Haben Sie schon mal übersetzt? Also ein Gedicht oder einen längeren Text? Mit oder ohne KI-Hilfe? Ich habe das alles gemacht (etwa hier: Goran Mrakic – Laktobar). Ich lese auch gerne Übersetzungen von chinesischen Webromanen auf Englisch. Manche davon noch aus der Vor-KI-Zeit mit MTL – also machine translated. Ebenso sehe ich chinesische Short Dramas und diese sind oft mit einer extrem kruden Übersetzung untertitelt. Also „übersetze“ ich selbst diese Übersetzungen nochmal für mich.
Chinesische Unbrauchbaranweisung
Jeder kennt das Klischee von der unlesbar gewordenen übersetzten Gebrauchsanweisung aus dem Chinesischen. Ungefähr so kann man sich diese Untertitel im schlimmsten Fall vorstellen. Da ich inzwischen selbst ein paar Brocken Chinesisch gelernt habe, kann ich mir manchmal denken, wie diese Verquerung zustande kam. Weil gerade im Chinesischen Homonyme häufig sind. Oder dass Possessivpronomen manchmal einfach nicht benutzt werden, weil der Kontext das schon klärt. Für einen Menschen. Offenbar für das Übersetzungsprogramm nicht immer. Da wird „deine Mutter“ dann „meine Mutter“. Was zur Verwirrung führen kann, wenn der Protagonist sagt: „Ich kenne meine Mutter nicht“. Und „Gendern“ setzt ganz anders an, tatsächlich wird jedes einzelne der drei Genus in der dritten Person Singular genau gleich gesprochen, und war lange Zeit sogar gleich geschrieben. So wird über die Schwester als „der“ gesprochen, oder es wechselt mitten im Satz, obwohl über dieselbe Person die Rede ist: „Er hat mir gesagt, dass sie mich kenne“.
Rumänischer Stil und englischer Wortschatz
Als ich mit meiner Familie im Urlaub in Rumänien war, habe ich für sie als Übersetzerin fungiert. Und eine meiner Lieblings-Dichterinnen – Ana Blandiana – muss ich in meiner nicht Rumänisch sprechenden Umgebung dann schon selbst übersetzen. Es fehlt mir dann zuweilen der Wortschatz, da ich eigentlich seit Jahrzehnten kaum noch Rumänisch gesprochen oder gelesen habe, bis eben auf Blandiana. Aber das Gefühl von Stil, die Stimmung, das ist präsent, das kann ich in mein sehr vertrautes Deutsch übertragen. Ein bisschen anders verhält es sich mit dem Englischen – da verfüge ich über einen recht guten Wortschatz, aber es wird sicher stilistisch Kraut und Rüben geben, wenn ich das von einem ins andere übertragen würde.
Übersetzung als Filter
Ich lese seit Jahren fast ausschließlich auf Englisch und ich vermute, dass diese schräge Vorliebe davon kommt, dass durch die größere Unsicherheit in der fremden Sprache Unfeinheiten im Text herausgefiltert werden. Ich merke schlicht weniger, wenn etwas nicht passt. Und somit habe ich quasi eine rosarote Stil-Brille auf, die mir mehr Vergnügen durch Selbsttäuschung durch Unwissenheit bereitet. Ich bin von deutschen Texten deutlich schneller genervt. Weil das deutlich zutage kommt, was an meinem ästhetischen Sinn kratzt. Das passiert mir sogar mit meinen eigenen Texten. Ich habe ein-zwei Male schon Bekannten die Links geschickt, die sie sich per google translator ins Englische übersetzen ließen. Ich habe mir das vorher immer angeschaut, um grobe Schnitzer auszumachen. Aber das war eher nicht der Fall. Dafür kam mir der englische Stil schöner vor. Vielleicht war er besser, glatter als mein eigener auf Deutsch. Aber vielleicht war es – wie gesagt – die eingebaute Sprachbarriere.
Germanistik-Seminar Übersetzung
Eine der schönsten Seminare, die ich im Rahmen meines Germanistik-Studiums besuchte, war über das „Literarische Übersetzen“ und der Text, der mich darin am meisten beeindruckte, war „Die Aufgabe des Übersetzers“ von Walter Benjamin. Vor allem dieser Passus war es:
„Wie nämlich Scherben eines Gefäßes, um sich zusammenfügen zu lassen, in den kleinsten Einzelheiten einander zu folgen, doch nicht so zu gleichen haben, so muß, anstatt dem Sinn des Originals sich ähnlich zu machen, die Übersetzung liebend vielmehr und bis ins Einzelne hinein dessen Art des Meinens in der eigenen Sprache sich anbilden, um so beide wie Scherben als Bruchstück eines Gefäßes, als Bruchstück einer größeren Sprache erkennbar zu machen.“
Das Bild von den Sprachen als Bruchstücke eines Gefäßes, so, dass erst alle Scherben zusammen – alle Sprachen zusammen – was sie zu einem Sachverhalt zu sagen haben, den vollständigen Sinn ergeben– das prägte sich mir ein. Nehmen wir das Wort „Tafel“ (in der Schule) im Deutschen, das die Oberfläche beschreibt, das Gerade, so dass es auch in der Bedeutung von „Tisch“, aber auch beim „Tafelberg“ vorkommt. Während es im Englischen „blackboard“ ist, das „Schwarze Brett“, das bei uns spezifischer ist und auch eine Wandlung ins Abstrakte erfahren hat, da man auch im Internet etwas „ans Schwarze Brett“ nageln kann. Die Franzosen sprechen vom „tableau“, das dann auch ein Bild sein kann, das genau wie die Tafel in der Schule, an der Wand hängt. Wir sehen schon an diesen drei europäischen Sprachen, wie sie mit einem so einfachen Begriff wie „Tafel“ so völlig unterschiedliche Assoziationen und Nebenbedeutungen, Herkünfte, Betonung von Eigenschaften herauskitzeln können. Die reale Tafel an der Wand wie sie im Kopf des Menschen als Symbol erscheint, mit dieser sprachlichen Form – sie wird ergänzt und erweitert und bekommt Lagen in verschiedenen Dimensionen, die sich überlagern und ausdehnen … wie die Scherben des Gefäßes aneinandergeklebt und immer weiter aneinandergeklebt, an Form des Ursprungsgefäßes gewinnen, bis sie der Vollständigkeit schon sehr nahe sind.
Symbolik im Transfer
Aber dieses Erfassen der Symbolik, die Verbindung mit dem realen Gegenstand oder Sachverhalt, das die Sprache leistet, dieses hat seinen Ursprung und seinen Sinn im menschlichen Gedanken. Das Ziel war und ist die Kommunikation zwischen Individuen. Ich reiche verbal das Symbol für den Gegenstand an jemand anderen weiter. Und der evoziert damit in seinem Kopf diese Symbolik als Resonanz. Es wird eine Emotion, es wird eine Erinnerung, ein Klingen.
Eine maschinell erzeugte Übersetzung, auch die von einem Large Language Model, die kennt diese Symbolik nicht in dem Sinne und kann schon gar keine Verbindung mit der realen Welt herstellen. Dazu müsste sie einen Körper besitzen, mit dem sie nicht nur sieht, wie eine Tafel glatt und flach und hart vor einem liegt, sondern idealerweise auch fühlt. Und darauf entweder das Mittagessen oder in senkrechter Form die Erklärungen des Lehrers erkennen. Für eine Übersetzungsmaschine von vor 2022 ist es eher das Wörterbuch-Durchsuchen, das Konsultieren einer Grammatik und der enge Kontext, der programmiert war: „Tafel“ mit „blackboard“ übersetzen, wenn da steht: „an der Tafel“. Es galt der Kontext des Satzes in dem das Wort stand.
LLM – Statistik
Ein Large Language Model wie ChatGPT hingegen als generative KI arbeitet schon näher am Menschen: Es nimmt den gesamten Text als Kontext und erkennt damit durch statistische Vergleiche mit bisherig Antrainiertem (nicht „Gelerntem“) eine Ähnlichkeit und kennt somit vor allem die VERWENDUNG der Sätze und Wörter. So dass sie „weiß“, dass in einer Erzählung, in welcher bestimmte Wörter gehäuft auftreten, etwa „Schüler“, „Kreide“, „Aufgabe“ und „kritzelig“, die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, dass die „Tafel“ hier eben das englische „blackboard“ gemeint ist, das neben „pupil“, „chalk“ und „chicken scratch“ vorkommt. Je standardisierter die Aussage ist, je weniger überraschend das Beschriebene, desto treffsicherer wird die KI übersetzen können. Aber die KI wird eben keine Erinnerung an Kreidestaubgeruch haben, wie ein menschlicher Übersetzer, der bei „kritzelig“ ans furchtbare Quietschen denken wird und lieber „chicken scratch“ nehmen als etwa „scrawl“. Und wenn der Autor selbst mit seiner Erzählung diese Atmosphäre erzeugen wollte, diese kollektive Erinnerung aller Schüler der letzten Generationen heraufbeschwören, dann wird der Übersetzer genau dieses übertragen wollen. Die KI hingegen „erinnert“ nicht, denn sie mittelt statistisch über die sprachliche Monotonie aller Schul-Erzählungen und macht aus der kollektiven Erinnerung eine Wahrscheinlichkeit.
Ignoranz und Erfahrung
Was passiert aber, wenn das Zielpublikum so jung ist, dass es niemals Kreide, Schwamm und dunkle Oberfläche gesehen hat, wenn der Lehrer etwas niederschrieb? Oder gar der Übersetzer? Die Ignoranz durch den Umstand der Unerfahrenheit wird alle gleich schlagen, ob GenZ-Leser und -Übersetzer als auch die noch jüngere KI, die sich alle gleich mit Wörtern umgeben können, aber der symbolischer Erwartungswert im Kopf, der stellt sich nicht ein. Und wird damit auch nicht enttäuscht oder erfüllt. Sondern wahrscheinlich einfach akzeptiert. Und nein, das ist nicht die bedauerliche und vermeidbare Ignoranz „der Jugend von heute“, sondern das ist für DIESEN SACHVERHALT eine natürliche Ignoranz der „Jugend von heute“. Wie für meine Generation anderes schlicht nicht Realität des Alltags war und sich somit keine erinnerten Gefühle einstellen können.
Conditio humana
Nun ist das aber dennoch nur ein Detail, da Schule und Lernen für die meisten Leute in Zukunft noch dazu gehören werden, auch ohne Kreide und schwarzer Wandtafel. Oder Schieferbrettchen und Griffel. Oder Tontafel und Keil. Eine zeitlich überdauernde Conditio humana. Die meist auch das eigentlich Beschriebene des Schriftstellers ist, der so gerne gelesen wird, dass man ihn für andere Sprachen zugänglich machen möchte. Und diese fehlt dem LLM oder einem spezifischen Machine Translator dann fundamental. Und wenn ein Autor – wie man es ja immer wieder am liebsten haben will – originell schreiben will, auf welche statistisch brauchbare Textvolumina will da das LLM zugreifen, um damit alles zu übertragen? Der Mensch zwischen Autor und Leser, er bleibt der ideale Übersetzer.











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