Das Hinterkopf-Signal

Während eines offiziellen Vereinsstammtisches meines Clubs FC St. Pauli wurde ein Foto als medialer Beweis angefertigt. Auf diesem Foto ist etwas eigentlich menschlich sehr Wertvolles zu entdecken: drei Hinterköpfe männlicher Kollegen aus der Fanszene. In der Mitte dieses Fotos darf ich die eigene Rückansicht meines Schädels begutachten.

Dieses Foto hat eine Signalwirkung auf mich. Da entwickelt sich so eine Art Kniescheibeneffekt. Etwas, das ich selbst sonst nicht zu sehen bekomme. Normalerweise sagt man ja, dass in so einem Hinterkopf eine Menge drinsteckt, seien es auch nur viele Flausen und Unfug. Da ich aber bereits in einer früheren Kolumne über den Rückbau meines Haupthaars dozierte, schlug diese Entdeckung ziemlich ins Kontor.

Nicht alles ist mehr bedeckt!

Es ist vorbei damit, mit geschlossener Matte cool und unangreifbar zu wirken, um bei allen möglichen Frisuren mit Frauen mithalten zu können. Die Zeit des Headbangens und Moshens ist Vergangenheit. Es bildet sich etwas weiter zurück. Geheimratsecken sind ja noch lässig, doch wenn der Hinterkopf eine offene Wunde darstellt, muss man sich in Beiträgen endgültig um Inhalte bemühen. Gerade in solchen Zeiten, in denen Leute unserer Generation politische Inhalte von den Bühnen der Welt verschwinden lassen wollen – siehe James Hetfield, den Frontmann von Metallica.

„Ich muss einfach mal sagen: Im Gegensatz zu manch anderen Entertainern sind Metallica nicht hier, um euch mit ihrem Bullshit zu beeinflussen.“

Und dann kommt nur noch Bullshit im Sinne inhaltlicher Verdrehung dessen, was eigentlich eine politische Botschaft darstellt. Im Grunde genommen ist ja beinahe alles politisch, insbesondere natürlich eine solche Aussage auf einer öffentlichen Bühne als Marketingstrategie.

Der konservative Schädel!

Naiv in meinen haarigen Weltbildern gefangen, ging ich früher davon aus, dass der Haupthaarverlust von Männern zwangsläufig mit dem Konservatismus einherginge. Zumal bei älteren Herren ja nicht selten Theorien über politische Veränderungen im Laufe der Lebensjahre wuchern. Man habe jung links zu sein, um dann irgendwann im Lebensverlauf im Nirwana der politischen Unkenntlichkeit zu landen und sich nebenbei dem Altherrenwitz als pikantem Nebenvergnügen zu widmen. Insofern waren für mich als jungen Menschen nicht selten schüttere Herren eine sozusagen erschütternde Herausforderung. Ausnahmen waren die gut aussehende Glatze meines Vaters und das Oranium des Status-Quo-Frontmannes Francis Rossi, den ich immer als eine Art irlandese-italiano-Vorbild aus London betrachtete. Als dieser sich 2009 seinen immer dünner gewordenen Zopf abschneiden ließ, war ich sehr überzeugt von der Richtigkeit seiner Entscheidung.

Die Radikalität des Alters!

Es dauerte tatsächlich, bis ich begriff, dass der Verlust des Haupthaars im Alter zunimmt, es sei denn, man kann dies durch physische Tricks, gewisse überteuerte Mittel, Zauberkunst oder bestimmte Gene verhindern. Nun stehe ich etwas ratlos da, aber enorm herausgefordert, wenn ich beim Fingertest meines Hinterkopfes an manchen Stellen die Herbstkühle norddeutscher Landschaften verspüre.

Man muss jetzt das Gegebene – dieses Entstehen der „Kniescheibe“ durch die Radikalität des Alters – also verteidigen, auch wenn ich nicht genau weiß, was Letzteres bedeutet. Vermutlich ein Abfallprodukt unserer Alltagsphilosophie, mit der wir die Forenchats des Seniorenmediums Facebook verstopfen. Alte Säcke versus junge Bots sozusagen.

Die Zeile des guten alten Helge Schneider: „Wildes Mädchen – schüttel dein Haar für mich …!“, bekommt also eine ganz andere Bedeutung.

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