In der Serie „First Contact“ eröffnet sich ein Denkinstrumentarium, wie wir mit der neuen Entität KI umgehen könnten. Wie wurde der First Contact mit fremden Zivilisationen und Spezies in der Science Fiction und Popkultur imaginiert? 1988 kam ein Film in die Kinos, der heute noch gerne zitiert wird. Er hat schlicht Kult-Status erlangt: „They Live“ (deutsch: „Sie leben“) von John Carpenter. Der Regisseur hat sich mit diesem Film eines seiner Meisterwerke geschaffen.
Die Brille
John Nada, ein gesunder, kräftiger Wanderarbeiter, kommt in L.A. an und möchte sich im Schweiße seines Angesichts den American Dream erfüllen. Er ist bereit, ganz unten anzufangen, und „ganz unten“ ist die Obdachlosensiedlung am Rande der Stadt. Dort lernt er Frank kennen, mit dem er auf den Bau geht, den blinden Priester, der dauernd vor den bösen Mächten faselt, und einige, die sich vor einem alten laufenden Röhrenfernseher entspannen. John hält seine Distanz, möglicherweise, weil er eh vorhat, sich aus diesem Milieu zu emanzipieren. Und er ist sehr aufmerksam, was hier alles vor sich geht. So entgeht ihm nicht, dass in der nahen kleinen Kirche Seltsames geschieht und als er sich hineinschleicht, entdeckt er, dass dort durch ein automatisch abgespielter Gottesdienst vom Band ein konspiratives Treffen verschleiert wird. Als kurz danach die Polizei mit großem Aufgebot und Gewalt die illegale Sperrmüll-Siedlung und die Kirche überrennt, schafftees John, sich mit einigen in Sicherheit zu bringen. Danach geht er in die Kirche zurück, um sich aus einem Versteck einen Karton zu holen, den er dort gesehen hatte, und tatsächlich war dieser bei der Razzia übersehen worden. In einer dunklen Straßenecke mit Mülltonnen öffnet er neugierig das Paket und darin sind nur Sonnenbrillen. Eine setzt er sich auf und versteckt den Rest. Mit einem Mal veränderte sich die Sicht auf die urbane Szenerie – alles erscheint in Schwarz-Weiß, große Plakate tragen seltsam einsilbige Schriften wie „Obey“, „Sleep“, „Consume“.
Ghouls
Besonders schockierend: einige der reicheren und besser gekleideten Menschen tragen grässliche Fratzen. Johns Ungläubigkeit schlägt in Sarkasmus und Spott um, bis die Ghouls sein ungewöhnliches Verhalten bemerken und anfangen, in ihre Rolex-Uhren zu sprechen und die Polizei auftaucht. John überwältigt zwei Polizisten, die selber Ghoul-Gesichter traten, nimmt ihnen die Waffen ab und ab diesem Zeitpunkt erschießt er Fratzengesichter, wo er auf sie trifft, zum Beispiel in der Bank. Er nimmt eine (menschliche) Frau als Geisel, die ihn zu sich nach Hause fahren soll. Sie heißt Holly und sie ist stellvertretende Programmdirektorin des Fernsehsenders. Sie stellt ihm eine Falle und er flieht verletzt aus ihrem Haus und lässt die Sonnenbrille zurück.
Widerstand
John geht zurück zu dem Karton mit Sonnenbrillen und versucht, seinen Bauarbeiter-Kumpel Frank dazu zu überreden, auch eine aufzusetzen. Der weiß schon von seinem Amoklauf in der Stadt und möchte nichts mit ihm zu tun haben und die beiden liefern sich darüber eine lange und heftige Schlägerei wegen dieser Sonnenbrille. John gewinnt gerade so und zwingt Frank das Sehen auf. Dieser ist jetzt bereit, John im Widerstand zu unterstützen und zusammen finden sie eine Gruppe, die inzwischen Kontaktlinsen mit derselben Fähigkeit entwickelt hat, wie die Sonnenbrillen zuvor. Es wird informiert, dass diese Ghouls Aliens sind, die mindestens seit den 50er Jahren die Erde für ihre Bedürfnisse vorbereiten, die Klimaerwärmung soll ihnen die Lebensbedingungen erleichtern. Die Verschleierung des eigentlichen Aussehens der Aliens sowie ihre Botschaften (Obey, Sleep, Consume….) wird durch ein Signal des Fernsehsenders ermöglicht. Praktisch, dass gerade Holly, die Fernsehfrau, auftaucht. Der Zuschauer und John verstehen, dass das die Gelegenheit ist, wie man zu dem Ausschalten des Signals kommen kann. Das Treffen wird plötzlich angegriffen, und John und Frank schaffen es mithilfe einer von den Aliens ergatterten Rolex ein Portal in die unterirdischen Gänge der Stadt zu öffnen.
Das Ende
Mit dem Fernsehsender als Ziel arbeiten sie sich durch, wo sie gelegentlich ein paar Ghouls erschießen, während sie die Menschen weitgehend am Leben lassen. Sie stoßen auf ein feines Galadiner, bei dem kollaborierende Menschen und Aliens es sich gut gehen lassen und der Rede eines Aliens zuhören, die wie ein Wirtschaftsjahresbericht daherkommt und die komplette Transformation der Erde für die Aliens thematisiert. Sie werden von einem der Menschen erkannt – es ist einer der Fernsehzuschauer in der Obdachlosensiedlung, der sich inzwischen in Frack und Fliege gemausert hat, offenbar angedient und dafür belohnt. Er glaubt in John und Frank frische Rekruten der Aliens zu sehen und möchte vor ihnen mit einer Führung durch das Zentrum der Macht glänzen. Der Showdown beginnt dann im Fernsehstudio und sie treffen gleich danach Holly wieder, mit welcher sie auf das Dach des Fernsehgebäudes steigen möchten, wo der Sender mit dem Signal installiert ist. Jetzt entpuppt sich Holly als Verräterin, die ihnen in den Rücken fällt und John gelingt in den letzten Sekunden seines Lebens die Zerstörung des Senders und die Andeutung des Stinkefingers mit diesem Triumph.
Stinkefinger
In einem Interview von 2013 sagt Carpenter wohl selbst: „Und ich liebe es immer noch dass ich Reagan den Stinkefinger gezeigt habe, als sich das niemand anders getraut hat.“. Für den Regisseur ist es der Konsumerismus des Heuschreckenkapitalismus der 80er, sind es die Yuppies, die er mit dem Film aufs Korn nimmt. Plakativ, direkt, ohne Subtilität. Die Obdachlosensiedlung und auch die Bewohner sind größtenteils echt, John Nada wird gespielt von einem Wrestlingstar (Roddy Piper) – die Authentizität und das reale Amerika der 80er Jahre. Dann die trashige 50er Jahre Science Fiction-Optik der Fliegenden Untertassen, die für die verwirrten Bewohner als Polizeihubschrauber erscheinen. Die realfarbig bunte Welt ist die Illusion, während sich der reale Horror mit den Ghouls und den Unterwerfungsbotschaften in einer schwarz-weißen Welt präsentiert. Ein Spiel der Offensichtlichkeiten, die sich der subtilen Intellektualisierung der feinen Gesellschaft grob entgegenstellt – Carpenter realisiert auf der Produktions-Ebene, was er auf filmischer darstellt. Das, was die armen Los-Angeles-Bewohner ohne Brille im Film sehen, das sahen auch die, die real in Los Angeles auf den Brachen der Slums lebten. Es gibt die Drei-Klassen-Gesellschaft: Die Aliens, die die Ausbeutung der Erde als Geschäft sehen, dann: die reichen Irdischen, die kollaborieren und sich ihren Anteil am Kuchen sichern wollen und der Rest, der in Unwissenheit gehalten wird, um still und gehorsam zu bleiben. Diese kümmern sich entweder wie Frank im täglichen Kampf ums Überleben nicht mehr um Wahrheit und die anderen großen Ideen, oder glauben noch – wie John –, es läge lediglich an ihnen, sich aus dem Elend herauszuarbeiten.
Ära Reagan vs heute
Was Carpenter damals so wütend gemacht hat, dass es ihn zu dieser Kapitalismuskritik brachte, war, dass in der Ära Reagan die Schere zwischen Arm und Reich stark aufging, aber vor allem, dass Reichtum und Konsum offen als dominanter Wert zur Schau gestellt wurden. Der reichste Amerikaner damals war Sam Walton von Walmart, mit: 6,7 Milliarden US-Dollar! (in heutigem Wert ca. 18 Mrd.) und die Medien berichten von insgesamt 51 Milliardären. Um auf die Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner zu gelangen, brauchte man immerhin 225 Millionen Dollar. Heute sieht diese Liste anders aus, die Anzahl der Milliardäre liegt bei fast 1000 , und bei den Tech-Milliardären der Welt dominieren diejenigen aus den USA.
Im Vergleich dazu reden wir bei den unteren und der Mittelschicht von weit geringeren Entwicklung, insgesamt von einer Verarmung. Carpenter hätte sich nicht träumen lassen, dass es noch weit weit schlimmer kommen wird.
In „Sie leben“ spricht der Redner bei dem Galadiner davon, dass die Übernahme der Erde 2025 abgeschlossen sein wird. Es passt gerade makaber dazu, dass in unserer Realität gerade vor einem Monat die Erderwärmungsprognose nach oben korrigiert wurde – um 2,8 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts. Und dass für die neuen Rechenzentren, welche die KI-Betreiber jetzt in Planung geben, viele Energie-liefernden Kraftwerke noch nicht mit bedacht wurden, macht das Ganze noch düsterer.
Konsum und Kollaboration
Der Konsum bei Carpenter sieht noch sehr bodenständig aus, es geht um Luxus für den Menschen. Aber heute? Da sprechen wir über den Konsum der KIs und deren Hunger nach Energie. Bei Carpenter ist der Sinn dieser Verführung zum Konsum dazu da, dass die Bevölkerung sediert wird, und die wahren Machenschaften und Veränderungen durch die Aliens nicht gesehen werden. Und die kollaborierenden Menschen können schon profitieren, indem sie auf andere Planeten reisen. Während die normale Bevölkerung in Armut und Hilflosigkeit sich ausbeuten lässt.
Unsere heutige Verheißung, nicht nur in Amerika – ist die schöne neue KI-Welt, mit diesem Griff nach Wissen und Erkenntnis, jedem Laien sein perfektes Bild, seine eigene neu programmierte App, sein Roman, sein Finanzplan, sein Arzt ….. Konsumieren wir Tokens! Gehorchen wir dem Ratschlag! Und einer der Tech-Milliardäre baut an der Rakete zum Mars.
„Bleibe wach!“
Womöglich ist es aber eher die fiebrige Rastlosigkeit der rasanten Entwicklungen, dazu die ständige Aufmerksamkeit der sozialen Medien und der globalen politischen Bewegungen, die uns nicht schlafend, sondern im Gegenteil schlaflos macht, erschöpft. Die dritte Aufforderung ist: Bleibe wach! Und dieses Wachbleiben zerrt an uns von allen Seiten. Die Eigenschaft an John Nadas Brille, die uns am meisten interessieren würde, ist die der Reduktion, das Schwarz-Weiße, das Klarwerden der Botschaft. Was wir aber nicht wissen, ob wir erkennen werden, dass vor uns diese eine Brille liegt, denn die Verheißungen der Zukunft legt uns quasi ein Potpourri von Brillen vor, die alle eine neue Sicht ermöglichen.











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