Bevor das Modell der persönlichen Assistenz für Menschen mit Behinderung angeboten werden konnte, gab es diverse Initiativen für mehr Sichtbarkeit und Teilhabe. Z. B. die selbsternannte „Krüppelbewegung“. Der Dokumentarfilm „Crip Camp“ (Sommer der Krüppelbewegung) zeigt, wie Menschen mit Behinderung in den USA für ihre Rechte kämpften.
Nachdem meine Assistenznehmerin und ich „Sommer der Krüppelbewegung“ auf Netflix gesehen hatten, verharrten wir zunächst in stiller Einkehr. Das eben Gesehene mussten wir beide erst einmal in Ruhe verarbeiten: beeindruckend, stark, bewegend!
„Ohne diese Leute von damals würde ich jetzt hier nicht als dein Assistent sitzen dürfen“, sprach ich zu meiner Assistenznehmerin, als ich wieder Worte fand.
Die 106-minütige Doku erschien 2020, eine Produktion von Michelle und Barack Obama. Alles begann im Camp Jened im Jahre 1971. Der Ausgangspunkt der Independent-Living-Bewegung. Hippies halfen ihren Freundinnen und Freunden, die aufgrund ihrer Behinderung nicht als vollwertige Mitglieder der amerikanischen Gesellschaft angesehen wurden. Das New Yorker Ferienlager organisierte sich selbst.
James LeBrecht!
James LeBrecht führte gemeinsam mit Nicole Newnham Regie. LeBrecht wurde mit Spina bifida geboren – demzufolge konnte er u. a. seine Beine nicht bewegen. 14-jährig lernte er das Camp Jened in den Catskill Mountains im Staate New York kennen. Dort freundete er sich mit anderen behinderten Jugendlichen an. Sein Kampf für die Barrierefreiheit begann. Später gab er Rechtsberatung für Menschen mit Behinderung und tat letztlich das, was heute u. a. der Mutterverein meines Arbeitgebers macht: „Autonom Leben e. V.“
Verstörende und Mut machende Bilder!
Man sieht junge Menschen der 1970er-Jahre, wie sie zusammensitzen und einen Essensplan erstellen. Die S/W-Aufnahmen dieser Zeit zeigen Jugendliche, die in ihren Rollstühlen unversorgt und krumm, beinahe wie eingepfercht wirken. Rollstühle dieser Zeit, die technisch keineswegs auf die für die Behinderung erforderlichen Bedürfnisse zugeschnitten waren. Klobige und kantige Standardmonster, wie aus alten Filmen aus dem einstigen Klinik- und Heimalltag. Schon allein optisch verursachen diese Bilder Schmerzen.
Der Film zeigt aber auch, wie diese Menschen mit ihren helfenden Kumpels lachen, gute Laune haben, eine lebenslustige gemeinsame Zeit verbringen. Ein gewissermaßen zentraler Satz prägt diese beginnende Bewegung. Ein Satz, der von Helferinnen und Helfern kam: „Wir haben damals verstanden, dass nicht die behinderten Jugendlichen das Problem waren, sondern wir waren das Problem – wir, die Nichtbehinderten, unsere Vorstellung von Behinderung.“ Ein Satz, der zu einem grundlegenden Bewusstsein führt – ja, zwangsläufig führen muss.
Im Camp dürfen die jungen Menschen ihre erste Liebe erleben. Das bringt jede Menge Energie für einen beeindruckenden Aufbruch. Dass sie von der Gesellschaft stets eine stupide und ignorante Benachteiligung erleben, nehmen diese Menschen nicht weiter hin.
Up the Steps of the Capitol!
Es war der 12. März 1990, als dann sechzig Menschen mit Behinderung ihre Rollstühle und andere Hilfsmittel verließen, um auf allen Vieren die Marmortreppe des US-Capitols in Washington, D. C., zu erklimmen. Ein Symbolbild. Verheerend für die zum großen Teil auch noch heute herrschenden Verhältnisse. Dieser „Capital Crawl“ forderte das Antidiskriminierungsgesetz Americans with Disabilities Act (ADA).
Hindernisse wurden mit diesen Bildern für eine große Öffentlichkeit sichtbar. Die Welt konnte zuschauen, wie die gesellschaftlichen Barrieren strukturell – bewusst und gesellschaftlich unreflektiert – glasklar wurden. Das Capitol als öffentliches Gebäude war für Menschen mit Behinderung nicht barrierefrei und somit nicht für die komplette Gesellschaft zugänglich.
Präsident George H. W. Bush unterschrieb den ADA am 26. Juli 1990, nur wenige Monate nach dem „Capital Crawl“ – wohl der Meilenstein im Sinne eines heute sehr gebräuchlichen Wortes war vollbracht: „Inklusion“.
Assistenz für Menschen mit Behinderung in Deutschland!
So passt es zeitlich sehr gut, dass aus der deutschen „Krüppelbewegung“ im Oktober 1990 die Assistenzgenossenschaft Bremen entstand. Der erste Dienstleistungsanbieter dieser Art in der Bundesrepublik. Mein Arbeitgeber, die HAG, ging dann in Hamburg 1994 an den Start, und 1999 folgte ich selbst als assistierende Person.
So ist „Crip Camp“ (Sommer der Krüppelbewegung) eine unverzichtbare Dokumentation, welche den Sinn jeden Handgriffs in meiner assistierenden Funktion mir noch einmal auf eindringliche Weise vor Augen führt.
Titel: Sommer der Krüppelbewegung
Originaltitel: Crip Camp
Produktionsland: USA
Originalsprache: Englisch
Erscheinungsjahr: 2020
Länge: 106 Minuten
Stab
Regie:
James LeBrecht,
Nicole Newnham
Drehbuch:
James LeBrecht,
Nicole Newnham
Produktion:
Sara Bolder,
James LeBrecht,
Nicole Newnham
Musik:
Bear McCreary
Kamera:
Justin Schein
Schnitt:
Alex Odesmith,
Mary Lampson,
Eileen Meyer
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