Lieder, die der Herr uns lehrte

Am 21.10. wäre Lux Interior 80 Jahre alt geworden. Also her mit einer Cramps Columne. Vorhang auf für:

Lieder, die der Herr uns lehrte

Sacramento 1972: Die 19-jährige College-Studentin Kristy Marlana Wallace steht gothverlassen unter der glühenden Sonne Kaliforniens am Rand eines staubigen Highways. Vom Horizont braust der etwas ältere Erick Lee Purkhiser in einer ebenso heruntergekommen wie stilechten Limousine heran. Er gabelt sie auf. Natürlich tut er das.

Denn es handelt sich hier nicht um irgendeinen flüchtigen Moment irgendwo in Kalifornien.
Stattdessen.
Ein Augenblick, der Geschichte schreibt, namentlich:

Der Beginn einer wahrhaft großen, romantischen Liebe, die von hier fast 40 Jahre andauern wird. Nebenbei gründet das Paar als Poison Ivy Rorschach und Lux Interior die Cramps, stellt die Rockwelt auf den Kopf und erfindet Psychobilly/Gothabilly.

Musikhistorisch bedeutend?

Oh ja. Wer Cramps sagt, muss auch CBGB sagen. Neben den Ramones, Talking Heads, Television, Patti Smith Group oder Blondie waren sie einer der legendären Acts, die dieser Club hervorbrachte. Dort schärfen sie mit zahllosen Auftritten ab 1976 ihr unnachahmliches Profil, das im Frühjahr 1980 auf dem vorliegenden Meilenstein kulminiert. Die Mischung auf „Songs the Lord taught us“ ist dermaßen abgedreht, sogar obige Kollegen wirken im Vergleich nahezu konventionell. Die Cramps-Grundierung besteht aus Rock’n’Roll, Rockabilly und Blues. Unüberhörbar stehen Vorbilder wie Elvis, der Jerry Lee und Ricky Nelson Pate.

Was soll daran neu sein?

Statt einer Retro-Hommage erschaffen The Cramps ihr eigenes Universum. Pfeilschnelle Punkgeschwindigkeit, bis zum Anschlag verzerrte Fuzz-Gitarren, Garage-Rock, Surfrock und derbe Low-Fi-Ästhetik verschmelzen zum farbenfrohen Paradoxon aus Tradition und Innovation. Ihre Texte handeln von Sex, B-Movie-Horror, Sci-Fi-Stories plus allerlei surrealen Absurditäten. Alles garniert mit spielerischem S&M, Lack & Leder, Bondage, Comicstrip-Übertreibung und tonnenweise Humor voll herzerfrischender Selbstironie.

Um sich für die Aufnahmen zu dieser Platte in Stimmung zu bringen, legen sie als erste Band überhaupt einen Gig in einer geschlossenen Nervenheilanstalt, dem Napa Mental Hospital, hin. Dort spielen sie mit „TV Set“, „Mystery Plane“ und „What’s Behind The Mask“ bereits drei Nummern dieser LP. Lux: „Man sagte mir, dass ihr verrückt seid. Aber ihr kommt mir ganz normal vor.“

Der Geist dieses Konzerts manifestiert sich recht deutlich auf „Songs The Lord Taught Us“. Poison Ivy, privat eher die Sorte Kumpel von nebenan, mutiert als Leadgitarristin zum spärlich bekleideten Vamp. Lux, jenseits der Bühne ein zurückhaltender Gentleman, der sich stets betont leise artikuliert, mutiert im Studio und on stage zum ebenso manischen wie animalischen Rock-Ungeheuer von der Schwarzlederlagune. Live und bei Sessions geht er oft auf Stiletto-Pumps, mit denen er sich lasziv wie ein Tänzer bewegt.

Link full Album:

All diesen wundervoll exotischen, sexy Irrsinn transportieren sie unverfälscht auf diesen dreizehn Liedern. Besonderen Charme strahlt dabei des Sängers konstanter Wechsel vom noblem Zeremonienmeister zum energetischen Tier aus. „TV Set“ etwa beginnt relativ normal. Im Verlauf steigern sich die Vocals jedoch zum besessenen Vortrag eines Getriebenen. Kein Wunder, handelt das Stück doch von einem Serienkiller Marke Ed Gein. Der von Napa-Gig inspirierte „Mad Daddy“ krönt die Verwandlung mit etlichen „Oooh-mamamas“ und „Aaaaahahas“ zum puren Rock-Schamanismus.

„I Was A Teenage Werewolf“

Mit deutlich sexueller Konnotation illustriert „I Was A Teenage Werewolf“ die Verwandlung Rorschach/Interiors, die sämtliche Eigenkompositionen der Cramps als Duo schreiben. 30 Jahre lang bleiben die beiden die einzig konstanten Mitglieder. Als besondere Favoriten und Kultsongs etablieren sich von dieser Scheibe „Sunglasses After Dark“ und der „Garbageman“. Ersteres illustriert, welch abgedreht orgiastische Live-Energie ihre Shows verströmen. Letzterer war eines der ersten MTV-Rotation-Videos überhaupt.

Interior spielt darin eine Art Punkpriester, dessen Predigt die Faker vom Real Thing trennt wie Spreu vom Weizen. Wer echter Rock’n’Roll sein will, darf keine Angst vor etwas Dreck verspüren. „Now do you understand? Do you understand? I’m a garbageman!“

Während diese vom Herrn gesandten Lieder im damaligen Tempel der Popkultur – London – mit Berechtigung hervorragend ankamen, mithin die Spitze der Indie-Charts erklomm, reagierte ausgerechnet ihre amerikanische Heimat jenseits der Metropolen New York und L.A. zunächst eher reserviert. Die ungezügelte Lebensfreude kombiniert mit libertinistischem Eros verstörte einen Mainstream, der sich in jenen Tagen lieber dem braven Schwiegermutterliebling Shakin‘ Stevens zuwand. Tja.

Aufhaltbar war ihr Einfluss gleichwohl nicht. Iggy Pop, The Jesus And Mary Chain, Queens Of The Stone Age, Monster Magnet, Muse oder Jack White zählen zu ihren zahlreichen Bewunderern. Weder Horrorpunk, noch Death Rock oder das massentaugliche Rockabilly-Revival um die Stray Cats wäre ohne die Cramps denkbar. Mit der unwiderstehlich betitelten Hitsingle „Bikini Girls With Machine Guns“ bringen sie zehn Jahre später alles hier entstandene noch einmal auf den Punkt.

Alles ganz wundervoll, nicht wahr?

Doch keine Party währt ewig. Am 4. Februar 2009 verstirbt Lux nach einem schweren Herzinfarkt. Mit ihrer großen Liebe trägt Kristy Wallace auch die Cramps zu Grabe. Getreu beider Künstlernamen konnte es musikalisch kein Giftefeu ohne Licht geben. Zurückgezogen lebt sie in Kalifornien und schrieb seit dem Tod ihres Mannes nie wieder einen Song.

Im Gedenken an Lux Interior

From Hamburg
with Love
UK

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