Vor wenigen Wochen fragte mich eine Kollegin anlässlich meiner kulinarischen Mitbringsel zum hebräischen Neujahr Rosh Hashana: „Wo kommt denn deine Familie her?“ Ich musste nicht lange überlegen um zu sagen: Deutschland. Aber später dachte ich noch länger darüber nach: Meiner Eltern, meine Großeltern und meine Urgroßeltern wurden immerhin in Deutschland geboren. Aber davor? Davon wusste ich nichts. Also suchte ich eine Lösung: Einen DNA-Test! Und nun muss ich Ihnen etwas gestehen: Ich habe einen Migrationshintergrund. Einen ziemlich erheblichen sogar. Ich bin der Nachkomme eines syrischen Einwanderers, habe zahlreiche jüdische Verwandte auf mehreren Kontinenten und bin obendrein noch mit der jordanischen Königsfamilie verwandt. Und das alles bin ich hier in Deutschland, ohne jemals einen Integrationskurs besucht haben zu müssen.
Ein Flüchtling nach wenigstens 1300 Jahren?
Meine direkte väterliche Linie weist eindeutige genetische Merkmale auf, deren Ursprünge weit in den Nahen Osten zurückreichen. Europäisch wurden meine Vorfahren wohl erst irgendwann zwischen dem Jahr 100 und 700, als sie aus dem antiken Gebiet von Israel beziehungsweise Judäa nach Osteuropa wanderten. Flüchtete jemand vielleicht nach dem Bar-Kochba-Aufstand gegen den römischen Kaiser Hadrian? Waren sie davor oder danach auf der Suche nach einer besseren wirtschaftlichen Zukunft? Gehen wir noch einige tausend Jahre zurück, lebten meine Urahnen im Gebiet des heutigen Syriens, zuvor Iran, im Yemen und Oman. Dorthin kamen meine Vorfahren über eine östliche Route der Homo sapiens, die in Afrika entstanden sind und wo letztlich alle heutigen Menschen herkamen. Viel mehr kann ich über meine damaligen Vorfahren natürlich nicht sagen. Vielleicht bin ich direkter Nachfahre von David, König von Israel. Vielleicht aber auch eines gemeinen Viehdiebs. Die DNA verrät uns darüber nichts, wenn wir nicht gerade die Überreste der entsprechenden Menschen finden und sie anhand von Quellen zuordnen können. Und dann stellt sich die Frage: Bin ich heute immer noch ein syrischer Flüchtling? Oder ein jüdischer Flüchtling? Wenn nicht: Wann verjährt der Migrationshintergrund denn genau?
Kann man nach 1300 bis 1700 Jahren endlich als integriert gelten, oder muss ich noch nachweisen, dass ich die deutsche Leitkultur ausreichend verinnerlicht habe? Ich meine, ich spreche muttersprachlich Deutsch, arbeite in Deutschland, zahle meine Steuern und beschwere mich regelmäßig über die Deutsche Bahn und Falschparker. Viel deutscher geht es doch eigentlich kaum. Aber vielleicht täusche ich mich. Was unterscheidet mich denn genau von dem Flüchtling, der vor zwei oder drei Generationen kam und das genauso gut kann?
28 Prozent deutsch – reicht das?
Denn mein DNA-Test brachte noch eine interessante Erkenntnis ans Licht: Rund 28 Prozent meiner genetischen Herkunft wurden als „germanisch“ eingeordnet. 28 Prozent! Mein größter Anteil ist mit 38 Prozent osteuropäisch, 21 Prozent von mir sind jüdisch. Die restlichen knapp 13 Prozent verteilen sich hauptsächlich auf die baltischen Staaten vermutlich auch über meinen Vater und Dänemark, Niederlande und kleinere Anteile auf andere europäische Länder über meine mütterliche Linie. Meine Damen und Herren, ich bin zutiefst verunsichert. Reicht das überhaupt? Bin ich damit ein echter Deutscher oder nur ein Deutscher auf Probe? Brauche ich mindestens 50 Prozent? Eine Zweidrittelmehrheit? Oder muss ich für die vollständige Anerkennung drei Viertel germanische DNA vorweisen?
Und was machen wir eigentlich mit den restlichen 72 Prozent? Müssen die abgeschoben werden? Das wird schlecht gehen. Soll ich sie verneinen? Die Realität nicht wahrhaben zu wollen, ist meistens keine gute Idee. Welche Körperteile sind denn jetzt ausländisch?
Natürlich sind solche Prozentangaben keine Messung deutscher Gene. Es handelt sich um statistische Vergleiche mit Referenzgruppen, nicht um einen genetischen Einbürgerungstest. Die Vorstellung, man könne damit den Grad des Deutschseins bestimmen, ist wissenschaftlich ungefähr so sinnvoll wie die Berechnung der Intelligenz anhand der Schuhgröße. Je nachdem, welchen Zeitpunkt wir nehmen, war mein Vorfahr väterlicher Linie mal Afrikaner, mal Asiate, mal Europäer. Nicht mal für einen einzelnen Kontinent konnten sich meine Vorfahren entscheiden. Trotzdem scheint mir die Frage nach dem „richtigen“ Deutschsein gesellschaftlich erstaunlich hartnäckig zu sein und das nicht erst seitdem Bundeskanzler Merz das Jüdischsein mit Ausländersein gleichsetzte.
Jüdische Verwandte und königliche Verbindungen
Meine Familienforschung hatte allerdings noch weitere Überraschungen zu bieten. Bei MyHeritage entdeckte ich zahlreiche DNA-Übereinstimmungen mit Menschen, die jüdische Familiennamen tragen oder in deren Stammbäumen sich oftmals zahlreiche Abstammungszweige mit jüdischen Namen versteckten. Nicht nur in Israel, sondern auch in verschiedenen anderen Ländern bis hin nach Südamerika, wo ich einige Cousins und Cousine 4. bis 6. Grades habe, die teils noch heute typisch jüdische Namen tragen. Einige von ihnen hatten meinen Nachnamen in ihrem Stammbaum. Natürlich beweist ein Familienname allein keine gemeinsame Abstammung, und ein DNA-Treffer verrät noch nicht zwingend immer zu hundert Prozent korrekt, wie genau zwei Menschen miteinander verwandt sind. Trotzdem ergibt sich das Bild einer faszinierenden Familiengeschichte, deren Spuren sich über zahlreiche Länder erstrecken. Es gibt sogar gute Chancen, dass mein direkter väterlicher Vorfahre, ein Urururururgroßvater, Rabbi Mordechai Davod Unger war, der am Ende des 18. Jahrhundert eine bedeutende polnische Rabbiner-Dynastie gründete.
Und dann kam die nächste Überraschung: MyHeritage lieferte mir sogar einen Hinweis auf eine mögliche Verwandtschaft mit der jordanischen Königsfamilie. Ja, Sie haben richtig gelesen. Der jordanischen Königsfamilie! Ob sich diese Verbindung genealogisch tatsächlich nachweisen lässt, muss ich noch herausfinden. Aber eine bemerkenswerte Geschichte gibt es dazu bereits. Der offizielle Facebook-Account von König Abdullah II. hat vor vielen Jahren tatsächlich einmal einen meiner Beiträge mit „Gefällt mir“ markiert! Ob der König persönlich auf den Knopf gedrückt hat, weiß ich natürlich nicht. Aber wir haben noch etwas gemeinsam: Wir lieben beide Star Trek. Der Mann ist sogar selbst schon mit der Sternenflotte unterwegs gewesen! 1996 hatte er, damals noch als Prinz, einen Gastauftritt in Star Trek: Voyager. Möglicherweise königliche Verwandtschaft, ein Facebook-Like aus Amman und dieselbe Leidenschaft für Star Trek. Meine Damen und Herren, das kann doch kein Zufall sein! Das noch ein paar Millionen näher verwandte Menschen vor mir sterben und ich als Jude den jordanischen Königsstuhl besetze, würde ich trotzdem bezweifeln. Es hätte aber zumindest etwas.
Fassen wir zusammen: Eine uralte väterliche Linie mit Wurzeln im Nahen Osten, jüdische DNA-Treffer auf mehreren Kontinenten und womöglich sogar eine Verbindung zum jordanischen Königshaus. Für einen ordentlichen Verschwörungstheoretiker wäre der Fall vermutlich längst klar: Ich bin ein internationaler Geheimagent im Auftrag eines arabischen Staates! Wahlweise natürlich auch von Israel. Vielleicht sogar beides. Die 28 Prozent germanische DNA? Meine perfekte Tarnidentität! Der Facebook-Like des Königs? Offensichtlich das geheime Einsatzsignal meiner Auftraggeber. Nur eines verstehe ich nicht: Warum habe ich noch immer keinen Dienstwagen? Und sollte ich tatsächlich seit mindestens 1300 Jahren im Auslandseinsatz sein, würde ich allmählich gerne meine Spesenabrechnung einreichen. Vermutlich würde schon die Reisekostenabteilung kapitulieren. Wobei ich natürlich auch auf eine ganz andere Erklärung gekommen bin: Vielleicht gibt es überhaupt keine Verschwörung, sondern einfach nur Menschen, deren Familiengeschichten diverser sind, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Ich weiß, das klingt für einen Verschwörungstheoretiker geradezu enttäuschend. Aber manchmal ist die Wirklichkeit eben weniger geheimnisvoll und dafür wesentlich interessanter.
Was Mr. Spock uns voraus hat
Aber zurück zu Star Trek. Da gibt es bekanntlich Mr. Spock. Der ist zur Hälfte Mensch und zur Hälfte Vulkanier. Also gerade einmal 50 Prozent Vulkanier! Und trotzdem hat er es zum Ersten Offizier der Enterprise und später unter anderem zum Botschafter Vulkans gebracht. Dabei kennt gerade Spock die Vorurteile, die mit einer gemischten Herkunft verbunden sein können. Seine Geschichte zeigt, dass Abstammung nicht darüber entscheiden muss, wer jemand ist und was er erreichen kann. Das ist einer der Gründe, warum ich Star Trek liebe. Die Serie zeigt eine Zukunft, in der Menschen und andere Spezies versuchen, ihre Vorurteile zu überwinden. Nicht immer erfolgreich, nicht immer sehr realistisch, aber mit dem gemeinsamen Ziel, Unterschiede nicht als unüberwindbare Grenzen zu betrachten. Wir träumen von einer Zukunft, in der wir gemeinsam fremde Galaxien erforschen. Und im Jahr 2026 diskutieren wir auf der Erde noch immer darüber, wer aufgrund seiner Vorfahren wirklich dazugehört.
Wissen Sie, was an meiner ganzen Geschichte eigentlich nicht lustig ist? Dass manche Menschen ihre Zugehörigkeit ein Leben lang erklären müssen, während sie bei anderen niemals infrage gestellt wird. Dass selbst ein deutscher Pass nicht immer verhindert, als Fremder betrachtet zu werden. Und dass wir Menschen noch immer nach ihrer Abstammung beurteilen, obwohl uns gerade die deutsche Geschichte gelehrt haben sollte, wohin solches Denken führen kann. Wer ist eigentlich deutsch genug? Die AfD spricht von deutscher Leitkultur und fordert eine Rückkehr zu einem Staatsangehörigkeitsrecht, bei dem die Staatsangehörigkeit durch Geburt grundsätzlich über die Eltern vermittelt wird. Nach ihrem Bundestagswahlprogramm von 2025 möchte sie den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch Geburt in Deutschland für Kinder ausländischer Eltern abschaffen. Dabei ist das rechtliche Abstammungsprinzip selbstverständlich keine genetische Reinheitsprüfung. Es beschreibt die Weitergabe einer Staatsangehörigkeit durch die Eltern. Über solche gesetzlichen Regelungen lässt sich demokratisch streiten. Doch daneben steht eine andere Frage: Wer gilt in unserer Gesellschaft eigentlich als deutsch genug?
Ich bin Deutscher. Und ich bin Jude. Das eine widerspricht dem anderen nicht. Beides gehört zu mir und zu meinem genetischen Fingerabdruck. Ich brauche keine 100 Prozent germanische DNA, um Deutscher zu sein. Untersuchungen zeigen sogar, dass die meisten Deutschen vermutlich weit, weit weniger haben. Oftmals unter 50 Prozent. Abgesehen von meinem jüdischen Anteil bin ich mit meinen 28 Prozent Germane gar nicht so selten, vor allem hier im Raum Magdeburg, wo über Jahrhunderte Germanen, Slawen und Juden friedlich nebeneinander wohnten. Deutschsein ist keine genetische Eigenschaft. Staatsangehörigkeit ist eine rechtliche Frage, kulturelle Zugehörigkeit eine vielschichtigere, und Menschenwürde steht ohnehin jedem Menschen zu.
Natürlich darf man über Einwanderung diskutieren. Über Integration, Asylrecht, Grenzen und Staatsangehörigkeit. Eine Demokratie muss unterschiedliche politische Vorstellungen darüber aushalten. Und wie man weiß, bin ich kein Linker, der Staaten und Staatsangehörigkeit für überflüssig hält. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen der Diskussion über Einwanderungspolitik und der Vorstellung, Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft weniger wert oder weniger deutsch. Ebenso wenig sollte jemand allein wegen seiner familiären Wurzeln ständig erklären müssen, warum er sich als Deutscher versteht. Die Würde eines Menschen ist keine Frage seiner Abstammung. Und Heimat lässt sich nicht auf einen DNA-Befund reduzieren.
Vorher Deutscher. Nachher Deutscher.
Wissen Sie, was das Wichtigste an meiner ganzen Geschichte ist? Vor meinem DNA-Test war ich Deutscher. Nach meinem DNA-Test bin ich immer noch Deutscher. Wenn mich wieder jemand fragt, woher meine Familie kommt, werde ich ihm vermutlich sagen: Einst aus Afrika und nach einer langen Wanderschaft über den Nahen Osten und Osteuropa aus Deutschland. Ich habe mich nicht verändert. Nicht meine Sprache, nicht meine Überzeugungen, nicht meinen Charakter und nicht mein Verhältnis zu diesem Land. Selbst mein religiöses Verständnis hat sich nicht verändert. Warum auch? Lediglich mein Wissen über meine Vorfahren ist gewachsen. Und trotzdem könnte es Menschen geben, die mich plötzlich anders betrachten, wenn sie von meinen Wurzeln im Nahen Osten erfahren. Nicht weil ich mich verändert hätte, sondern weil sich ihre Vorstellung von mir verändert hat. Genau darin liegt ein grundlegendes Problem des Rassismus: Er macht die Herkunft eines Menschen zu einem Urteil über diesen Menschen. Die Geschichte Europas ist keine Geschichte genetischer Reinheit. Sie ist eine Geschichte von Wanderungen, Begegnungen, Vertreibungen und Neuanfängen. Menschen sind gekommen und gegangen, manche freiwillig, andere auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Verfolgung. Sie haben Familien innerhalb der eigenen, aber oft auch außerhalb der eigenen Gruppen, gegründet, Sprachen gelernt und neue Heimaten gefunden. Aus Fremden wurden Nachbarn, aus Nachbarn Familien und aus deren Kindern Menschen, für die ihre Heimat ganz selbstverständlich dort lag, wo sie lebten.
Vielleicht würde mancher, der heute besonders laut nach der Herkunft anderer Menschen fragt, bei einem Blick in den eigenen Stammbaum eine Überraschung erleben. Ich jedenfalls habe meine Familiengeschichte noch längst nicht vollständig erforscht. Vielleicht entdecke ich morgen einen persischen Kaufmann, einen ukrainischen Rabbiner oder einen österreichischen Dorfschmied. Vielleicht finde ich sogar heraus, ob ich doch noch näher mit der jordanischen Königsfamilie verwandt bin. Sollte das der Fall sein, werde ich selbstverständlich prüfen, ob mir ein Schloss zusteht. Oder wenigstens ein Raumschiff. Bis dahin bleibe ich einfach das, was ich auch vor meinem DNA-Test war: Ein Deutscher. Mit 28 Prozent germanischer Herkunft und einer Familiengeschichte, die noch viele Überraschungen bereithält. Und falls mich jemand fragt, ob meine Familie schon lange genug hier lebt, um als wirklich deutsch zu gelten, werde ich zurückfragen: Wie lange brauche ich denn? 100 Jahre? 500? 1000? 2.500? 3.000? 5.000?
Aber eigentlich ist schon diese Frage falsch. Denn was wäre, wenn meine Vorfahren erst vor dreißig Jahren gekommen wären? Oder meine Eltern erst zehn Jahre vor meiner Geburt? Wäre ich deshalb weniger wert und/oder weniger deutsch? Müsste ich deshalb mein ganzes Leben erklären, warum ich hier zu Hause bin? Niemand sollte seine Abstammung über Jahrtausende zurückverfolgen müssen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Nicht meine Vorfahren müssen beweisen, dass sie lange genug hier waren. Vielmehr müssen wir als Gesellschaft begreifen, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe keiner Mindestdauer bedarf. Wer sich integriert hat, gehört dazu. Und er muss sich dazu nicht assimilieren. Rassismus und Nationalismus widersprechen jeder wissenschaftlichen Erkenntnis zu Genetik und Abstammung.
Vielleicht waren meine Vorfahren Flüchtlinge, Händler, Rabbis, Bauern oder sogar Könige. Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich muss nicht wissen, woher meine Vorfahren kamen, um zu wissen, wo ich hingehöre. Und das gilt für andere Menschen genauso wie für mich.











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