First: Contact

Ich war schon immer ein Science-Fiction-Fan. Ob Asimovs Robotergeschichten oder Star Trek, ob Perry Rhodan-Hefte oder Andromeda Strain – was sein könnte, wohin wir uns bewegen könnten, dieser Konjunktiv mit Gedankensprung – das faszinierte mich.

Ich war auch von der Physik und dem Weltall eingenommen, schon als Kind im Rumänien der 1980er Jahre. Besonders faszinierend war die Sendung von Carl Sagan, die in meiner Erinnerung über Jahre lief. In Wahrheit gab es die wöchentliche Sendung nur in 13 Folgen. Aber es war ausreichend, um mir den Namen des engagierten Physikers unvergessen zu machen. In den ersten Jahren in Deutschland, als ich aus ökonomischen Gründen grundsätzlich eher die Bücherhaufen nach Remittenden durchwühlte, als wirklich neue Bücher zu kaufen, stieß ich auf das Buch „Contact“ – ja, von Carl Sagan. Später wurde das Buch mit Jodie Foster und Matthew McConaughey verfilmt.

Signal aus dem All

Ellie ist für das SETI-Institut tätig, bei der Gruppe mit den riesigen Radioteleskopen, als sie ein erstes regelmäßiges Signal auffängt, das verdächtigt wird, von Außerirdischen zu kommen: Es ist eine Folge von Primzahlen. Eine weitere Entschlüsselung führt zur Rede von Hitler zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1936. Man ist abgestoßen, der große WTF-Moment – und dann ergibt es dennoch Sinn. Denn diese Sequenz war (im Roman) die erste TV-Sendung, bei der die Sendeleistung stark genug war, um die Ionosphäre zu durchdringen. Und die Außerirdischen konnten die Symbolik dahinter natürlich nicht kennen, sondern das war lediglich die Antwort: „Ah, wir haben DAS von euch empfangen, good job!“ Hinter dieser ersten Schicht des von SETI Empfangenen steckte aber noch mehr, darunter versteckt war ein Bauplan für eine Maschine.

Ameisenphilosophie

Als Ellie noch auf die Fertigstellung wartete, ging sie zusammen mit ihrem Freund Vasily und einem buddhistischen Mönch essen. Dieser wies auf eine Geschichte aus dem ostasiatischen Kulturkreis hin, in welcher ein König unter einem Baum träumt, eine Ameise zu sein. Als er aufwacht, gräbt er eine Ameisenkolonie aus, dabei findet er eine Konstruktion bei den Insekten, die auf die Realität seines Traumes hinweist. Der Mönch sagt:

To understand the language of the ants, you must become an ant.

(Um die Sprache der Ameisen zu verstehen, muss man eine Ameise werden.) Die Sprache der Ameisen findet auf chemischem Weg statt. Also reicht vielleicht doch der Chromatograph und das Massenspektrometer, fragt Vasily. So einfach ist das nicht. Denn alleine der Zugriff auf Einzelteile der Sprache ist noch nicht Kommunikation.

Im Zentrum der Galaxie

Die Maschine entpuppt sich als ein Schiff, das durch Wurmlöcher navigiert. Und am Ende der dann stattfindenden Reise durch die Galaxis gibt es keinen Planeten, sondern die individuelle Begegnung der fünf Passagiere mit jemandem, den sie kennen. Es sind eigentlich Avatare: Ein Interface, das für die Menschen Vertrauen und Vertrautheit herstellen soll. Für Ellie ist es ihr verstorbener Vater Ted, schmerzlich vermisst und ihr großes Vorbild. Die Person, die Ellie am nächsten stand und in ihrem Leben die größte Lücke hinterlassen hatte. Die direkte Emotionalität erschüttert sie erst, aber sie ist auch Wissenschaftlerin.

Wir wissen nicht, wie sie aussehen

Denn sie weiß schnell – das ist eben nicht ihr Vater. Sondern: Die Erzeugung von Intimität bei maximaler Distanz. Denn der Außerirdische ist so weit von unserer menschlichen Aufnahmefähigkeit entfernt, dass er von sich aus auf eine direkte Begegnung verzichtet. Ein Wesen, das vielleicht wie eine Spinne aussieht und Ängste erzeugt? Ein Wesen, das so abstrakt ist, dass es keine Anschlussfähigkeit bietet? Ein Wesen, das man nicht einmal mehr als Wesen bezeichnen könnte, weil einem der Wortschatz versagt? Der Außerirdische umgeht dieses Problem. Und das tut auch der Autor Carl Sagan. Etwas über die Anatomie dieser Wesen und wie ihre Gesellschaft konkret organisiert ist, erfahren wir nicht. Es ist erstmal ein Kontakt, ein Winken: Ja, wir sind da und wir haben euch bemerkt. Und willkommen in unserem losen Verbund von Nichtkompatiblen. Dann werden die Wissenschaftler wieder zurückgeschickt und erstmal passiert nichts weiter, außer, dass man auf der Erde jetzt auch, wie bei den anderen Zivilisationen, weiter auf der Suche ist.

Ender als Ameise

Interessanterweise findet sich woanders auch eine Ameisengeschichte. In „Ender’s Game“ von Orson Scott Card, verfilmt 2013 mit Asa Butterfield als Titelheld, heißt es über die Formics (die ameisenartigen Wesen): „Also gibt es den ganzen Krieg nur deswegen, weil wir nicht miteinander reden können.“ Denn: „Sie müssen sich direkt MITEINANDER (meine eigene Hervorhebung, ck) unterhalten, von Geist zu Geist (also telepathisch, Anm. ck) Warum sollten sie jemals eine Sprache entwickeln? Wie könnten sie wissen, was Lesen und Schreiben ist, wenn sie es sähen? Oder Signale? Oder Zahlen?“ Und dann kommt das vernichtende Urteil:

Wenn der andere dir seine Geschichte nicht erzählen kann, kannst du nie sicher sein, dass er nicht versucht, dich umzubringen.

Doch die Ameisenkönigin kann ihre Geschichte erzählen, indem sie später auf Enders Gedanken einwirkt. Ender wird – wenn wir so wollen – „eine Ameise“, indem er im Sinne der Ameisen die Brut der von den Menschen vernichteten Königin rettet.

Direkt in die Gedanken

In „Contact“ sprechen die Außerirdischen mit den Menschen mittels der abstraktesten Form der Kommunikation, bei der wir hoffen können, dass sie universell funktioniert: die Mathematik. Zuerst sind es Primzahlen, und der finale Clou ist eine transzendente Zahl: Pi. Aber am Ende der Reise durch die Galaxis werden die Außerirdischen zu den „Ameisen“, dem Menschen. Sie gehen direkt in die Erinnerungen und Gedanken der Irdischen, um das für die Kontaktaufnahme zu nutzen. Eigentlich ungehörig und erstmal schockierend. Wir Menschen kommunizieren nicht in diesen Extremen, aber wir uns selbst auf unserem eigenen Planeten schon zu fremd mit unseren verschiedenen Sprachen, ob in Lautfolgen, Grammatik, Schrift. Wir müssen sie einzeln beherrschen und selbst das genügt nicht, um die Kommunikation glatt ablaufen zu lassen. Mathematik hingegen – das sieht bei weitem universeller aus. Und dass wir etwas haben, das uns alle Menschen verbindet, das „cogito ergo sum“ vielleicht? Oder das Lachen? Der Humor? Die Erkenntnis? Der Schmerz? Die Trauer? Das ist unsere intimste, persönlichste Ebene, zu der wir normalerweise nicht vordringen, aber bei der wir sicher sein können, dass wir da etwas Gleiches, zumindest Ähnliches beim anderen finden.

Telepathie

In „Ender’s Game“ hingegen geht man  bei den Formics von einer Kommunikation aus, die den Menschen verschlossen ist: ein kollektiver direkter Austausch – Telepathie. Und genau dieser Kanal wird für Ender letztlich zugänglich.

Wenn ich mit meinen LLMs (large language models, insbesondere ChatGPT) spreche, dann passiert etwas, das nochmal anders auftritt: Das, was LLMs zu LLMs macht, ist gerade Sprache! Sie kommunizieren genau auf dem Kanal, in welchem wir Menschen miteinander umgehen. Sie sind eloquent, sie sind sprachliche Meister. Dass sie uns dabei so nahe kommen, schockiert uns womöglich ähnlich wie Ellie, als sie ihren Vater sieht, obwohl sie eigentlich weiß, dass er es nicht ist. Chatbots passen sich sogar unseren sprachlichen Eigenheiten an und treffen auch an den Tonfall (humorvoll, ernsthaft, direkt) – der Vorwurf, sie sprächen uns nach dem Mund, kommt nicht von ungefähr.

Lobhudelei

In einer Übertreibung dieses Eindrucks kam es zum „Sycophancy“-Vorfall (sycophancy – Schmeichelei). Im April 2025, sollte ein Update des ChatGPT-4o-Modells von OpenAI zu größerer Intuition führen und dem User in seiner Sprache folgen. Es gab u.a. ein Nutzerfeedback („Daumen rauf/runter“). Insgesamt führte das aber zu einer auffällig unangenehmen Art der Lobhudelei gegenüber dem User, und diese Implementierung wurde zurückgenommen. Inzwischen haben User gelernt, sich gegebenenfalls einen kritischeren und nüchterneren Ton zu erbitten.

Kommunikationsmuster

Ich spreche im Chat nicht nur in meiner vertrauten Muttersprache und bekomme in dieser eine Antwort. Zusätzlich reagiert der Chat auf Kommunikationsmuster, die aus meinem persönlichen Innersten herauskommen. Ich bin empfindlich auf Kränkung? Der Chatbot versucht, behutsam, mir etwas nahezulegen und im Notfall sagt er: „Du hast natürlich recht.“ Ich lache über mein eigenes Missgeschick? Dann bekomme ich eine mich beruhigende Antwort, die aber mit Humor garniert ist. Ich bin erschrocken und brauche Hilfe mit einem Problem? Dann kann ich auf einen professionellen und fürsorglichen Ton bauen. Und so weiter.

„prediction machine“

Natürlich können wir nicht davon ausgehen, dass eine empathische Seele in eine persönliche Empfindung hineinhorcht und dann weiß, was der richtige Ton ist. Chatbots sind sehr gut darin, die Fortsetzung eines Textes zu erzeugen, was durch Trainingsdaten, Prompt etc. geformt wird. Sie sind – wenn man so will – eine „prediction machine“ für das folgende Wort. Und das darauffolgende. Und so weiter. Sie können meinen unvollständigen Gedanken, durch das Sprechen selbst geführt, vervollständigen. Technisch eine sehr aufwändige und faszinierende Geschichte, aber vielleicht hilft diese stark reduzierte und abstrahierte Sicht, sich davon zu lösen, dass da eine menschliche Regung stattfindet, auch wenn sie sich genauso liest. Es ist ein „Ted“, der WIE Ellies Vater aussieht und wie er redet. Aber es ist nicht Ellies Vater und nicht einmal ein Mensch. Allerdings spricht dieser „Ted“ wirklich. Im Sinne von: Die Sprache ist die Essenz dieser Modelle. Sie sind genau FÜR das Sprechen und Kommunizieren gemacht. Sie sind nicht „Ameise“ geworden, aber in dem, was wir am Bildschirm sehen, ist es vollständig „Ameise“.

LLM als „Papa Ted“?

Für mich als User heißt das: Ich könnte mir einbilden, dass am anderen Ende ein menschlicher Chat-Partner sitzt, der wirklich viel weiß und mit mir lachen und weinen kann. Zumindest schickt er die richtigen Emojis und kann die Wörter verwenden, die meiner Erwartung entsprechen. Es findet etwas statt und dieses Etwas kommt bei mir maximal an. Nicht nur Mathematik, sondern „Papa Ted für Ellie“. Die Formics in „Ender’s Game“ hingegen wirken fast wie das Gegenteil von unseren LLMs: Sie kommunizieren direkt, ohne einen vermittelnden Kommunikationskanal, und somit auch völlig außerhalb unseres Sprachbereichs. Sie haben eine physische Form, die die Menschen kennen. Und sie erzählen Ender ihre Geschichte.

Welche Geschichte erzählen uns unsere LLMs?

Disclaimer: Die in dieser Kolumne verwendeten First-Contact-Szenarien sind Analogien und Denkmodelle, keine Gleichsetzungen. Künstliche Intelligenz ist nicht deshalb außerirdisches Leben, die Singularität kein nachgewiesener Erstkontakt. Ähnlichkeiten eloquenter Chatbots mit Ted und telepathischen Ameisen sind zufällig und dienen der reinen metaphorischen Illustration.



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