Relatives Amerika

Ich kann mich noch genau erinnern, wie entsetzt ich war, und wie überzeugt davon, dass die USA 2001 den denkbar schlechtesten Präsidenten für die Krisenzeit des Nach-9/11 hatte, damals mit George W. Bush. Republikaner waren schon immer diejenigen, die meine Sympathie nicht hatten, aber es gab immerhin eine Abstufung: Von der ambivalenten Figur Ronald Reagan zum furchtbar langweiligen Georg Bush hin zu seinem Sohn.

Hölzern: Bush senior

Tatsächlich wüsste ich im Nachhinein nicht mehr, wie ich zum Senior stand, vielleicht hätte ich mir eingebildet, ihn nicht so schlimm gefunden zu haben, ganz ok, warum nicht. Aber ich erinnere mich, dass ich eine Auseinandersetzung mit unserem Englisch-Lehrer führte, in welcher ich mich so über seine Vorliebe für den Republikaner aufgeregt haben muss, dass ich mich nachher tief schämte und unseren Lehrer um Verzeihung bat. Mein Favorit war eindeutig Bill Clinton. Frisch, jung, der neue Kennedy, den ja alle gemocht haben. Nicht diese hölzerne Gestalt, die aus jeder Pore Konservatismus atmete.

Intellektuell überfordert: Bush junior

Wer hätte gedacht, dass ich bei seinem Sohn eine solche Aversion spürte, mich um jede Bewunderung für Amerika betrogen fühlte, wie konnte man nur Bush jun. statt Al Gore wählen. Bei den Nachzählungen der Wahlzettel beim denkbar knappen Ergebnis fieberte ich mit. Und wie ich fluchte, als ich im Fernsehen das Gesicht von George W. Bush sah, als er bei seinem Kindergarten-Besuch von dem Flugzeug im World Trade Center erfahren hatte: Ich konnte es nicht anders als dumm! bezeichnen.

Unfassbares Ergebnis 2016

Dass dann dieser smarte, charismatische, junge Präsident folgte, Barack Obama – was für goldene Zeiten in meinen Augen! Und dann die Katastrophe 2016. Wir hatten zuhause kleine amerikanische Snacks bereitet, wollten mit der ganzen Familie Geschichte am TV-Bildschirm erleben, wenn endlich eine Frau im Weißen Haus einziehen wird. Und dann doch diese Ungläubigkeit über das befürchtete, aber unerwartete Ergebnis uns so überwältigte.

„Miss me yet?“

Zu der Zeit ungefähr tauchten Geschichten auf, dass Bush jun. ein Hobbymaler mit einigem Talent und Menschenfreundlichkeit ist. Bestens befreundet mit Michelle Obama, was ja nur eine Empfehlung sein kann. Und dann gab es die Memes mit dem Konterfei von George W. Bush mit „Miss me yet?“. Und ich musste zugeben, dass ich mein früheres Ich eines Besseren belehren musste. Und dass intellektuelle Unfähigkeit nicht mehr die Eigenschaft ist, die ich DIESEM Menschen unterstellen würde.

Ich habe die erste Amtszeit Trumps für einen absoluten Tiefpunkt, ein gestolpertes und unfallmäßiges Einstürzen in ein Senkloch der Geschichte gehalten. Dass Amerika und die Welt diese vier Jahre nur irgendwie überstehen müssen.

Senkloch der Geschichte

Wer hätte das gedacht, dass dieses Gefühl der Durchgangsphase ganz anders gemeint war von der Weltgeschichte? Nach all diesen Empörungs-, Enttäuschungs-, Wutgefühlen, die ich alle schon einmal gefühlt habe, traue ich mir selber nicht mehr. Es war ja schon mal ein Tiefpunkt. Und noch einer. Und wieder. Und jetzt erst recht. Und schlimm. Am schlimmsten. Bodenlos.

Für den Sarkasmus, den ich jetzt im Rückblick auf mich selbst und das Verhältnis zu den Präsidenten und dem Land pflege, habe ich vorher meine Resignation gepflanzt. Was nutzt mir mein moralischer Kompass denn noch, wenn er sowieso nur noch in eine Richtung zeigt? Selbst das Thermometer der Furchtbarkeit hat keine Skala mehr dafür. Und nachskalieren wird doch nur noch Makulatur. Früher oder später.

Dieses und das Gegenteil

Und es ist nicht nur dieses früher so großartige Land, oder das, was ich früher als großartig empfand. Als ich noch vieles einigermaßen in Relation setzen konnte. In ein Gegenüber. Die USA hatten den Vietnamkrieg UND Woodstock. AIDS und das Stonewall-Café. Lee Harvey Oswald UND John F. Kennedy. Kommunistenhatz UND Freiheit. Religiösen Fanatismus UND urbane TV-Shows. Rassismus UND Rosa Parks. Niemals völlig sauber, oft sogar ziemlich böse, aber immer eben auch die Kräfte, die gewillt waren, sich damit auseinanderzusetzen und es zu überwinden.

Befürchtungen

Doch jetzt macht es mir zum ersten Mal wirklich Angst, dass es kein Herausschwingen mehr gibt aus dem Hineinschwingen ins Dunkle, Hasserfüllte, Niederträchtige, Selbstgerechte, Menschenfeindliche.

Und wenn das selbst Amerika passiert, diesem dynamischsten aller Länder der Neuzeit, das seine Antithese zur These brauchte, um eine höhere Synthese zu erreichen – wie geht es uns anderen, in den anderen Ländern, wo wir diesen Schwingmotor gar nicht besitzen?

Sarkasmus und Restoptimismus

Mit meinem auf diesem Unrat wuchernden Sarkasmus gewappnet, möchte ich sagen: Vielleicht ist diese Entkoppelung vom Rest der Welt unsere Rettung. Dieser Isolationismus, den die MAGA-Bewegung propagiert, das, was uns nicht mit in ihr riskantes Eintauchen in die Verleugnung aller Ethik mitreißt. Und mein kleiner, irgendwo noch existierender Restoptimismus lässt sich darauf ein und meint noch: Wir anderen haben Amerika auch ein wenig erschöpft, lass es doch mal ohne uns die Schwingbewegung machen.

Deutliche Wucht

Die Wucht der USA auf die Welt war nie deutlicher als zu dieser Zeit, wenn ein paar Sätze Trumps, nachts zusammengeschrieben, eine sofortige globale Welle erzeugen können. Und das von einem Menschen, der die Globalität durch vier Buchstaben in den Schatten stellt, die „Amerika zuerst“ bedeuten.

Aber was nutzen all diese Superlative des Schreckens, wenn das Superlativ schon vorher verwendet wurde? Wenn George Bush senior schon „Krieg um Öl“ geführt hatte, George W. Bush schon eine erschreckende Ignoranz für Politik zeigte, und die erste Amtszeit Trumps schon als Schwarzes Loch der Geschichte gesehen wurde?

Relativierung in der Rückschau

Bei dieser Überreizung unseres Absolutheitsgefühls des Katastrophischen sollten wir uns fragen, ob wir aus dem Relativieren in der Rückschau nicht lernen sollten. Nicht, dass Trump uns morgen vielleicht nicht mehr so schlimm vorkommen wird, weil noch etwas schlimmeres kommt. Sondern, dass wir diese Anspruchshaltung an unser eigenes Gefühl der Absolutheit aufgeben sollten. Unsere eigene Empörung und unser Gerechtigkeitsgefühl sind uns lediglich Orientierung, sie haben keinen globalen Wert. Nicht einmal für unser künftiges Ich, unter Umständen. Sie haben ihren eigenen Wert genau jetzt und genau für uns. Und das reicht vollkommen aus.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert