Wenn man fiktive Figuren um andere fiktive Figuren herum entwickelt, entstehen zumindest mehr Unklarheiten als Klarheiten. Käthes Tochter Jenny kam in meinen alten Käthe-Jonathan-Geschichten nie vor. Jetzt zu konstruieren, wie ihr Kontakt zur Mutter war, ist schwierig bis unmenschlich. Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?
Klar ist: Jenny ist heute eine gestandene Geschäftsfrau und mit Birgit verheiratet. Fest steht auch: Sie hat einen mit Sicherheit wechselhaften Lebensweg gehabt, denn sonst wäre sie nicht die Tochter einer flippigen und unsteten Figur wie Käthe.
ChatGPT hat mir ein äußeres Erscheinungsbild von Jenny angeboten, und zwar in vier jeweils wichtigen Lebensphasen. Ein behütet aussehendes zehnjähriges Mädchen. Kaum glaubhaft, dass sie das Behütende durch Käthe bekommen hat. Im Hintergrund bahnt sich da so etwas wie ein Drama an, fürchte ich. Das wollte ich eigentlich so nicht, aber das lässt sich kaum mehr vermeiden. Ich war der Schöpfer von Käthe und Jonathan, und nun habe ich das Dilemma: zu komplex für Kurzgeschichten.
Jenny lebte also mit Nebenwirkungen!
Mit zwanzig ist das künstlerisch Wilde andeutungsweise zu sehen. Interessant dabei: Wenn ich es nicht anders sage, bekomme ich dennoch immer von ChatGPT eine freundliche Frau angeboten, mit der man sofort ein Gespräch im Wartezimmer in der Hausarztpraxis anfangen würde. Fast so, als würde man erwarten, sie würde jetzt nur Nettes über ihre Mutter sagen, käme das Gespräch auf irgendwelchen Umwegen auf Käthe. Über Jonathan würde sie in diesem Kontext vermutlich schweigen. Ich kann mir auch wirklich nicht vorstellen, dass sie ein gutes und unstrittiges Verhältnis zu ihrem Stiefvater Jonathan hätte, zumal ich ja schon festgelegt habe, dass sie ihren Halbbruder Jan so gar nicht mag.
Ich trau mich noch nicht wirklich, dieses Thema anzufassen. Mit zwanzig spielte Jenny jedenfalls in einer deutschen Indierockband, die regional recht erfolgreich war. Nach einigen Namensänderungen – von „Schwarzer Sonntag“ über „Lauter Zweifel“ – nannte sich die Truppe schließlich „Nebenwirkung“. Die „Kapelle“ trat in kleinen Clubs in Norddeutschland auf und brachte natürlich eine LP auf Vinyl heraus. „Bleib nicht stehen“ hieß die Scheibe, und den Song „Zu laut für diese Stadt“ gröhlte ein eingeschworener Follower-Chor rauf und runter:
„… Wir sind zu laut für diese Stadt,
zu wach für diese Nacht.
Wir haben nichts, was sicher hält,
doch haben wir uns selbst gemacht.
Dreh noch einmal lauter – morgen sind wir weg.“
Zoe, Jenny, Mark und Ben!
Die Band bestand aus der Bassistin Zoe, der Sängerin Jenny, dem Schlagzeuger Mark und dem Gitarrenspieler Ben. Jenny und Ben komponierten und schrieben die Texte. Klar vereinigte die Band dieser Zeit eine Menge Klischees auf sich. Allerdings war die Formation zu spät da, um die blöden Storys von Love, Drugs and Rock ’n’ Roll zu erfüllen, und dabei letztlich zu provinziell, um extrem ungesund zu leben. Da gibt es auch in diesem Nebenstrang nichts zu vertiefen. Die Band trennte sich nach drei Jahren. Jenny und Ben waren ihre Motoren.

Grafik: ChatGPT
Jenny widmete sich ihrem Studium der ökologischen Landwirtschaft. ChatGPT meint, dass dieser Studiengang am Standort Witzenhausen von der Uni Kassel angeboten wird. Auch das will ich an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.
Jenny mit dreißig!
Im Alter von dreißig Lenzen ist Jenny jedenfalls bereits mit ihrer Frau Birgit verheiratet. Ihr Studienabschluss liegt zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre zurück. Sie hat sich äußerlich verändert und begonnen, sich von ihrer eigenen Frau zur Liebe zum Tattoo verführen zu lassen. Alles immer noch viel zu schön, um wahr zu sein.
Es könnte auch gut sein, dass ich ChatGPT bitten sollte, etwas unfreundlicher dreinschauende Menschen zu zeichnen. Im Moment lächelt sich Jenny noch über ihr Schicksal hinweg. Denn es muss ja doch problematische bis sehr ernste und sogar dramatische Entwicklungen gegeben haben. Diese Liebe zu großen Frauen zum Beispiel, dieses Sich-zu-einem-Typus-hingezogen-Fühlen, ohne dass ein Ausweg etwas klären konnte, eben ein eventueller Ausstieg aus so einem Muster. Noch aber halte ich als Autor an der These der ziemlich tollen Frau Jenny fest.
Vielleicht eine Sehnsucht nach den ungeschickten, unsteten, unentschlossenen alten Geschichten um Käthe und Jonathan.
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