Derartig lange als Persönlicher Assistent zu arbeiten wie der Autor Matthias von Schramm, ist eher der Ausnahmefall. Mittlerweile sind es fast drei Jahrzehnte. Typischerweise arbeiten die Menschen in diesem Job so lange, wie ein verlängertes Praktikum dauert, oder sehen die Assistenz als Studentenjob. Immerhin hat der Autor in jungen Jahren zwanzig Monate Zivildienst als wirklich lange Zeit empfunden. Aber egal, wie lange man dieser Tätigkeit nachgeht: Assistenz ist in erster Linie nicht mit Freundschaft gleichzusetzen.
Der Hinweis auf die Arbeitszeit in so einem Job wie in der Persönlichen Assistenz kommt nicht von ungefähr. Denn je länger man bei einer Person als Persönlicher Assistent tätig ist, desto stärker wächst die Vertrautheit. Da kommt es eben auch immer wieder zu Gesprächen, die man auch mit seinen FreundInnen führen würde. Der private Beziehungskosmos des Menschen mit Behinderung, bei dem man assistierend tätig ist, wird einem immer bekannter. Man lernt FreundInnen, Familie, PartnerInnen kennen.
Man tauscht selbstverständlich Dinge aus, bei denen man das Gefühl hat, dass man sich stark mit der/dem AssistenznehmerIn solidarisieren muss. Letztlich begleiten derartige Tätigkeiten wie Essen anreichen, Intimpflege, Ankleiden etc. einen dabei. Wenn man dann hört, dass der/die AN mit jemandem im Streit ist und die Person davon betroffen oder gar angefasst ist, ist man schnell auf der Seite des/der AN. Letztlich kennt man eben sein Gegenüber sehr gut und möchte auch, dass es der Person im privaten oder auch beruflichen Umfeld wohlergeht.
Assistenz statt Freundschaft!
AssistenznehmerInnen haben ein soziales Leben. Das ist je nach Person unterschiedlich intensiv. Bei manchen Menschen gibt es nur wenige private Kontaktpersonen, und wir AssistentInnen spielen dann als Teil des sozialen Umfelds naturgemäß eine größere Rolle. Wir sind dann die Leute, die immer wieder da sind – ein verlässlicher Faktor gegen die Einsamkeit. Dennoch bleiben wir AssistentInnen, und es wachsen nicht automatisch Freundschaften zwischen der Person im Rolli und der laufenden Begleitung.
Meine Assistenznehmerin betont immer, dass ihr Leben arm wäre, wenn ihre FreundInnen die AssistentInnen wären – und zwar ausschließlich. Deswegen pflegt sie auch besonders ihre Kontakte außerhalb unserer Dienstleistung.
Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass es durch lange Assistenzen zu Freundschaften kommt. Man hat ähnliche Hobbys, hört die gleiche Musik, debattiert gerne über dieselben Themen. Letztlich hat man immer die eine verbindende Sache: die Assistenz selbst.
Letztlich weiß man nicht, wie lange diese Dienstleistung möglich bleibt. Und nicht nur, weil nach der Wahl in Sachsen-Anhalt für die Inklusion Feierabend sein soll, sondern auch, weil die Sozialpolitik der aktuellen Bundesregierung vielen Menschen große Sorgen bereitet.
Wie kommt man zusammen!?
Eine Assistenz entsteht eben nicht über ein Freundschaftsportal. Sondern es gibt eine Stellenausschreibung, in der sich der/die potenzielle AN vorstellt. Sie beschreibt ein wenig das eigene Leben, den Pflege- und Assistenzbedarf – bestenfalls kennt sie schon einen möglichen Rahmendienstplan. Man weiß dann, wann die Person aufsteht, wann sie arbeitet und welche Freizeitangebote sie mag und wann der Tag gewöhnlich endet. Dann stellt man sich als potenzieller Assistent bei der Person vor. Danach erklären beide, ob sie sich grundsätzlich eine Zusammenarbeit vorstellen können oder nicht.
Das klingt einigermaßen nüchtern, obwohl es um so viel Menschliches geht. Aber dieser Ablauf ist wichtig – man sucht keine FreundInnen, sondern einen bestenfalls angenehmen Job. Man begleitet eine Person im Alltag, ist immer zugegen, aber, so seltsam es klingt, man ist eben auch dazu da, die Privatheit dieser Person so wenig wie möglich zu stören. Es ist eben nicht die Aufgabe, irgendwann zum besten Freund zu generieren. Die Aufgabe besteht darin, ein guter Assistent zu werden. Und was ein guter Assistent letztlich ist, das wäre dann Inhalt eines weiteren Kolumnenteils.
Eins ist aber auch klar: Entsteht doch eine Art Freundschaft durch diese berufliche Zusammenkunft, dann ist das nicht gleichbedeutend mit fehlender Professionalität. Es ist dann aber ein Zustand, der anders zu bewerten ist und der die eigentlichen Basisaufgaben des Jobs nicht behindern darf.
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