Der Mensch putzt, die Maschine kontrolliert

Billie hat einen ziemlich ungewöhnlichen Job. Er arbeitet in einem Hotel in Potsdam, braucht keine Kaffeepause und dürfte auch mit Frühschichten keine größeren Probleme haben. Seit Anfang des Jahres wird der Roboter im Seminaris SeeHotel getestet. Seine Aufgabe besteht darin, durch die Flure zu fahren, Türen zu öffnen und Hotelzimmer zu kontrollieren, nachdem diese vom Reinigungspersonal fertiggestellt wurden. Dabei schaut Billie ziemlich genau hin. Er überprüft beispielsweise, ob Toilettenpapier nachgefüllt wurde. Er kann selbstständig den Toilettendeckel öffnen und nachsehen, ob die Toilette sauber ist. Er kontrolliert, ob Betten ordentlich gemacht wurden, fotografiert Auffälligkeiten und informiert das Personal per App, wenn etwas nachgearbeitet werden muss. Seine künstliche Intelligenz vergleicht den Zustand des Zimmers dabei mit dem hinterlegten Standard des Hotels.

Das ist technisch durchaus beeindruckend. Nur drängt sich dabei eine etwas ketzerische Frage auf: Wer herrscht hier eigentlich über wen?

Wir reden seit Jahren darüber, dass Roboter Menschen körperlich anstrengende, monotone oder unangenehme Tätigkeiten abnehmen könnten. Und dann bauen wir einen Roboter mit Kameras, künstlicher Intelligenz und beweglichem Arm, der selbstständig durch ein Hotel fahren, Türen öffnen und eine schmutzige Toilette erkennen kann. Seine Reaktion darauf lautet allerdings sinngemäß: „Hier ist noch dreckig. Mensch, komm bitte noch einmal her.“ Irgendwie hatte ich mir die Zukunft anders vorgestellt.

Wie weit sind wir technisch?

Natürlich ist das zunächst einmal etwas unfair gegenüber Billie. Etwas als schmutzig zu erkennen und es tatsächlich zu reinigen, sind technisch zwei vollkommen unterschiedliche Aufgaben. Eine Kamera kann vergleichsweise einfach feststellen, dass auf einem Waschbecken noch ein Fleck vorhanden ist. Einen Roboter dazu zu bringen, Reiniger richtig zu dosieren, eine Bürste oder ein Tuch zu greifen, verschiedene Oberflächen mit dem passenden Druck zu bearbeiten, Ecken zu erreichen und anschließend sein eigenes Werkzeug hygienisch zu reinigen, ist erheblich komplizierter. Aber unmöglich ist es längst nicht mehr. Es gibt bereits Roboter, die für die Reinigung öffentlicher Toiletten entwickelt wurden. Systeme können selbstständig Toiletten und Urinale anfahren, Deckel anheben, spülen, Schüsseln und Außenflächen mit Bürsten reinigen und anschließend auch den Boden bearbeiten. Andere kommerzielle Reinigungsroboter übernehmen Toiletten, Urinale und Fußböden, öffnen Türen, sammeln Abfall ein und füllen Wasser und Reinigungschemikalien selbstständig nach. Wir sprechen also nicht mehr über technische Fantasien aus einem Science-Fiction-Film.

Und gerade ein Hotel wäre ein erstaunlich dankbarer Arbeitsplatz für solche Maschinen. Denn Hotelzimmer sind keine chaotischen Privatwohnungen. In vielen Häusern sieht Zimmer 214 fast genauso aus wie Zimmer 114 oder Zimmer 225. Bett, Toilette, Waschbecken, Spiegel, Dusche und Ablagen befinden sich meist an festen Stellen, besitzen dieselbe Größe oder nur eine kleine Auswahl an Optionen. Ein moderner Roboter könnte sich mit Kameras, Sensoren und künstlicher Intelligenz zwar auch in unterschiedlich eingerichteten Zimmern orientieren. Aber standardisierte Räume machen die Aufgabe deutlich einfacher. Gerade Hotels könnten diesen Vorteil bewusst nutzen. Bei Neubauten oder Renovierungen ließen sich Einrichtung und Bewegungsflächen so gestalten, dass sie nicht nur für Menschen praktisch, sondern auch möglichst robotergerecht sind. Dann müsste die Maschine nicht jedes Zimmer jedes Mal vollständig neu verstehen. Viele Bewegungsabläufe könnten sich wiederholen, während die künstliche Intelligenz vor allem dort gefragt wäre, wo tatsächlich etwas vom Normalfall abweicht.

Ein geregelter Ablauf

Standardisierung würde künstliche Intelligenz also nicht ersetzen. Sie würde deren Einsatz einfacher, zuverlässiger und vermutlich auch günstiger machen. Man könnte dem Roboter dann schlicht ein Verfahren geben:

Reinigen.

Prüfen.

Noch nicht sauber?

Noch einmal reinigen.

Wieder prüfen.

Immer noch nicht sauber?

Das Reinigungsprogramm anpassen. Die Stelle intensiver bearbeiten. Das Werkzeug oder das Reinigungsmittel wechseln.

Wieder prüfen.

Und wenn auch das nicht funktioniert, passiert etwas Revolutionäres:

Dann ruft der Roboter einen Menschen.

Nicht umgekehrt. Das wäre eigentlich genau jene Form von Automatisierung, die wir uns seit Jahrzehnten versprechen. Die Maschine übernimmt den standardisierten Normalfall. Der Mensch kümmert sich um die Ausnahme. Natürlich würde auch ein sehr guter Reinigungsroboter nicht jedes Hotelzimmer vollständig alleine bewältigen können. Gäste haben ein beeindruckendes Talent dafür, Zustände zu hinterlassen, an die bei der Entwicklung eines Standardprogramms vermutlich niemand gedacht hat. Bettwäsche ist für Maschinen ebenfalls wesentlich schwieriger zu handhaben als eine feste Toilettenschüssel. Gegenstände liegen herum, Möbel wurden verschoben, irgendetwas ist kaputt oder eine Verschmutzung benötigt besondere Behandlung. Genau dort ist der Mensch einer Maschine überlegen. Aber ein Roboter müsste gar nicht die gesamte Arbeit übernehmen, damit er nützlich wäre. Wenn eine Maschine irgendwann einen großen Teil der immer gleichen Routinearbeiten erledigen könnte und ein Mensch nur noch für die problematischen Fälle gerufen würde, wäre bereits viel gewonnen.

Lasst uns mutiger sein

Nun wäre es allerdings falsch, Billie deshalb zum Symbol einer vollkommen verdrehten Arbeitswelt zu erklären. Denn auch die Kontrolle eines Hotelzimmers ist Arbeit. Was Billie heute erledigt, müsste sonst zumindest teilweise ein Mensch übernehmen. Genau darin liegt schließlich der Sinn seines Einsatzes: Routinekontrollen sollen automatisiert werden, damit Beschäftigte mehr Zeit für andere Aufgaben haben. Künftig soll Billie beispielsweise auch beim Einrichten von Konferenzräumen helfen. Auch das ist Entlastung.

Nur bleibt trotzdem eine interessante Frage: Warum automatisieren wir hier zuerst die Kontrolle der körperlichen Arbeit und nicht die körperliche Arbeit selbst?

Vielleicht liegt die Antwort schlicht darin, dass Kontrolle technisch leichter ist. Dann wäre Billie kein Zeichen einer falschen Entwicklung, sondern lediglich ein Zwischenschritt. Heute erkennt der Roboter die schmutzige Toilette. Morgen reinigt er sie vielleicht selbst. Aber gerade dieser Zwischenschritt zeigt ziemlich anschaulich, dass Automatisierung nicht automatisch bedeutet, dass Maschinen zuerst diejenigen Tätigkeiten übernehmen, die für Menschen besonders anstrengend oder unangenehm sind. Und damit wird Billie für mich weniger zu einer Geschichte über künstliche Intelligenz als zu einer Geschichte über unsere Vorstellung von Arbeit.

Denn vielleicht stellen wir bei Automatisierung manchmal die falsche Frage. Wir fragen sehr häufig:

Welche Arbeit können Maschinen übernehmen?

Vielleicht sollten wir häufiger fragen:

Welche Arbeit sollten Maschinen übernehmen?

Zimmerreinigung ist körperliche Arbeit. Betten müssen gemacht, Badezimmer gereinigt, Böden gewischt und Gegenstände bewegt werden. Beschäftigte erledigen diese Aufgaben Zimmer für Zimmer, Tag für Tag. Wenn Maschinen einen Teil davon übernehmen könnten, wäre das ein ziemlich überzeugender Einsatz von Technik. Menschen könnten sich stärker um Ausnahmen kümmern, Schäden beurteilen, besondere Wünsche von Gästen erfüllen und diejenigen Aufgaben erledigen, für die Erfahrung und menschliche Flexibilität tatsächlich gebraucht werden. Billie zeigt dabei zunächst noch eine andere Seite der Automatisierung: Der Mensch erledigt weiterhin die körperliche Arbeit. Die Maschine kontrolliert anschließend, ob sie ordentlich gemacht wurde.

Das ist nicht nutzlos. Schließlich entlastet auch diese Kontrolle einen anderen Menschen von einer monotonen Aufgabe. Aber genau darin zeigt sich, dass Automatisierung nicht nur eine technische Frage ist. Maschinen können Menschen von belastenden Tätigkeiten befreien. Sie können aber ebenso dazu dienen, menschliche Arbeit genauer zu erfassen, zu bewerten und zu kontrollieren. Wahrscheinlich werden wir beides tun. Beides ist Automatisierung. Aber gesellschaftlich ist es keineswegs dasselbe.

Vielleicht sollte die Zukunft der Arbeit deshalb nicht darin bestehen, dass irgendwo ein Mensch mit einer Toilettenbürste steht, während hinter ihm ein technisch hochgerüsteter Roboter mit künstlicher Intelligenz wartet und anschließend prüft, ob er gründlich genug geschrubbt hat. Lasst uns mutiger sein. Wenn der Roboter schon erkennt, dass die Toilette schmutzig ist, hätte ich einen ziemlich altmodischen Vorschlag: Gebt ihm einfach eine Bürste.

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