462 tote Radfahrer, 38 tote E-Scooter-Fahrer und Zehntausende Verletzte in nur einem Jahr – vielleicht ist die Helmpflicht gar kein Angriff auf die Freiheit, sondern schlicht eine Frage der Vernunft. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz
Es gibt in Deutschland kaum eine persönliche Schutzausrüstung (PSA), die so zuverlässig ideologische – oder soll ich besser idiotische sagen – Reflexe auslöst wie der Fahrradhelm. Kaum spricht jemand das Wort „Helmpflicht“ aus, tauchen sie auf, die heroischen Verteidiger der persönlichen Freiheit. Menschen, die im Auto selbstverständlich den Sicherheitsgurt anlegen, beim Motorrad den Helm akzeptieren und beim Skifahren inzwischen ebenfalls immer häufiger einen Kopfschutz tragen, die aber beim Fahrrad plötzlich zu Freiheitskämpfern werden.
Ich brauche keinen Helm.
Ich fahre doch vorsichtig.
Der Staat soll sich aus meinem Leben heraushalten.
Das klingt zunächst plausibel. Allerdings nur bis man sich die blanken Zahlen anschaut.
Die Statistik kennt keine Ausreden
Im Jahr 2025 starben in Deutschland 462 Menschen auf dem Fahrrad bzw. nachdem sie nicht mher drauf saßen, sondern am Boden lagen . Weitere 13.686 wurden schwer und 83.345 leicht verletzt. Jeder sechste Verkehrstote war ein Radfahrer. Die Zahl der Todesopfer ist damit erneut gestiegen. Besonders auffällig ist, dass 217 der getöteten Radfahrer mit einem Pedelec oder E-Bike unterwegs. Das ist mehr als doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Das teilte das Statistische Bundesamt im April 2026 mit. ( Statistisches Bundesamt: Fahrradunfälle 2025 )
Auch bei den E-Scootern zeigt die Entwicklung in die falsche Richtung. Im Jahr 2025 registrierte die Polizei 16.496 Unfälle mit Personenschaden. 38 Menschen kamen ums Leben, 1.895 wurden schwer und 16.184 leicht verletzt. Seit 2021 hat sich die Zahl der E-Scooter-Unfälle nahezu verdreifacht. (Statistisches Bundesamt: E-Scooter-Unfälle 2025.)
Natürlich kann man argumentieren, dass Radfahren und E-Scooter-Fahren immer beliebter werden und deshalb auch die Unfallzahlen steigen. Das stimmt zweifellos. Man kann aber nicht behaupten, dass das Problem klein wäre.
Der Schädel ist kein Airbag
Das menschliche Gehirn wiegt ungefähr 1,4 Kilogramm und besteht zu etwa 75 Prozent aus Wasser. Es liegt in einer knöchernen Schale und ist erstaunlich leistungsfähig. Allerdings besitzt es einen entscheidenden Konstruktionsfehler: Es verträgt keine plötzlichen Begegnungen mit Asphalt oder Beton.
Die Schwerkraft ist dabei ein erbarmungsloser Verhandlungspartner. Sie interessiert sich weder für politische Überzeugungen noch für das individuelle Freiheitsverständnis. Sie rechnet ausschließlich in Metern pro Sekunde zum Quadrat.
Der Helm wirkt. Und zwar deutlich.
Lange Zeit wurde die Wirksamkeit von Fahrradhelmen kontrovers diskutiert. Diese Diskussion ist wissenschaftlich weitgehend beendet.
Eine internationale Metaanalyse aus dem Jahr 2018, die 55 Studien ausgewertet hat, kam zu einem eindeutigen Ergebnis:
* Kopfverletzungen werden um 48 Prozent reduziert.
* Schwere Kopfverletzungen werden um 60 Prozent reduziert.
* Traumatische Hirnverletzungen werden um 53 Prozent reduziert.
* Die Zahl der getöteten oder schwer verletzten Radfahrer sinkt um 34 Prozent.
Die Daten stammen aus der bislang umfassendsten Untersuchung zur Schutzwirkung von Fahrradhelmen. (Høye, *Accident Analysis & Prevention*, 2018)
Eine weitere Metaanalyse mit mehr als 64.000 verunglückten Radfahrern kam sogar zu dem Ergebnis, dass das Risiko tödlicher Kopfverletzungen durch das Tragen eines Helms um 65 Prozent sinkt. (Olivier/Creighton, *International Journal of Epidemiology*, 2017)
Mit anderen Worten: Der Helm funktioniert. Nicht immer. Aber immerhin häufig genug, um jedes vermeintliche Argument gegen seine Nutzung in sich zusammenfallen zu lassen.
Der gefährlichste Unfallgegner heißt Bordsteinkante
Besonders interessant ist ein Detail, das in der öffentlichen Diskussion häufig übersehen wird.
Viele schwere Fahrradunfälle sind gar keine Kollisionen mit Autos. Es sind Alleinunfälle. Ein Schlagloch. Eine Straßenbahnschiene. Eine unachtsame Bewegung. Ein nasses Herbstblatt. Oder neuerdings ein kurzer Blick aufs Smartphone.
Bei den E-Scootern waren 2025 rund 30 Prozent aller Unfälle Alleinunfälle. Fast die Hälfte der tödlich verunglückten E-Scooter-Fahrer starb ohne Beteiligung eines anderen Verkehrsteilnehmers. Man braucht also nicht einmal einen rücksichtslosen Autofahrer, um schwer zu stürzen. Es reicht die eigene Unaufmerksamkeit.
Wie viele Menschen könnten gerettet werden?
Eine seriöse Antwort lautet: Niemand weiß es ganz genau. Denn nicht jeder tödliche Unfall wäre durch einen Helm vermeidbar. Manche Verletzungen betreffen den Brustkorb, die Wirbelsäule oder mehrere Körperregionen gleichzeitig. Die wissenschaftlichen Daten sprechen jedoch dafür, dass sich die Zahl tödlicher Kopfverletzungen um etwa zwei Drittel reduzieren ließe.
Überträgt man die in den Metaanalysen nachgewiesenen Effekte vorsichtig auf die deutschen Unfallzahlen, würde eine flächendeckende Helmnutzung Jahr für Jahr zahlreiche Todesfälle und mehrere Tausend schwere Verletzungen verhindern. Allein diese Aussicht sollte eigentlich genügen, eine Helmpflicht einzuführen.
Das Märchen von der Freiheit
Die eigentliche Frage lautet nämlich nicht: Darf der Staat mir einen Helm vorschreiben? Die eigentliche Frage lautet: Warum akzeptieren wir die Helmpflicht beim Motorrad, aber nicht beim Fahrrad? Warum akzeptieren wir den Sicherheitsgurt im Auto, aber nicht den Kopfschutz auf dem E-Scooter?
Die Antwort ist erstaunlich banal. Weil wir uns daran gewöhnt haben.
Der Sicherheitsgurt war einst ebenfalls ein Symbol staatlicher Bevormundung. Heute würde niemand ernsthaft seine Abschaffung fordern. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich meinen alten R4 mit einem Gurt nachrüsten musste und das erst mal ziemlich doof fand. Aber das ungewohnte Gefühlt, ans Auto gefesselt zu sein, wich bald einem erhöhten Sicherheitsgefühl.
Vielleicht wird man in zwanzig Jahren ebenso verständnislos auf die heutige Debatte über die Helmpflicht zurückblicken. Denn am Ende geht es nicht um Ideologie. Es geht um 462 tote Radfahrer, 38 tote E-Scooter-Fahrer und Zehntausende Verletzte in nur einem Jahr. Und um die einfache Erkenntnis, dass Freiheit ein hohes Gut ist. Ein funktionierendes Gehirn allerdings auch. Möglicherwiese verfügen die Gegner einer Helmpflicht aber auch nicht über ein solches.
Christian ist tot
Mein Freund Christian starb im Alter von 10 Jahren während einer Radtour in den Sommerferien. Das war Ende der 60er Jahre. Da hatte man keine Helme. Sein Kopf schlug, nachdem er von einem LKW überholt wurde und ins Schlingern geriet, auf die Bordsteinkante. Mit Hlem hätte er vielleicht diese Kolumne noch lesen können.











O. Tannenberg
Angesichts der geschilderten persönlichen Tragödie im Freundeskreis werde ich mich aus Gründen des Anstands heute entsprechend zurückhalten. Nur so viel: Ich denke, dass es auch die schiere Masse von durchgesetzten und angedachten Geboten und Verboten ist, die eine wachsende Zahl von Menschen zweifeln lässt, ob man überhaupt noch viele Freiheiten hat. Also wird jede verbliebene Bastion verteidigt, ob es sinnvoll ist oder nicht. Mir geht es da manchmal nicht anders. Bisweilen winke ich nur noch dankend ab, wenn ich mit irgendwelchen «erwachsenenpädagogischen» Vorschlägen konfrontiert werde.
Ich bin oft in bedrohliche Situationen geraten (allein zwischen 10/2015 und 01/2027 wäre ich viermal fast über den Jordan gezogen und man war stets erstaunt über meinen schwarzen Humor), und habe dabei nicht das Hirn verloren, sondern die Angst. Gut, meinem Kind würde ich heute unbedingt einen Helm aufsetzen, da gibt es keinen Widerspruch, aber ich selbst bin zu alt für «staatlich betreutes Fahren». Und zu wenig ängstlich, auch wenn mir mögliche Konsequenten bewusst sind. Allerdings fahre ich ohnehin weder Fahrrad noch E-Scooter, und somit bin ich mal wieder fein raus 😉
Und auch wenn es lange her ist: Mein aufrichtiges Beileid zum Verlust von Christian. Ich weiß zu gut, wie es ist, geliebte Menschen zu verlieren.