Ich hatte nie ein Herz für Nürnberg. Aber diese Stadt ragte immer wieder in mein Leben hinein, ungefragt; und winkte manchmal mit einem ganz schön dicken Zaunpfahl. Heute habe ich mich zum ersten Mal ernsthaft gefragt, ob sie nicht recht hatte damit.
Die erste Stadt, die man in Deutschland sah, wenn man 1989 als Aussiedler aus Rumänien kam, wie ich, war Nürnberg. Dort am Hauptbahnhof kam der Zug an, und dort wartete ein Bus auf einen, um die Mitreisenden einzupacken und dann fuhr man zu den beiden Hochhäusern neben den Grundig-Werken, die es heute nicht mehr gibt. Genau gegenüber vom Zeppelinfeld.
Federball am Zeppelinfeld
Es ist schon ein wenig absurd, dass man als Teenager erstmal unbedarft dort Federball spielt, wo man diese berühmte Szene der Sprengung des Riesen-Hakenkreuzes schon vorher aus dem Film „Urteil von Nürnberg“ kannte. Aber noch nicht diese Schwere der Schuld spürte, die man dann im Curriculum der Schule nach und nach erfährt.
Diese zwei Hochhäuser, die damals noch die große Schrift „Grundig“ für das angrenzende Werk trugen, bedeuteten für mich drei Wochen Erstheimat. Mit Stockbetten im Mehrfamilienzimmer und einem gelben Laufzettel mit 20 Stationen, die man in diesen Hochhäusern abarbeiten musste. Drei weiß ich noch: Den Arzt mitsamt Röntgengerät, den Staatsschutz, bei dem nur meine Mutter als Erwachsene hinmusste und das letzte Zimmer, wo man gefragt wurde, in welches Bundesland man denn ziehen möchte. Und dann war man draußen. Einmal gingen wir in der Zeit zu Fuß bis zum Franken-Center – in meiner Erinnerung eine riesige Lokalität und hochmodern. Das bisschen Geld, das mir Verwandte zugesteckt hatten, gingen auf eine hässliche Jeans für 20 DM. Aber Jeans!
Wiedersehen der Hochhäuser
Im letzten Jahr bin ich zum ersten Mal wieder bei den Hochhäusern gewesen. Sie sind immer noch Erstaufnahmeeinrichtung, diesmal für Geflüchtete. Mit meiner Familie liefen wir dann um die Dutzendteiche herum, und bekamen konzentriert Nürnberg, deutsche und meine Geschichte, ein bisschen aufgelockert mit Grünfläche, zu sehen. Im Hans-Morlock-Stadion gleich nebenan, da lief das Spiel gegen Dynamo Dresden. Und wir liefen am Dokumentations-Zentrum zurück.
Franken-Center
Ich bat meinen Mann, dass wir noch einen Abstecher über das Franken-Center machen, damit ich meine Erinnerung abschließe. So sieht also Verfall mit Aufbäumen aus. Leerer Parkplatz, ausgeblichene Schriftzüge, kleine, uninteressante Läden in der Ladenstraße. Aber vielleicht habe ich inzwischen auch schon KaDeWe in Berlin und Galerie Lafayette in Paris zum Vergleich und dagegen kommt man nicht an. 1969 war seine Eröffnung, und das sieht man eben.
So nah – so fern
Ich habe in Erlangen studiert und dort noch lange danach gewohnt, es wurden 20 Jahre, in denen ich außerdem noch meinen Mann heiratete und unsere Kinder zur Schule brachte. Nürnberg in 20 km Entfernung: so nah und doch so fern. Klar war ich manchmal in der Stadt, aber meist kurz und im üblichen verdächtigen Innenstadtbereich. Selbst ein guter Freund tat mir nicht den Gefallen außerhalb des Kerns zu wohnen. Immerhin hatte mein erster Freund die Wohnung gegenüber vom Kraftwerk und immer, wenn ich heute in die Stadt fahre, komme ich dort vorbei.
Aber außer ein bisschen mehr Sandsteinbauten und den Christkindlesmarkt? Ok, natürlich – die Kaiserburg und der Stadtgraben. Jaja, und das Cinecitta – das in den 90ern ein Pionier der deutschen Multiplex-Landschaft war und so erfolgreich, dass selbst die Betreiber überrascht waren. Na gut, dann eben auch die schweren Brocken wie Zeppelin-Feld und Dokumentations-Zentrum. Und die Stelen mit den Menschenrechten vor dem Germanischen Nationalmuseum. Und der Plärrer mit der verwirrendsten Verkehrsführung Deutschlands. Aber mehr?
Tupfer
Ich bin in letzter Zeit häufiger in der Stadt, weil meine Familie sich beruflich und wegen Studium zum Teil dahin begeben hat. Ich fahre halt an einigen Wochenenden dahin. Weil ich einen Film sehen wollte, habe ich vor wenigen Wochen das kleine linke und alternative Casablanca mit meinem Mann besucht und fand es ziemlich urig mitten in einem Viertel, wo jemand mit Plakaten rumlief, die er aufkleben wollte, wo die Rote Fahne der Revolution drauf prangte. Not my cup of tea, aber als Tupfer und Kontrast? Absolut!
Mehr
Ich muss zugeben, ich liebte es eigentlich, völlig faul in der Wohnung zu sitzen und Kolumne zu schreiben, während Mann und Sohn mich bekochen. Aber heute früh wollte ich mehr und das Wetter hatte die perfekten Voraussetzungen für draußen geboten: Sonnenschein und maximal 21 Grad. Die Kaiserburg ist inzwischen nur noch Kulisse für mich, man muss halt drüber, wenn man in die City läuft, aber heute spielte eine junge Frau dort auf ihrem Cello die richtige Melancholie, um uns zu erfreuen. Und die Touristen waren weder zu dicht gedrängt noch laut, noch nur von einer Sorte, sondern erfreulich gemischt. Und dazwischen natürlich auch fränkisch aussehende Leute, aber so genau weiß ich es nicht, denn dieses Völkchen ist eher still und mundfaul und Zugereiste nach und nach auch zu solchen mutiert, so dass man sie nicht mehr voneinander unterscheiden kann.
Flanieren
Wir fanden die „Mischbar“ an der Pegnitz und entschieden, dass unser Frühstück dort stattfinden solle, was sich als ausgezeichnete Wahl erwies. Ich kann die vegane Platte empfehlen, bunt und reichhaltig und mein Mann freute sich besonders über die frischen Avocado-Scheiben. Anschließend flanierten wir, und folgten unseren nicht besonders ausgeprägten Sehnsüchten, liefen mal in das „Hong Kong“-Kaufhaus und dann mit deutlich stärkerem Sog in den Ultracomix. Kult, wem Kultstatus gebührt. Dass da eine ganze Wand an Rollenspiel-Anleitungen zu finden war, begeisterte selbst mich, die ich mich nie damit befasst hatte. Mein Mann grummelte etwas, dass wir beide uns unbedingt noch etwas kauften, aber bei dem für Nerds wie uns verführerischen Angebot sind wir mit 45 Euro noch gut davongekommen.
Liebevoll arrangiert
Und dann nutzte ich einen Moment der Ablenkung meines Mannes durch das Handy, um den „schönsten Laden Nürnbergs“ zu betreten und mir von den beiden Verkäuferinnen eine Handsalbe auf Kartoffelbasis erklären zu lassen. Dass der Laden liebevoll arrangierte Naturkosmetik und geblümtes Service zeigte, nahm ich trotz keinerlei Interesse daran, sehr erfreut zur Kenntnis. Auch Sachen, die nicht zu einem selbst passen, können das Herz aufgehen lassen.
Lego und Hans Sachs
Der Lego-Shop gehört inzwischen zu unserer Konsumflaneur-Routine, aber irgendwie schaffte es der Laden diesmal, uns besonders hübsch zu überraschen, etwa mit dem Donkey Kong Retro-Charme und mit dem präsentierten Jurassic Parc-Set.
Der Hans-Sachs-Brunnen, kaum erreichbar durch die darum herum stehenden und wogenden Besucher, glänzte bronzen und leicht messing-gold, herrlich selbstironisch, vor allem da auf der Schulter der Dichter-Figur eine Taube unbeeindruckt sich ins Ensemble drängte.
Unprätentiös
Und dann gab es neben dem kommerziellen Panoptikum, das bis in kleine Gassen und Gässchen ging, noch die Menschen. Ob Goths und Touristen, einem Geschäftsmann mit Einstecktuch und tadellosem Haarschnitt, der sich von einem Profi fotografieren ließ, die lautstarken Obdachlosen, die die Sonne lachend genossen, Junge und Alte, Normale und Auffällige, Schnelle und Langsame … Die Stadt zeigt sich unprätentiös und dennoch mit ästhetischen Inseln, robust und trotzdem mit Charme. Als ob sie es gar nicht nötig hat, mich zu überzeugen, sie musste nur lang genug warten.











Leave a Reply