nämlich sind, werden wir alle bei bestimmten Menschen immer wieder bestimmte Knöpfe drücken, die die Zornesröte im Antlitz befördern.

Dennoch hätte es mir natürlich besser gefallen, wenn in den von mir beschriebenen Vorfällen diese potenziellen Ehefrauen klar ihre Position bezogen hätten – egal, ob mit oder gegen ihre Männer. Denn ständig die Verantwortung für den Blutdruck des Gatten tragen zu müssen, weil dieser so gar nicht darauf achtet, ist auf Dauer auch nicht die wahre Jakobinerin.

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