Das empathische Raubtier

Abgerockt, müde, dabei stolz spielkälberisch besattelt mit der letzten berstenden Lebensenergie. Dergestalt absolviert Willy DeVille die Gigs auf der Zielgeraden seines viel zu kurzen Lebens. Wir trafen das Genie in Bremen. Wir? Achwas. Zizino traf einen der letzten Wölfe der Musik.

 

Ulf: „Mein Süßes, Onkel Willy kommt nach Bremen. In die Glocke. Direkt über den Mumien unseres Bleikellers. Was sachst?“

Zizino: „Los hin. Endlich mal wieder jemand sinnliches. Zum abzappeln. „Chieva, Chieva, Chieva!“ on Stage? Unser Willy!“

Cut:

Bremen, Glocke, Willy DeVille live:

Willy DeVille – Bei einem seiner letzen Konzerte ist die Veranstaltung – auch zu seiner Überraschung und definitiv entgegen seiner ausdrücklichen Anweisung – komplett bestuhlt.

„Alter, „Spanish Stroll“ bestuhlt, or what?“

 

Er findet selbiges verständlicherweise ziemlich furchtbar.

Wir ebenfalls.

Zizino ist – keine Überraschung, da reicht ein flüchtiger Blick in ihre Augen vollkommen aus – offenkundig keine Sekunde bereit, diese – aus ihrer Sicht – allerhöchstens scheinbare Realität an zu erkennen.

Die Situation daraufhin:

Mr DeVille packt restlos allen Voodoo aus, den das ohnehin schwierige Leben, der letzte gravierende Bikerunfall und seine „Medizin“ ihm übrig ließen, diesen verdammten Theatersaal zu rocken.

Bis der Arzt kommt oder wenigstens die Zombies von unten aus’m Keller.

Ach fuck, was glaubt ihr, passiert?

Die große Magie?

Am Arsch.

Allesamt im Publikum verrharren wie hypnotisiert vor der grandiosen Darstellung der Band. Derlei passiert meist ganz unbeabsichtigt. womöglich sind Menschen einfach innerlich gestrickt, es sich so bequem zu machen, wie man sich zu Hause ein Konzert vor dem Fernseher anschaut.

Es war vernichtend.
Wohlgemerkt nicht für den Konsumenten.
Vernichtend vor allem für die Musiker, die sich auf einmal wie vor dem Schaufenster fühlen. Und das in dieser alt ehrwürdigen Umgebung, der Glocke, die man sich ohnehin erstmal schönrocken muss, damit das Bleikeller Fehling so richtig losgeht.

Und ich?
Tja,
ich war wahrlich keine Hilfe.
Verschmolzen im analytischen Blick des Autors und behindert von diesem verfluchten Kinosessel (wenigstens mit Flaschenhalter in der rechten Armlehne) war ich wohl höchstselbst einer dieser Zombies, die noch nicht einmal aus dem Keller kommen mussten, um die Band im Stich zu lassen.

Bewusst war mir dies in jenem Moment jedoch nicht stattdessen wunderte ich mich über die fehlende Stimmung, den fehlend überspringenden Funken.

Zizi?

Derweil geht es Zizino kaum besser. Ach was sage ich, ihr geht es weit schlechter. Sie analysiert das Problem sofort. Und ihr Körper kann gar natürlicherweise gar nicht anders, als diese Klänge von der Bühne so aufzunehmen, dass er reagiert.
Und er reagiert ausnahmslos.
Es passiert nun einfach.

Zizino somit feurig: „Wai-me!“. Letzteres funktioniert in Georgien, je nach Betonung, ungefähr von „Upps!“ bis „Leck mich doch!“.

Zizino (vom georgischen „Glühwürmchen“ abgeleitet) springt auf, hottet ab.

Sie tanzt.

Und sie tanzt.
Und sie tanzt.
Allein.
Wie Sting.

Alle anderen verharren.
Trauen sich kein bisschen.
Verbleiben so untot
Wie meine Augen.

Ich auch.
Bräsiger Sack.
Ganz peinliche Nummer.
Leider.
Es war ein Armutszeugnis.
Das ultimative Versagen gegenüber diesem großartigen Musiker.

Auch weil, wisst ihr, weil Willys Rücken, Hüfte und ein Bein bereits mehr als ziemlich hinüber waren, blieb er den gesamten Gig über sitzen.
Ok klar, man mag sagen: Angemessener Sessel samt Bike für den verdienten Krieger!
Aber na und?
Was ist das schon?
Eine Prothese.

Nichts…und rein gar nichts verbleibt zur Unterstützung der Würde dieses extrovertiert leidenschaftlichen Raubtieres of Song in ihm.

Dazu sah man ihm die Tortur des Körpers als Kerker während des Gigs deutlich an.

Und dennoch:

Den ureigenen Spirit, dieses unverbrüchlich ledrig drachenhafte Charisma samt Raub- wie Kuscheltier tat all dieser Unbill keinerlei Abbruch.
Im Gegenteil.

Jetzt, nach den ersten Kloppern, blickt er – voll im Drive – zwischen den Songs ins Publikum. Nur geübte Augen vermögen die Frustration in seinem Blick zu lesen.

Na klar, alles kommt noch unfairer für ihn. In jedem Autokino ist mehr natürliche Bewegung an Start. Murphy’s Law galore, aye?

Ich verharre derweil weiterhin so bräsig bleiern wie der verfluchte Keller unter uns. Ich blöder Idiot.

Jetzt
springt sie auf.
Jetzt.

Binnen einer einzigen wogenden Bewegung schwimmt die Geste von Verachtung der Bestuhlung zur animierenden Woge gen Band wie Publikum.

Simultan.

Kein Hauch zu viel.
Keine Kurve zu wenig.
Weder Pole Dancer noch Clubtussi.
Just a blue Jeans Baby, Tbilisi Lady.
Tiny Dancer…

Kontakt.

Dreieck.

DeVille
Zizino
Publikum.

Läuft.

Cut:

Aftermath:

Der Gig ist seit wenigen Sekunden zu Ende.

Jetzt passiert es.

Willy DeVille erhebt sich.
Er steht auf.
Langsam.
Entschlossen.

Die letzte mobilisierte Kraft.

Der Zeigefinger schießt auf Zizi.
Winkt sie zu sich heran.

Der absolute Gentleman.
Kaputt aber…

Er konnte sich nicht mehr recht bücken.
So hielt er Zizino den gothic Gentleman Gehstock mit güldenem Kopfe per entschuldigender Geste hin.

Sie ergreift ihn.

Die fehlende Verbeugung deutet er nun mit kurzem Nicken, warmem Blick plus Haifischgrinsen an.

D a s
werden wir beide nie vergessen.

Ebenfalls nicht
den kleinen aber intensiven Plausch danach.

Keine Ahnung, ich schätze, es gibt womöglich für uns alle die eine seltene Sorte Mensch als Gegenüber, mit der per erstem Satz, Blick, Grinsen gegenseitig ein intuitives Rudelgefühl entsteht.

Derlei hat weder etwas mit Prominenz noch mit dem direkten Konzerterlebnis zu tun.

Es passiert oder nicht.

Manches ist entweder einfach anders oder fühlt sich wenigstens subjektiv anders an.
Und mit Willy, ja nun, mit ihm war es deshalb ganz und gar anderes, weil null beruflich.

Was kann ich mithin sagen?

Er fehlt uns beiden.
Sehr.

Seine Magie bleibt erhalten.
In der Kunst.
Wenigstens das.

Ein Kleinod zum anfixen?

Hörbefehl:

Anspieltipp: „My one Desire“ (vom brillanten New Orleans Voodoo-Werwolf Album „Loup Garou“ 1995) – für uns eine der schönsten Balladen aller Zeiten, sinister, sehnsüchtig und romantisch zu gleichen Teilen. „Denn die Welt hat ein wildes Herz“. Doch das ist eine andere Geschichte.

Here we go, „My one Desire“:

„I don′t care for all the wealth in the whole wide world
Or to be a king with a kingdom, crowned with gold and jewels.

No I don’t want fame or fortune, people trembling at my name
To command the oceans and the moon, the thunder and the rain.

I′ll tell you what it is I need to turn this spark into a fire
Come close and hold me tighter still, it’s you my one desire.

I don’t need a magic power to live forever throughout time
Or be a genius more creative than all of History′s greatest minds.

I don′t dream of all the pleasures Heaven holds for me
With a hand up above my head, a sword of fire and soft white wings.

I’ll tell you what it is I need to turn this spark into a fire
Come close and hold me tighter still it′s you my one desire.

I’ll tell you what it is I need to turn this spark into a fire
Come close and hold me tighter still, it′s you my one desire
It’s you my one desire
It′s you my one desire
It’s you my one desire
It’s you my one desire.“

 

in diesem Sinne:

From Hamburg
with Love

UK

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