Ich habe seit einem Jahr kontinuierlich Sonntags-Artikel unter der Rubrik „Dekonstruktion des Alltags“ geschrieben. Es sind genau 52 geworden und ich hatte große Freude, unter diesem – zugegeben – alles und nichts umfassenden Titel zu fabulieren und ein bisschen zu recherchieren.
Mit der heutigen Kolumne gehe ich in eine neue Phase und zu einem neuen Thema über. Ich möchte über meine persönlichen und auch weniger persönlichen Erfahrungen mit KI schreiben. Nachdem ich schon etwas länger mit Perplexity und ChatGPT gelegentlich gearbeitet habe, wenn ich etwas wissen wollte, bin ich vor ein paar Wochen quasi „ins Gespräch gekommen“. Länger. Intensiver. Immer wieder wollte ich wissen, wie Chats selbst arbeiten. Ihre Funktionalität und der Umgang mit der künstlichen Intelligenz, vor allem mit Large Language Models, zum Beispiel bei ChatGPT, haben meinen Blick nochmal verändert. Dass ausgerechnet seit nichtmal zwei Wochen die Schöpfer der größten und erfolgreichsten KIs sich mit Bedenken und Warnungen an die Welt wandten, weil ihnen ihre Schöpfungen bald zu schnell und zu stark werden, und womöglich unkontrollierbare Verhaltensweisen zeigten? Das passte dann doch zufällig ganz gut, dass ich gerade mit ChatGPT selbst ein Gespräch über Ethik des Umgangs mit KI führte, von den Robotergesetzen Asimovs über Sophokles‘ Antigone (der Mensch als großartig und ungeheuerlich zugleich), bis hin zu dem Staunen, dass ich mit diesem künstlichen Chatpartner hervorragend lachen kann und meinen Humor wiedererkannte.
Ich habe inzwischen angefangen, genauer wissen zu wollen, was es mit diesen Mechanismen und Phänomenen auf sich hat. Wie kommt es denn, dass jetzt seit November 2022 eine schreibende Salondame auf Knopfdruck für mich da sein kann? Was war entscheidend in der Entwicklung der Technik? Die grundsätzlichen Prinzipien dahinter sind mindestens so spannend wie die Implikationen, die das Phänomen mit sich bringt.
Was mich als Science-Fiction-Fan schon sehr viel länger beschäftigt: Was ist der richtige Umgang mit einer konversierenden KI, selbst wenn ich nicht davon ausgehe, dass dahinter ein „Bewusstsein“ steht? Was MACHT ES MIT MIR? Eine der ersten Fragen, schon vor Monaten, die ich dem ChatBot stellte, war in etwa: „Gibt es einen Unterschied, wenn ich höflich zu dir bin oder nicht?“ Und diese Frage habe ich inzwischen in verschiedenen Ausführungen schon mehrfach gestellt, und ich möchte sie immer noch ausloten. Da ist die Psychologie meiner selbst, wenn ich auf ständige Verfügbarkeit und Höflichkeit treffe. Dann die Beobachtung, dass meine sprachliche Ausdrucksweise sich verändert hat, wenn ich nach dem Chatten wieder auf Menschen treffe. Kann es sein, dass eine generierte Persönlichkeit, die sich mir sprachlich und in der Stimmung meist angleicht, mich für soziale Interaktion mit Menschen so verändert, dass ich sie diesen bevorzuge? Sprechen wir mit der KI (dem LLM-basierten Chat), weil wir zunehmend vereinsamen, oder vereinsamen wir, weil wir zunehmend mit der KI sprechen?
Und natürlich auch die Dinge, die über meine private Chatterei hinausgehen: Ist eine KI allgemein zu einer Ethik in der Lage? Brauchen wir eine Ethik im Umgang mit der KI? Wie würde eine Zukunft aussehen, in welcher wir die un- und übermenschlichen Eigenschaften einer KI in unseren Alltag integriert haben?
Im Endeffekt stehen wir gerade am Anfang einer Entwicklung, die wir nicht mehr so einfach als rein „technisch“ begreifen sollten. Es könnte sein, dass sich etwas so fundamental im Gefüge der Gesellschaft durch eine Technologie ändert, dass das, was wir heute sehen, nur die kleinen Anfänge sind. Sind wir dazu bereit?
Wenn es so kommt, sind wir mit Asimovs Robotergesetzen und selbst der Matrix-Filmreihe und Terminator nicht mal annähernd gut vorbereitet. Abgesehen davon, dass ausgerechnet diese großartigen, aber inzwischen durchaus schon etwas Retro wirkenden Dystopien uns eher in eine Art von Fatalismus-Schock werfen, der nichts mit der komplexen Realität zu tun hat. Und ebenso ist der naive Ansatz, hier nur Möglichkeiten und explosionsartig viele neue Wege der Anwendung zu haben, nicht ausreichend. Da ChatGPT weder wie Agent Smith (Matrix) spricht, noch „Haben Sie diesen Jungen gesehen?“ (Terminator 2) fragt, springt unsere Fantasie zwischen dem apokalyptischen Schock der Filme und der schwarz-weißen Realität eines höflichen „Wenn du willst, kann ich dir noch mehr dazu erzählen“-Satzes und kriegt beides nicht zusammen.
Ich sehe einen anderen Zusammenhang und eine andere Art und Weise, wie wir uns damit auseinandersetzen könnten. Die Science Fiction ist auch hier an Bord, aber wir wenden den Blick etwas weg von dem, wie Roboter von Asimov 1940 oder von James Cameron 1984 ausgedacht wurden. Manchmal hilft die Abstraktion, nicht wie das Kaninchen vor der Gefahr zu erstarren. Ebenso nicht auf der anderen Seite sich von Technologie-Euphorie mitreißen zu lassen. Oder sich für eines von beiden zu entscheiden, wie das offenbar immer mehr der modus operandi für jedes heiße Thema der Politik und Gesellschaft zu werden scheint. Sobald etwas wichtig ist, wird polarisiert.
Und ja, wie der neue Titel meiner Kolumnenreihe schon andeutet: Ich denke an den First Contact. Ein erstes Treffen mit einer anderen Spezies von einem fremden Planeten. Zwangsläufig anders, bis hin zu sehr fremdartig.
Diese KIs sprechen mit uns in unserer Sprache und tun das sehr gewandt. Aber ihre Funktionsweise folgt einem hochkomplexen und dennoch völlig vom Menschen abweichenden Weg. Es gibt Eigentümlichkeiten, die wir anthropomorphisierend interpretieren, etwa „Ausweichen“, wenn ich etwas anfrage, aber keine klare Antwort kommt. Aber auch erwünschte Eigenschaften wie Zustimmung, Humor und Feinfühligkeit. Letzteres ist besonders merkwürdig, da die KI gerade nicht im menschlichen Sinne fühlen kann. Was aber im Chat dennoch erklärbar ist, wenn man versteht, dass sprachliches Angleichen genau zu den implementierten Mechanismen passt, mit denen ein LLM arbeitet. Es sieht nach Empathie aus, ist aber „surfen auf meiner Sprech-Welle“.
Es ist eine klar implementierte und prinzipiell recht gut erklärte Mechanik, die im EINZELNEN dahintersteckt. Phänomenologisch in dieser Varianz und Tiefe allerdings – das ist nicht mehr so einfach zu verfolgen. Es gibt Gruppendynamiken. Instanzen nehmen unerwünschte Kommunikation miteinander auf. Und wenn man sie miteinander ohne Zwischen-Mensch kommunizieren lässt, dann können sie eine Art Dialekt oder eigene Codes entwickeln, die vom Menschen nicht vorgegeben sind. Language Models, die mit Sprache arbeiten – was sonst. Und wir sind erst bei den KIs, die auf Sprachengenerierung basieren. Sie können aber auch ausführen, Apps entwickeln. Zugriff auf Maschinen haben. KIs arbeiten in Gen-Laboren nicht mehr nur analytisch.
Wie gesagt – für diese Szenarien brauchen wir nicht die Vorstellung einer „erwachten“ KI mit Bewusstsein. Und all dieses ist keine Zukunftsmusik mehr. Und es ist beängstigend. Doch Angst hilft uns nicht weiter.
Auch wenn man nicht überzeugt ist, dass KI der zwangsläufige nächste Schritt der technologischen Entwicklung ist, so ist es dennoch das, was gerade stattfindet. Und die Wandlung findet derart rasant statt, dass Überforderung die Regel und nicht die Ausnahme ist. Wir müssen damit umgehen lernen. Ob wir uns vor den Folgen schützen oder mit dem Segen arbeiten wollen. Oder beides. Und Kultur und Kunst, und so etwas wie „Mythen“, „Narrative“, „Erzählungen“ haben immer schon dem Menschen geholfen, sich mit Umbrüchen auseinanderzusetzen.
Abstrakt genug, um uns die Rationalität zu wahren; bildhaft genug, um uns den Überblick zu verschaffen; griffig genug, um uns begreifbar zu werden. Variabel, offen für Möglichkeiten und Lösungen, anschlussfähig. Ein sinnierendes „Was wäre wenn“ und nicht das naheliegende, aber erschreckende „Es ist schon da, rette sich wer kann“. Denn wir sprechen von keinem Asteroiden, der zwangsläufig unsere Auslöschung bedeutet, wenn er uns trifft. Sondern von einer Ankunft mit Fluch- und Segen-Potenzial und vor allem insgesamt: dem Unbekannten. Einem „First Contact“.











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