Ich bin seit sehr sehr langer Zeit online. Ich bin kein Early Adapter, aber ich habe schon in den mittleren 90er Jahren im CIP-Pool meiner Universität das Chatprogramm entdeckt und kurze Zeit später mir eine Email-Adresse beim lokalen Freenet geholt. Es gab eine so übersichtliche Zahl von Usern, dass ich sie mir mit ein-zwei Minuten Zeit zum scrollen alle anzeigen lassen konnte, von überall auf der Welt. Und wir hatten einen lokalen Channel, in dem wir uns allabendlich nach dem Quietschen des einwählenden Modems virtuell treffen konnten. Was den Vorteil hatte, dass wir uns dann auch live treffen konnten. Von Angesicht, genau, und zwar in der Bar um die Ecke. Einzeln und als Gruppe.
Internet vor Ort
Ich kann mich aber auch erinnern, mit einem Amerikaner gesprochen zu haben, und das weiß ich eigentlich nur noch aus dem Grund, weil er mir tatsächlich per Post ein Foto mit Autogramm schickte. Ja, damals war das per Email noch nicht möglich. Er war ein Standup-Comedian. Ob er berühmt geworden ist? Keine Ahnung, ich müsste nach dem Foto suchen. Ich lernte aber vor allem ein paar Menschen aus demselben Ort (Erlangen) kennen, die ich sonst nicht kennengelernt hätte – eine bunte Truppe, deren Gemeinsamkeit lediglich die Bereitschaft war, damals schon sich technisch mit der Welt zu verbinden.
Stammtisch #erlangen
Später wechselte ich zu dem IRC-Netz, das bei weitem größer war, das war gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Das hatte eine gewisse Struktur, es gab aktive Stadtchannels und einer der aktivsten war ausgerechnet #erlangen. Und wir hatten einen realen Stammtisch, einmal in der Woche, in Fürth, im damaligen Falken’s Maze. Somit kannten wir tatsächlich unsere Gesichter, während es zu der Zeit noch kaum die Möglichkeit gab, sich mit digitalen Bildern zu bedenken. Einige hatten zwar schon Handys, aber Smartphones gab es noch lange nicht.
Reale Treffen
Wir trafen uns sogar zum jährlichen Treffen deutschlandweit. So richtig mit Zelten und drei Tagen und zusammen essen, trinken, feiern. Es hatte etwas an sich, dass man sich täglich virtuell treffen konnte, zur Tag- und Nachtzeit, wann immer einem danach war. Und sich ausklinken, wenn man den Rückzug brauchte. Und – fast forward – dann sich doch persönlich und live kennenlernen. Und gerade Introvertierte konnten sich eine Brücke bauen, die sie bis ins reale Treffen trug. Da konnte auch schon mal einer der beliebtesten, aber ruhigsten (vielleicht deswegen gerade so beliebt, fast legendär) beim Stammtisch dabeisitzen und so gut wie kein Wort herausbringen, aber das war vollkommen in Ordnung, denn Eigentümlichkeiten hatten fast alle und von einigen wusste man bisweilen mehr als deren real life Freunde oder Familie.
Snack zwischendurch
Ich kann nicht sagen, dass ich erst dadurch unter Leute kam, denn ich hatte im Laufe meines Lebens auch schon davor meine Gruppen und Cliquen gehabt. Aber diese – damals neue – Art des Kennenlernens und Beisammenseins war „barrierefrei“, zwanglos und abwechselnd, wie der Snack zwischendurch, auch mal nur für 5 Minuten, wenn ich wollte. Oft für Stunden und streckenweise intensiv und sehr persönlich. Und es kostete auch keinen Kneipenbesuch, sondern lediglich die Minuten bei der Telekom.
Blissfull times auf Facebook
Es folgte eine lange Zeit in meinem Leben, in welchem mich Familie, Studium und überhaupt das Leben davon abzogen, so dass ich aus den Nuller Jahren keine Erfahrung mit der Entwicklung dessen hatte, was sich später „soziale Medien“ nannte. Eher durch Zufall und durch eine Empfehlung auf tumblr (das ich auch nur aus einer Laune heraus für ein paar Monate nutzte) kam ich dann auf Facebook. Das war 2011. Und das war genau der Zeitpunkt, als Facebook so richtig Fahrt aufnahm, tatsächlich Menschen zusammenbrachte und noch nicht ins Toxische geglitten war. Ich hatte auch Glück, sofort auf Kreise zu stoßen, worin sich interessante Menschen bewegten, mit denen ich mich intensiv austauschte, mich politisch, intellektuell, albern, BEDEUTSAM fühlte.
Nähe und Ferne
Von meinen rund 200 „Freunden“, die sich in ganz Deutschland befanden, wurden einige tatsächlich das, was ich wirklich als Freunde bezeichnen würde. Einige habe ich sogar besucht, persönlich getroffen. Andere bis heute nicht. Einige sind auch verstorben und haben eine Lücke hinterlassen, die Nähe und Ferne zugleich offenbarte. Andere haben sich aus dem Medium verabschiedet – aus den Augen, aus dem Sinn – vielleicht. Bei anderen gab es den Bruch oder das leise Ausschleichen. Und wahrscheinlich schleicht sich das Medium ebenso aus und ich sowieso.
Stabile Anfänge
Eine andere Linie der Entwicklung in meinem Leben war eine gewisse Nicht-Sesshaftigkeit. Ich habe in den ersten Lebensjahren bis ins Teenager-Alter in Rumänien in einer relativ kleinen Stadt gewohnt, in welcher meine direkte Community, die der deutsch Sprechenden, noch kleiner war. Man kannte sich, man kannte sich spätestens um eine oder zwei Ecken. Man sah sich in der Kirche, in der Schule, auf dem Markt, bei Freunden und in der Arbeit. Auf der Straße. In der Rückschau war das von einer beeindruckenden Festig- und Ewigkeit.
Wechsel und Reigen
Seit ich in Deutschland bin, bin ich viermal umgezogen und habe verschiedenes gemacht, wobei ich Leute kennenlernte, ob Taizé oder einen Hauskreis, eine siebenbürgische Jungakademiker-Gruppe, Gospel-Chor, Fachschaften etc. Die Schule, die Uni, meine verschiedenen Arbeitsplätze. Nach all diesen Jahren, Jahrzehnten ergab das irgendwann einen Reigen in meinem Kopf, in dem einzelne Personen besonders hervorragten, aber im großen Ganzen immer mehr verschwammen. Und ich habe sehr intensiven Austausch gehabt, nicht nur an der Oberfläche gekratzt. Aber bei den meisten eben nicht lange, bedingt durch veränderte Lebensumstände und einfach Zeitmangel.
Veränderung
Diese Lebenswirklichkeit ist eigentlich nicht untypisch, vor allem nicht für Menschen, die jünger sind als ich, die ich zu der Generation X (Geburtenjahre 1965-1980) gehöre. Schwächer werdende Geburtszahlen, die fortschreitende Digitalisierung der Kontakte, dass es immer seltener wird, dass man immer beim selben Arbeitgeber bleibt, und nicht zuletzt die zunehmende Individualisierung. Letzteres bedeutet sowas wie: Dass man sich verschiedene Identitäten sucht und danach die Social Peers ausrichtet (Gothics, Metalheads, Queere, Sportpartner, Gaming-Freunde, Fußballfanschaft usw). Man gehört nicht mehr einem oder zwei Vereinen an, sondern enger gefassten Gruppierungen und bei diesen verfolgt man oft einen ebenso enger gefassten Zweck. Denn man wird eher früher als später weitergespült durch die veränderte Lebensumstände oder den Zeitgeist und muss wieder von Anfang beginnen. Mit der neuen Yoga-Gruppe, mit der neuen Elternvereinigung, mit der neuen Selbsthilfegruppe.
Dating
Und dabei habe ich noch nicht einmal die veränderte Suche nach einem Sexual- oder Lebenspartner angesprochen. Vielleicht auch, weil ich ungern etwas beschreiben und kategorisieren will, das ich nur aus zweiter Hand kenne. Meinen Mann habe ich auch online kennengelernt, aber das war eben in der oben beschriebenen Chatgruppen-Szene und nicht auf einer Dating-App, die genau das erfüllen soll. Es nimmt aber nicht wunder, dass es heißt, dass diese nach Optimierung ausgerichtete Suche eine Verzerrung im sozialen Miteinander und der Intimität nach sich zieht. Wenn ich sekundenschnell aussortiere und sekundenschnell auch aussortiert werde, dann werden Eigenschaften der Oberfläche und der digitalen Darstellungsmöglichkeit in den Vordergrund treten, wie sie vorher eben nicht der Fall waren. Die ganzen Jahrtausende nicht.
Ein bisschen ähnlich, oder eher umgekehrt erging es mir selbst in meiner Chatter-Zeit. Ich steckte Zeit hinein, um mit Leuten online zu kommunizieren, kam mitunter in sehr tiefe und teilweise intime Gesprächssituationen, die aber auf rein textlicher Ebene stattfanden. Man konnte quasi direkt ins Gehirn des Gegenübers steigen, ohne durch das physische Erscheinungsbild der Person abgelenkt zu werden. Aber dieser Blick in das Denken des anderen war doch nicht ganz so direkt, schließlich waren es Buchstaben, schwarz auf weiß. Und dieses filtert ganz schön viele Informationen raus, die eine direkte Gegenüberstellung mit sich brächte.
Tinder
Mir war das passiert – dass ich mich in dieses Gespräch verliebt hatte und wollte die Person kennenlernen. Und dann stand sie mir gegenüber und … nix! Das Gesicht unsympathisch, die Stimme fistelnd, das nervöse Zucken des Mundwinkels, ein Blick, der unangenehm durchdringend war. Was immer es war, es gab mindestens etwas, das ich sonst nicht einmal als Signal gewertet hätte, das zum „Aussortieren“ führte. Aber es war da und fiel mir erst auf, als ich meine persönliche Erwartung und Investition an Emotionen so betrogen fühlte. Aber ich hatte diese Fähigkeit eben auch entwickelt, in meinen rein analogen Jahren davor! Was aber, wenn sich neue Generationen diese Red Flags auf ganz andere Weise und nicht so spontan und mit einem Blick einholen müssen? Weil die Sozialisation in anderer Weise, und weniger im konstanten und langsamen Sammeln in einer etwas langsamen Umgebung stattfindet? Sondern eben schnell und auf Selfie-Ebene. Mit einer catchy pick-up line. Sicher – das ausgesuchte Motiv beim Selfie kann auch Bände sprechen. Und die pick-up line braucht Originalität und da kommt das Selbst wieder doch wieder zum Tragen. Oder vielleicht doch auch nur eine Typologie, eine spezifische für Tinder.
Insta-Nähe
Und wenn ich auf meinem Instagram Reels anschaue mit Menschen, die wie du und ich aussehen, aber Millionen Klicks erzeugen und aus allen Ecken der Erde kommen; wenn ich feststelle, dass ich bei dem Comedian aus Kenia herzhaft lache, dass mich „Professor Poutin“ aus Kanada besonders interessiert, oder gerade glücklich entdeckt habe, wie die Briten zu ihren Verkehrsschildern kamen, dann erzeugt das eine Nähe zu mir, als ob mein Nachbar da mal was gemacht hat. Aber für eben Millionen.
Es ergibt sich eine neue Form des Kennenlernens, eine neue Form des Miteinanders, in welcher Anonymität und Intimität, Nähe und Ferne derart verquicken und verknoten, dass wir unsere Konzepte des sozialen Miteinanders wahrscheinlich neu denken müssen. Und ich habe von der Interaktion mit der KI noch nicht einmal gesprochen.











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