Ein Teil meiner Familie stammt aus Sachsen-Anhalt. In den Jahren 1979 und 1981 bin ich als gebürtiger Westdeutscher im jugendlichen Alter mit meinen Eltern bei der lieben Verwandtschaft in der damaligen DDR zu Besuch gewesen. Vornehmlich haben meine Eltern Köthen, Dessau (heute Dessau-Roßlau) und Halle an der Saale besucht.
Eine Weltreise in ein mir unbekanntes Land, keine 200 Kilometer von Hannover entfernt.
Der Begriff des alten Dessauers ist mir seit meiner Kindheit bekannt. So stark war der Bezug meines Vaters zu seiner Geburtsstadt. Gemeint war allerdings immer Leopold I. – ein Askanier, Generalfeldmarschall und Fürst von Anhalt-Dessau im 17. und 18. Jahrhundert.
Dann war ich auch mal da, in dieser Stadt, in der sich meine Eltern kennen und lieben lernten. Wir standen am sog. „Neuen Wasserturm“, der seit den 1930er-Jahren nicht mehr als solcher betrieben wurde. In der Raguhner Straße überwucherte die Natur 1979 Restmauern von ausgebombten Häusern des lang zurückliegenden Krieges. Da irgendwo musste das Grundstück meiner Großeltern gewesen sein. Zwei Jahre später saniert und mit Platte überbaut.
Anbei lauter Namen, von alter Kultur zeugend: Lutherstraße, das Askanische Tor, die Gutenbergstraße. Und der Blick auf diesen über die Jahre verrußten Turm. Da, in dieser Umgebung, haben sich meine Eltern einst in der Schule kennengelernt.
Fußball in der DDR-Oberliga!
In Halle an der Saale fragte mich der Sohn der Schwester meiner Großmutter (ein gewisser Kurt) vor dem Denkmal des Georg Friedrich Händel, was dieser denn vorstellen würde. Die richtige Antwort: „Nu – den rechten Fuß.“ So lernte ich auch den regionalen Humor kennen. Sehr humorvoll, das.
Kurt galt als was Besseres. Er war ein sog. Geheimnisträger, weil er einen erhöhten Posten in der Möbelbranche belegte. Im Gegensatz zu unseren anderen Verwandten stand im Flur ein eigenes Telefon, schwarz, in ein wunderbares Stoffkleid aus beigem Karton gehüllt. Damit musste er unseren Westbesuch offiziell melden.
Dann holten mich die Verwandten aus Köthen mit einem gelben Wartburg ab. Die Rückbank wurde immer geputzt, weil wir unseren Hund dabeihatten. Ein verwöhntes Westtier, welches irgendwann sogar Frolic verschmähte und im Osten Dreck machte. Für mich ging es zum Fußball mit dem Sohn einer meiner Großtanten und dessen Schwiegersohn, der Rockplatten von Queen und Status Quo besaß und somit cool war.
Im Kurt-Wabbel-Stadion zu Halle stieg die Oberligapartie Hallescher FC Chemie gegen Hansa Rostock. Die Begegnung endete 4:2 für die Hallenser. Bereits beim Einlass machte man dumme Witze über meine langmähnige Dauerwelle und meinen Kunstledermantel.
Kurt Wabbel war übrigens ein KPD-Funktionär des Nazi-Widerstands, der 1944 im KZ-Außenlager Wernigerode tragisch zu Tode kam.
Mein Vater sagte: „Ja, wenn viele Tore fallen, dann ist das ein gutes Spiel!“ Ein Spiel zweier Vereine, deren heutige Fanbase so kräftig ins rechte Lager abgerutscht ist, dass man als St.-Pauli-Fan sehr froh darüber ist, wenn man die nicht im Pokal zugelost bekommt.
Bauhaus Dessau!
Der ganze kulturelle Stolz meines Vaters war das Walter-Gropius-Bauhausgebäude zu Dessau. Gropius entwarf das Haus im Geburtsjahr meines Vaters 1925. Dort entstand dann eine Kunstgewerbe- und Handwerkerschule. Die Nazis ließen sie 1932 schließen.
Heute bezeichnen die Menschen in der Partei, die in Sachsen-Anhalt den Ministerpräsidenten stellen will, die Architektur als wurzellosen globalen Einheitsbrei. Die AfD um Ulrich Siegmund herum meint, dass eine patriotische Wende vollzogen werden müsse. Damit wird die Tradition der Begriffe wie „entartet“ und „undeutsch“ aufgegriffen, ohne rot zu werden und ohne sich in den Grundfesten der eigenen Existenz zu schämen.
Für mich war die Heimat des Vaters (meine Mutter war tatsächlich am Rhein geboren und eine Zugereiste) immer ein Ort der Kultur. Die Wurzel seines künstlerischen Denkens und Schaffens. Eine Umgebung, in der er die großen Meister der bildenden Kunst inständig und ehrlich verehren konnte und ihnen, mit einem großen Talent gesegnet, nacheifern durfte.
Simson!
Wir waren viel unterwegs auf diesen zwei Verwandtenbesuchstouren in der damaligen DDR 1979 und 1981. Auch in den Dörfern in Sachsen-Anhalt und Brandenburg – bei Vaters Kusinen in Eisenhüttenstadt und Krügersdorf, welches seit 1993 zur Stadt Beeskow gehört. Dort soll angeblich eine Familienwurzel von uns liegen, weil recht viele von uns den Namen Krüger tragen.
Dort stand auch die eine oder andere Simson. 1981 waren wir aber mit einem goldenen Westwagen dort. Metallische Haut und sechs Zylinder, wie mein Vater nicht selten betonte. Ein Fahrzeug der Firma Ford, dass die Familie nach langer S-Bahn-Fahrt nach Hamburg-Poppenbüttel als Jahreswagen erwarb.
Das Dorf sammelte sich um unser Auto, und die Simson-Mopeds standen scheinbar unbeachtet und selten benutzt herum. Zwei Jahre zuvor waren wir noch mit einem grünen Volkswagen dort aufgetaucht. „Ach, ihr habt ein grünes Auto!“, bemerkte noch die Kusine meines Vaters erstaunt. „Nehmen Sie Grün, das hebt!“, antwortete Mutter lachend.
Dabei hätte das Moped Simson in der Tat mehr meine Aufmerksamkeit verdient gehabt. Zumindest damals. Löb und Moses Simson hatten im 19. Jahrhundert einst als geschäftstüchtige jüdische Bürger dieses Unternehmen in Suhl gegründet. Das Grab von Moses liegt noch heute auf dem jüdischen Friedhof Suhl-Heinrichs in Thüringen. Simson war stets ein Unternehmen ohne nationalistischen Fahneneid.
Die Nachfahren von Moses: Arthur, Julius, Rosalie und Minna, flohen 1936 aus Nazi-Deutschland in die Staaten.
Dass ein rechtsextremer Kandidat für das Amt des Landeschefs in Sachsen-Anhalt sich heute mit Tausenden Anhängern auf so ein Moped setzt und mit ihnen grienend Selfies macht, hätte mein Vater als mediales Aushängeschild für seine Heimat nie gewollt.
So bleibt mir heute im Sinne meines Vaters, dem Land Sachsen-Anhalt für die Zukunft nur das Allerbeste zu wünschen.
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