Nachdem der Tag schon lange erwacht ist, beginnt meine Zeit der inneren Einkehr. Dann setze ich mich an meinen Schreibtisch und betrachte ihn zunächst sehr leise. Ich mag Vormittage.
Beruflich bedingt arbeiten meine KollegInnen und ich in Früh-, Spät- und Nachtschichten. Ich habe seit geraumer Zeit das Privileg, meine Dienste erst am Nachmittag beginnen zu dürfen. Am Vormittag geht es also um meine private Einkehr. Durchschnittlich schäle ich mich zwischen neun und elf Uhr aus dem Bett. Der erste Blick erfolgt auf die Wetter-App, der zweite dann auf den Regenradar in weiser Voraussicht auf spätere Bekleidungsentscheidungen. Früher habe ich Frösche angerufen und auf die Uhr geschaut, wann im Fernsehen die nächste Wetterkarte gezeigt wird.
Sehr viel früher war ich mit dem Fahrrad zur Schule unterwegs und habe interessiert Wolkenformationen nachgesehen. Temperaturen waren mir egal. Wichtig war nur, dass dieser Schultag schnell genug vorbeiging.
Denn heute weiß ich: Es gibt Besseres, mit Vormittagen anzufangen, anstatt sie in der Schule verbringen zu müssen. An diesen Vormittagen fließt mir manchmal geträumter Blödsinn aus den Fingern.
Zeit zum Schreiben!
Am Vormittag beginne ich, mich schriftlich aufs Texten einzulassen. Ich beginne zu schreiben. Dazu benötige ich zwei große Becher Kaffee. Bunte Becher – Farben sind dabei wichtig um mich herum. Monochrome Autorenfilme waren für mich immer ein wunderbares Produkt. Aber zur Produktion einer Schwarz-Weiß-Konzentration brauche ich Farben. Farben sind für mich vielleicht auch das, was Motivationssprüche für ManagerInnen sind.
Ich denke dann aber nicht an den Erfolg, sondern ich folge der Atmosphäre des Tages. Manche legen sich dafür nach Sonnenaufgang in Raureif und erwachen derart, um frisch und dynamisch zu werden. Der Vormittag ist recht ruhig und angenehm. Selbst im Supermarkt und auf den Wochenmärkten sind zu bestimmten Zeiten zwischen acht und zwölf fast nur Einkaufsprofis unterwegs. Menschen mit Ziel. Sie kaufen ein, ohne herumzuirren, ohne einem ständig vor den Einkaufswagen zu laufen und zu behaupten, sie wären schwer verletzt worden. Die Menschen sehen auch chilliger aus als später. In der Regel nicht mehr verschlafen und noch nicht sozusagen für den abendlichen „Opernball“ aufgebrezelt und nicht hart am Salz geschminkt. Die Kassiererin grüßt freundlich mit einem weichen stimmlichen Abgang und verwickelt mich nicht in schenkelklopfende Privatgespräche. Sie vergleicht sich selbst auch nicht mit Käsesorten, mit deftigen weiblichen Zuordnungen, welche mir vergleichsweise die Scham- oder Zornesröte ins Gesicht zaubern sollen. Zumindest nicht an sog. Werktagen.
Der Vormittag am Sonntag!
Ein Vormittag am Sonntag ist allerdings am besten. Die Geschäfte sind geschlossen. Die Gefahr, die von Verirrten in Supermärkten ausgeht, fällt aus. Es herrscht Aufbackbrötchen-Atmosphäre. Ich kann mir meist befreit Notizen machen. Wenn ich keinen Dienst habe, dann zieht sich der Vormittag schon gerne mal bis zum späten Nachmittag. Und anstatt „kein Bier vor vier“ gibt es den ersten Kaffee vielleicht sogar mit kühner Zimt-Note. Dann kann es passieren, dass ich sogar von der einen oder anderen von mir geschriebenen Zeile überzeugt bin.
Ich erinnere mich noch, wie an einem Sonntagvormittag in meiner Jugend eine herrliche Doku über einen Liedermacher im Fernsehen lief. Friedlich-sittlich mit dieser herausragend anregenden Tatsache schaltete ich so gegen 10:30 Uhr den Fernseher an, was meinen Vater dermaßen in Rage versetzte, dass ich auf die Sendung verzichten musste.
„Heidi“ als Zeichentrick nach dem Sonntags-Fleischverzehr war aber okay. Zeitgleich legte sich Vater ohnehin immer zum Mittagsschlaf auf die Wohnzimmer-Couch. Im Gegensatz zu mir hatte er ja den Sonntag mit meditativen Tätigkeiten wie Pinselreinigen und Zeichnen verbracht.
Als ich dann daheim ausgezogen war, ließ ich in voller emanzipatorischer Absicht „Ruck Zuck“ und ähnlich einst beliebten Trash der damals neuen Privatsender im Hintergrund laufen und übte mich selbst am Bleistift zur Illustration meiner „lustigen“ Geschichten. Zu dem Zeitpunkt war mein Vater bereits in Rente gegangen, und der Farbfernseher brachte ihm von früh bis spät sog. Fernsehkultur und solche Sachen.
Der kreative Vormittag!
Der Vormittag ist für mich auch immer gerne die Zeit für Spaziergänge an die naheliegende Alster – ohne Familie, ohne Haustier und mit Kamera. Neue Farben, um schreiben zu können. Anschließend dann vielleicht noch ein halber Buntbecher-Kaffee.
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