Lieber Pluto,
vor zwanzig Jahren und einem Tag hat man dir etwas weggenommen. Zumindest fühlte es sich für viele Menschen so an. Am 24. August 2006 entschied die Internationale Astronomische Union, dass du künftig nicht mehr als neunter Planet unseres Sonnensystems gelten solltest. Stattdessen bekamst du einen neuen Titel: Zwergplanet. Man könnte sagen, du wurdest degradiert. Nach 76 Jahren im exklusiven Klub der Planeten plötzlich nur noch „Zwerg“. Nicht einmal eine Abschiedsfeier gab es. Keine goldene Uhr für langjährige Mitgliedschaft, keinen Blumenstrauß und vermutlich nicht einmal ein freundliches Schreiben der Personalabteilung. Dabei hast du nichts falsch gemacht. Du bist heute noch genau derselbe Himmelskörper wie am Tag zuvor.
Vielleicht ist das auch der wichtigste Punkt dieser ganzen Geschichte: Nicht du hast dich verändert. Unser Wissen über dich und deine kosmische Nachbarschaft hat sich verändert. Und du warst für uns Menschen nicht irgendein Planet. Du hattest sogar deinen festen Platz in einem Satz, den Generationen von Schulkindern auswendig gelernt haben:
Mein Vati Erklärt Mir Jeden Sonntag Unsere Neun Planeten.
Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun – und am Ende du, Pluto.
Vielleicht erklärt dieser kleine Merksatz besser als jede wissenschaftliche Abhandlung, warum so viele Menschen deine Umgruppierung persönlich genommen haben. Plötzlich funktionierte etwas nicht mehr, das seit der Schulzeit fest im Kopf saß. Neun Planeten. Das war eine abgeschlossene Sache. Bis die Wirklichkeit komplizierter wurde.
Als Clyde Tombaugh dich 1930 entdeckte, warst du etwas Besonderes: ein neuer Himmelskörper weit hinter Neptun. Schnell bekamst du den Platz als Planet Nummer neun. Damals wusste allerdings noch niemand, wie voll deine Gegend tatsächlich ist. Mit der Zeit entdeckten Astronomen immer mehr Objekte jenseits des Neptun. Der Kuipergürtel erwies sich nicht als weitgehend leere Dunkelheit mit dir als einsamem Außenposten. Dort draußen gibt es eine ganze Population eisiger Körper. Spätestens mit der Entdeckung von Eris ließ sich die Frage nicht mehr vermeiden: Wenn Pluto ein Planet ist, warum dann nicht auch Eris? Und wenn Eris einer ist – was ist dann mit anderen großen Körpern wie Makemake oder Haumea? Wie viele Planeten sollte unser Sonnensystem am Ende eigentlich haben?
Ceres kennt dein Schicksal
Plötzlich ging es nicht mehr nur um dich. Es ging um eine grundsätzlichere Frage: Was ist eigentlich ein Planet?
Und dabei warst du nicht einmal der erste Himmelskörper, der die Astronomie vor dieses Problem stellte. Du solltest einmal mit Ceres sprechen. Als Ceres 1801 entdeckt wurde, galt auch sie zunächst als Planet. Doch bald fanden Astronomen zwischen Mars und Jupiter immer mehr ähnliche Objekte. Ceres war kein einsamer Sonderfall, sondern Teil einer ganzen Population im Asteroidengürtel, auch wenn das mit Abstand größte. Also änderte sich ihre Einordnung.
Kommt dir bekannt vor? 2006 liefen eure Geschichten schließlich zusammen. Die Internationale Astronomische Union schuf die Kategorie der Zwergplaneten – und sowohl du als auch Ceres wurden ihr zugeordnet. Ceres zeigt deshalb ziemlich gut, worum es bei deiner Umgruppierung wirklich ging: nicht um einen Angriff auf einen besonders beliebten Himmelskörper, sondern um ein Problem, vor dem Wissenschaft immer wieder steht. Neue Erkenntnisse können alte Kategorien unbrauchbar machen.
Für einen Planeten unseres Sonnensystems legte die Internationale Astronomische Union 2006 drei Kriterien fest. Er muss die Sonne umkreisen. Er muss genügend Masse besitzen, damit seine eigene Schwerkraft ihn annähernd rund formt. Und er muss seine Umgebung entlang seiner Umlaufbahn dynamisch dominieren – vereinfacht gesagt: seine kosmische Nachbarschaft weitgehend „aufgeräumt“ haben. Die ersten beiden Bedingungen erfüllst du problemlos. An der dritten scheiterst du. Du bist Teil des Kuipergürtels und teilst deine Region des Sonnensystems mit zahlreichen anderen Objekten.
Wissenschaftlich korrekt
Und deshalb, lieber Pluto, muss ich dir trotz aller Sympathie etwas sagen, das manche deiner Fans bis heute nicht besonders gern hören: Die Entscheidung war wissenschaftlich richtig. Nicht weil du unwichtig wärst. Nicht weil du kein faszinierender Himmelskörper wärst. Und schon gar nicht, weil irgendein Komitee Jupiter oder Saturn lieber hätte als dich. Sondern weil wissenschaftliche Kategorien sich nach Erkenntnissen richten sollten – nicht danach, welche Einteilung uns Menschen vertraut geworden ist. Natürlich hätte man auch anders entscheiden können. Man hätte dich behalten und Eris sowie weitere vergleichbare Objekte ebenfalls zu Planeten erklären können. Wissenschaftliche Definitionen sind schließlich von Menschen entwickelte Ordnungssysteme.
Doch wenn man zwischen den unterschiedlichen Objekten unseres Sonnensystems sinnvoll unterscheiden wollte, brauchte man eine nachvollziehbare Grenze. Die 2006 gewählte Definition unterscheidet dabei unter anderem danach, ob ein Himmelskörper seine Umlaufregion dynamisch dominiert oder sie mit zahlreichen vergleichbaren Körpern teilt. Und deine kosmische Nachbarschaft teilst du mit vielen anderen. Das ist keine Beleidigung, sondern nur eine Beschreibung. Dass diese Einordnung vielen Menschen trotzdem wehtat, hat wahrscheinlich weniger mit Astronomie als mit nostaligischen Erinnerungen zu tun. Man hatte euch gelernt. Man konnte euch aufsagen. Ihr wart neun, und neun fühlte und fühlt sich richtig an.
Dann kamen Wissenschaftler und sagten: Wir haben Neues gelernt. Deshalb müssen wir unsere Einteilung ändern. Und genau darin liegt eine der großen Stärken der Wissenschaft. Sie darf sagen: Unsere bisherige Vorstellung reicht nicht mehr aus. Wir wissen heute mehr. Also ändern wir sie. Der Talmud formuliert in Berachot 4a einen bemerkenswert nüchternen Gedanken: „Lehre deine Zunge zu sagen: Ich weiß es nicht.“ Das passt erstaunlich gut dazu. Wissenschaft wird nicht dadurch schwach, dass sie Unsicherheit zugibt oder eine frühere Einteilung korrigiert. Schwach wäre sie, wenn sie an einer vertrauten Antwort festhielte, obwohl neue Erkenntnisse längst dagegen sprechen.
Du bist einfach toll
Und mit deiner sogenannten Degradierung wurdest du keineswegs uninteressanter. Im Gegenteil. Als die Raumsonde New Horizons im Juli 2015 an dir vorbeiflog, sah die Menschheit dich zum ersten Mal aus der Nähe. Plötzlich warst du nicht mehr nur ein winziger Lichtpunkt am Rand des Sonnensystems. Wir sahen Berge aus Wassereis. Gletscher aus gefrorenem Stickstoff. Eine erstaunlich abwechslungsreiche Oberfläche. Eine dünne Atmosphäre. Und natürlich dieses riesige helle Gebiet, das ausgerechnet wie ein Herz aussieht. So als ob du uns sagen wolltest: Ihr habt mich degradiert, aber ich liebe euch dennoch! Aus dem kleinen Punkt im Schulbuch wurde eine Welt. Vielleicht steckt darin sogar etwas Tröstliches. Wir Menschen neigen dazu, Bezeichnungen mit Wert zu verwechseln. Planet klingt größer als Zwergplanet. Also müsse ein Zwergplanet irgendwie weniger sein. Aber so funktioniert die Wirklichkeit nicht. Du hast am 24. August 2006 keinen Kilometer deines Durchmessers verloren. Deine Berge und Monde waren am Abend dieselben wie am Morgen.
Kategorien helfen uns, die Wirklichkeit zu beschreiben. Sie erschaffen die Wirklichkeit nicht. Vielleicht ist dieser Drang, die Welt zu benennen und zu ordnen, sogar sehr viel älter als die Astronomie. Schon im zweiten Kapitel der Tora bringt Gott die Tiere zu Adam, damit dieser ihnen Namen gibt. Der Mensch betrachtet die Welt, die bereits vor ihm liegt, unterscheidet und benennt sie. Das ist natürlich keine antike Anleitung für wissenschaftliche Taxonomie. Aber das Bild gefällt mir: Die Wirklichkeit ist zuerst da. Unsere Begriffe kommen danach. Auch du warst längst da, bevor Menschen beschlossen, dich erst „Planet“ und später „Zwergplanet“ zu nennen. Deshalb darfst du ruhig Zwergplanet sein.
Ein bisschen neunter Planet bist du immer noch
Du bist eines der größten bekannten Objekte des Kuipergürtels, besitzt fünf bekannte Monde, eine außergewöhnliche Beziehung zu deinem größten Begleiter Charon und Landschaften, die noch immer Forschungsfragen aufwerfen. Und du hast etwas geschafft, was die meisten Planeten niemals schaffen werden: An dir lässt sich wunderbar erklären, wie Wissenschaft funktioniert. Sie entdeckt Neues. Sie sagt manchmal: „Ich weiß es nicht.“ Und wenn neue Erkenntnisse es verlangen, korrigiert sie ihre eigenen Kategorien. Manchmal muss anschließend sogar der Merksatz der Schulkinder geändert werden.
Natürlich verstehe ich jeden, der dich trotzdem weiterhin ein wenig als seinen neunten Planeten betrachtet. Irgendwie tue ich das auch noch ein wenig, denn wem sagen schon Makemake und Co etwas? Gefühle müssen sich schließlich nicht an astronomische Definitionen halten. In wissenschaftlichen Lehrbüchern sollten wir das allerdings tun. Dort bist du ein Zwergplanet. Genau wie Ceres oder Makemake. Und das ist völlig in Ordnung. Denn vor zwanzig Jahren haben wir nicht verändert, was du bist. Wir haben nur verändert, wie wir dich einordnen.
Du bist noch immer derselbe Pluto.
Alles Gute zum zwanzigsten Jahrestag deiner Degradierung.
Oder nennen wir es besser: deiner wissenschaftlich begründeten Umgruppierung.
Das klingt zwar deutlich weniger dramatisch.
Aber dafür ziemlich nach Wissenschaft.
Herzliche Grüße
von einem Planetenbewohner











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